Immer mehr Alltagsgeräte sind digital vernetzt und sammeln Daten, die oft in abgeschotteten Systemen der Hersteller verbleiben. Der europäische Data Act soll dies ändern und den Nutzern die Kontrolle über ihre Daten zurückgeben.
Immer mehr Alltagsgeräte sind digital vernetzt und sammeln Daten, die oft in abgeschotteten Systemen der Hersteller verbleiben. Der europäische Data Act soll dies ändern und den Nutzern die Kontrolle über ihre Daten zurückgeben.
Autos, Heizungen, Kaffeemaschinen, Fitnessuhren – immer mehr Geräte im Alltag sind digital vernetzt. Sie sammeln Daten, werten sie aus und schicken sie an die Hersteller. Doch wer diese Daten nutzt und zu welchem Zweck, erfahren die Besitzerinnen und Besitzer in der Regel nicht. Meist bleiben die Informationen in abgeschotteten Systemen der Unternehmen.
Das kann teuer und unpraktisch werden: Bei modernen Fahrzeugen oder Smart-Home-Systemen haben meist die Hersteller den besten Zugriff auf die relevanten Daten. Freie Werkstätten, alternative Dienstleister oder die Nutzer selbst sind oft ausgeschlossen. Auch der Wechsel zwischen Cloud-Diensten ist kompliziert und teuer. Kurz: Die Kontrolle über die eigenen Daten liegt bislang selten bei denen, die sie erzeugen.
Hermann Sauer ist IT-Sicherheitsexperte engagiert sich seit über 20 Jahren für Datenschutz und Online-Anonymität. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Genau hier setzt der europäische Data Act an. Das neue Gesetz soll ab September 2026 dafür sorgen, dass die Hoheit über Daten dorthin zurückkehrt, wo sie hingehört – zu den Menschen, die sie erzeugen. Hersteller müssen künftig sicherstellen, dass Nutzerinnen und Nutzer auf die Daten ihrer Geräte zugreifen können. Diese Daten sollen in einem standardisierten, maschinenlesbaren Format bereitgestellt werden, sodass sie sich einfach exportieren, analysieren oder mit Dritten teilen lassen.
Damit will die EU mehr Wettbewerb, Innovation und Transparenz schaffen – und verhindern, dass einzelne Hersteller oder Digitalkonzerne ihre Kunden in geschlossene Systeme zwingen. Die Regeln gelten zunächst für Geräte, die ab dem 12. September 2026 verkauft werden. Für ältere Geräte kann die Umsetzung folgen, sofern es technisch möglich ist.
In Deutschland wird derzeit an der Anpassung der nationalen Gesetze gearbeitet, um den Data Act wirksam umzusetzen. Dabei geht es vor allem um die Abgrenzung zu bestehenden Vorschriften wie dem Urheberrecht und der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO).
Bislang waren Wartung und Service oft mit Abhängigkeiten verbunden. Zwar können auch freie Werkstätten Fehlercodes und Diagnosedaten eines Autos auslesen, dafür muss das Fahrzeug jedoch vor Ort sein. Die Hersteller dagegen können viele Daten schon während des Betriebs aus der Ferne abrufen – etwa Informationen über Batterie, Motorsteuerung oder Softwarezustand. Diese ungleiche Datensituation verschafft ihnen einen klaren Vorteil bei Wartung und Ersatzteilen.
Der Data Act soll das ändern: Künftig sollen auch die Besitzerinnen und Besitzer selbst auf aktuelle Fahrzeugdaten zugreifen und diese – wenn sie möchten – an Dritte weitergeben können. So kann ein Elektroauto mit Batteriewarnung künftig auch von einem unabhängigen Dienst überprüft werden, ohne dass der Hersteller die Daten exklusiv kontrolliert. Das gilt ebenso für Haushaltsgeräte oder Heizsysteme, deren Sensoren technische Werte wie Laufzeiten oder Energieverbrauch erfassen. Das Ergebnis: mehr Auswahl, geringere Kosten und eine längere Lebensdauer der Geräte.
Auch im Smart Home sorgt der Data Act für Erleichterung. Heute lassen sich Heizung, Stromzähler und Fenstersensoren meist nur mit technischem Know-how verbinden. Künftig können die Daten dieser Geräte leichter kombiniert werden: Wird ein Fenster geöffnet, regelt die Heizung automatisch herunter – unabhängig vom Hersteller. Oder der Stromverbrauch eines Haushalts wird mit den Erträgen der Solaranlage abgeglichen, um Energie effizienter zu nutzen. So werden Smart-Home-Systeme alltagstauglich, energiesparend und benutzerfreundlich.
Der Data Act stärkt außerdem das Prinzip der Datenhoheit. Nutzerinnen und Nutzer entscheiden künftig selbst, wer auf ihre Daten zugreifen darf – und zu welchem Zweck. Ein Landwirt kann etwa Sensordaten seiner Traktoren an einen Agrardienst übermitteln, der Ernteerträge optimiert. Eine Cafébetreiberin kann Leistungsdaten ihrer Kaffeemaschine an einen Wartungsdienst weitergeben, um Energie zu sparen oder Qualitätsprobleme frühzeitig zu erkennen.
Transparenz ist ein Kernprinzip des Data Acts. Hersteller müssen offenlegen, welche Daten sie sammeln, wo sie gespeichert werden und wie sie verwendet werden. Beim Kauf eines Staubsaugerroboters ist künftig ersichtlich, ob Raumkarten lokal oder in der Cloud gespeichert werden – und wem diese Daten gehören. So können Verbraucherinnen und Verbraucher bewusster entscheiden, welchem Produkt sie ihre Daten anvertrauen.
Auch beim Speichern und Verarbeiten von Daten soll mehr Wettbewerb entstehen. Cloud-Anbieter wie Amazon oder Microsoft müssen den Wechsel zu anderen Anbietern erleichtern, damit Nutzer ihre Daten einfacher mitnehmen können. So verringert der Data Act Abhängigkeiten von großen Plattformen.
In bestimmten Krisensituationen – etwa bei Naturkatastrophen, Pandemien oder großflächigen Störungen – dürfen Behörden auf Daten privater Unternehmen zugreifen, wenn diese für den Schutz der Bevölkerung notwendig sind. So könnten Sensordaten aus Fahrzeugflotten, Navigationssystemen oder Wetterstationen helfen, Evakuierungen besser zu planen oder Hilfsmaßnahmen zu koordinieren. Ein solcher Zugriff ist jedoch streng geregelt, zeitlich begrenzt und muss verhältnismäßig sein.
Der europäische Data Act ist ein Meilenstein auf dem Weg zu mehr digitaler Selbstbestimmung. Er sorgt dafür, dass Daten nicht länger in Silos verschwinden, sondern dort wirken, wo sie entstehen – bei den Menschen. Wenn die Umsetzung gelingt, profitieren Verbraucherinnen und Verbraucher durch mehr Freiheit, niedrigere Kosten und neue Möglichkeiten. Europa zeigt damit, dass Digitalisierung nicht nur eine Frage der Technik ist, sondern auch eine der Fairness.