Nachkommen der Widerstandskämpfer gegen den NS wehren sich gegen die Vereinnahmung ihrer Vorfahren durch rechte AfD-Wölfe im Schafspelz
Tobias Korenke (im Hintergrund) und Gemma Pörzgen (im Vordergrund) widersetzen sich der Vereinnahmung der Widerstandskämpfer*innen gegen den NS durch die AfD.
Foto: dpa/Sebastian Gollnow
Es war mal wieder 20. Juli, und abermals gedachte Deutschland mutigen Menschen, die sich im Widerstand zum Nationalsozialismus engagierten. Manchen Teilnehmer*innen der Gedenkveranstaltung in Berlin war das alljährliche Paradesitzen und das blutleere Wiederholen richtiger und notwendiger Phrasen zum Antifaschismus zu wenig und ein Kranz der AfD-Bundestagsfraktion brachte Nachkommen der ermordeten Held*innen dazu, selbst antifaschistische Handarbeit anzulegen.
Tobias Korenke, Großneffe des NS-Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer und Enkel des Widerständlers Rüdiger Schleicher, sowie die Journalistin Gemma Pörzgen, Enkelin der Widerstandskämpfer*innen Heinrich Körner und Therese Körner, waren nicht gewillt den AfD-Kranz hinzunehmen – an dem Ort, an dem Teilnehmer des gescheiterten Putschversuchs gegen Hitler um Claus Schenk Graf von Stauffenberg hingerichtet wurden. Im Handgemenge schaffte es Gemma Pörzgen schließlich, den Kranz im Landwehrkanal zu entsorgen.
Und die AfD? Gibt sich ungewohnt ruhig, wo doch die Opferrolle Wesenskern dieser rechtsextremen Mimosen ist. Statt dazu aufzurufen, künftig auch der AfD und ihren »Opfern des Meinungsterrors« am 20. Juli zu gedenken, hatte man sich dazu durchgerungen, den Vorfall geräuscharm an sich vorbeiziehen zu lassen. Der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD, Götz Frömming, sprach lediglich von einer »unwürdigen Störung des Gedenkens« und dass man den Herrn gerne zu einem Gespräch über Programm und Ziele der Partei einladen würde.
Es ist offensichtlich, dass die AfD nicht in die Rolle des Antagonisten von Nachfahren der Widerstandskämpfer*innen gegen den NS schlüpfen will, weil sie ansonsten selbst zu sehr in die Nähe des Nationalsozialismus geschoben würde. Dabei ist der Aufstand der Angehörigen der Widerstandskämpfer*innen vollkommen berechtigt. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die AfD mit deren Vorfahren schmücken will. Beatrix von Storch implizierte 2016, die AfD stünde in der Tradition der weißen Rose. Im Netz kursierten Slogans von AfD-Kreisverbänden mit »Sophie Scholl würde AfD wählen«. Auch mit Stauffenberg schmückt sich die AfD gerne.
Ein Themenabend des hessischen Landesverbandes trug im Juli 2018 etwa den Titel: »Widerstand heute? Von Graf Stauffenberg zum Grundgesetz Artikel 20 IV«. Und auf einer AfD-Veranstaltung in Dessau Anfang Juli scherzte der AfD-Hofnarr Uwe Steimle: »Wenn ich Friedrich Merz sehe, frage ich mich manchmal, wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht.« Ein wahrer Schenkelklopfer für AfD-Chef Tino Chruppalla und Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Ob Merkel, Scholz oder Merz, überall sieht die Partei Diktator*innen.
In einem schändlichen janusköpfigen Schauspiel von Leichenfledderei präsentiert sie sich derweil als Reinkarnation jener alten Widerstandskämpfer*innen gegen Hitler, im Kampfe gegen das jetzige vermeintliche diktatorische, böse Regime. Gleichzeitig beziehen sich diese, selbst vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften Grabschänder teilweise positiv auf Elemente des Nationalsozialismus. Es gibt in der AfD einen unbändigen Drang, den tragischen Helden zu mimen. Was würde man geben, wenn man nicht nur tatsächlich ein wenig verfolgt werden würde. Ein, zwei Blutzeugen für den völkischen Kampf, da ginge das blaue Herz förmlich auf – der Underdog, der gegen böse Mächte für die Rettung seines Landes kämpft und alles wieder zum Guten richtet.
Gleichzeitig ist man jedoch gewillt, eben jenen bösen Tyrannen zu spielen, gegen den man sich eigentlich aufzulehnen versucht. Björn Höcke beschrieb dies trefflich in seinem Buch »Nie zweimal in denselben Fluss« von 2018, man werde wohl zukünftig »nicht um eine Politik der ›wohltemperierten Grausamkeit‹ herumkommen«. Der Zorn eines Tobias Korenke und einer Gemma Pörzgen sind mehr als verdient – sie sind für das weitere Bestehen dieser parlamentarischen Demokratie notwendig.
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