Alle reden von Krise. Es entsteht der Eindruck, unser Wohlstand würde bröckeln. Die Politökonomin Maja Göpel sieht das anders. Und eröffnet eine neue Perspektive auf die Zukunft.
Alle reden von Krise. Es entsteht der Eindruck, unser Wohlstand würde bröckeln. Die Politökonomin Maja Göpel sieht das anders. Und eröffnet eine neue Perspektive auf die Zukunft.
Wenn es um Wohlstand geht, schauen viele aufs Bruttoinlandsprodukt (BIPI). Es zeigt an, wie viel in einem Land in einem bestimmten Zeitraum wirtschaftlich geleistet wurde. In Deutschland ist das BIP laut Berechnungen des Statistischen Bundesamts (Destatis) 2025 um 0,2 Prozent gestiegen. Das ist wenig, aber ein minimaler Aufwärtstrend.
Und es gibt noch positivere Zahlen. Laut Forschern der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ist unser gesellschaftlicher Wohlstand gewachsen. Um 2,3 Prozent hat er demnach im Jahr 2024 im Vergleich zum Vorjahr zugelegt.
Für ihre Berechnungen haben die Forscher den sogenannten Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI) entwickelt. Er ergänzt das BIP um Aspekte wie Einkommensverteilung und CO2-Emissionen. Auch die Politökonomin Maja Göpel sagt zu FOCUS online auf der diesjährigen DLD-Konferenz in München: „Eigentlich ist der Blick auf unseren Wohlstand total positiv.“
Wohlstandsforschung gebe uns „Handlungsfreiheit“. Denn: „Sie fragt: Unter welchen Bedingungen fühlen sich Menschen gut versorgt? Das geht in Richtung gutes Leben, also was sagen Menschen, dass in einer Gesellschaft gegeben sein sollte, damit sie sich wohl fühlen?“
Eine sichere Versorgung mit Wasser, sauberer Luft, Nahrungsmitteln, einem Dach über dem Kopf, einem Arbeitsplatz spielen Göpel zufolge eine zentrale Rolle. Genauso wie Gesundheit und die „Qualität der Beziehungen“, das bedeutet: „Bin ich gut eingebettet in mein Umfeld?“
Für die Politökonomin und Transformationsforscherin steht fest: Wohlstand setzt sich aus sehr vielen qualitativen Merkmalen zusammen. „Und das ist das, was beim Wohlstand beziehungsweise in der Wachstumsfrage unterschieden wird. Muss es immer mehr materielles Zeug sein oder geht es auch um immaterielles Wachstum?“
Aus Göpels Sicht sollten wir, wenn wir die Frage nach der Wohlstandsentwicklung beantworten wollen, nicht nur auf das BIP starren. Wenn wir auf die „realen“ Begebenheiten schauen, haben wir, so erklärt sie es, „ganz andere Möglichkeiten“.
Das Thema Nachhaltigkeit nimmt in ihrer Argumentation viel Raum ein. „Das ist ja in der Kreislaufwirtschaft angelegt. Zu versuchen, so wenig wie möglich aus dem Planeten herauszunehmen und die Rohstoffe, die wir haben, so oft wie möglich nutzbar zu machen“, sagt die Politökonomin. Zur Veranschaulichung nennt sie das „Bohrmaschinen-Beispiel“.
Man müsse sich fragen, ob wirklich jeder eine Bohrmaschine im Keller liegen haben muss, um ein Loch in die Wand zu bohren. „Mein Bedürfnis ist ja, ein Loch in die Wand zu machen und nicht, Bohrmaschinen zu stapeln.“ Sie spricht von einer nutzungsorientierten statt einer besitzorientierten Ökonomie, einer „Dienstleistungsgesellschaft“.
„Und dann kann ich auch gucken: Wie schaffe ich die Dienstleistung mit dem leichtesten ökologischen Fußabdruck?“, sagt Göpel. Daraus würden sich neue Dynamiken und Lösungsräume ergeben, „ohne, dass sich überall das materielle Zeug stapeln muss“.
Natürlich kann man ihre Position auch kritisch sehen. Das Gegenargument: Wenn weniger Güter gekauft werden, verdienen Firmen auch weniger und reduzieren ihre Mitarbeiterzahlen. Das könnte sich negativ auf unseren Wohlstand auswirken.
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