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Comic: Die Kraft der Sonne

Дата публикации: 05-10-2026 22:00:00

Der Zeichner Vincent Perriot bietet viel Phantasie und Können auf, um aus den Fakten, Zusammenhängen und Ideen kein ödes oder deprimierendes Lehrbuch zu machen, sondern einen spannenden, überraschenden, erhellenden Sachcomic.

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Nach den ersten Seiten möchte man das vielversprechende Buch gleich in die Ecke pfeffern. Ein jüngerer und ein mittelalter Herr steuern ein Raumschiff zum Heimatplaneten. »Anno Domini 3019 … Die Menschheit hat endgültig den Weltraum erobert.« Doppelseite: die Erde umgeben von Raumstationen, Flieger überall. Wir erfahren, dass die Marskolonisierung zu teuer und gefährlich war, darum diese riesigen futuristischen Stationen in Erdnähe. »Sie drehen sich langsam um sich selbst und erzeugen so für ihre Bewohner*innen ein perfektes Gefühl der Schwerkraft. Der Mond ist zum Versorgungslager geworden und liefert den terrestrischen und toroidalen (also auf den Stationen ansässigen, M. H.) Bevölkerungen Energie und Industrieprodukte, was nebenher dazu führte, dass Rohstoffabbau und Umweltverschmutzung auf der Erde drastisch zurückgingen. Für die seltensten Minerale werden nun einige weiter entfernte Asteroiden ausgebeutet. Beim derzeitigen Tempo des Abbaus hält der Asteroidengürtel noch Vorräte für Zehntausende Jahre bereit!« Hier sieht man ein libellenartiges Gerät an einem Felsbrocken saugen. »All das verdanken wir dem beherzten Engagement einiger Visionäre. Tausend Jahre zuvor, am 9. Mai 2019, stellte Jeff Bezos, der berühmte Amazon-Gründer, im Washington Convention Center die zukünftige Mondlandefähre Blue Origin vor.« Der sinniert dann, dass wir im Weltall unendliche Ressourcen gewinnen können. Anschließend kommt Bezos’ Mentor Gerard O’Neill zu Wort, der schon in den 1970ern von der Besiedelung des Weltraums fabulierte, ein »Visionär«, der im All die neue amerikanische »Frontier« sah. Verständlich also, wenn man die Lektüre auf Seite elf beendet. Wer kann den Space-Quatsch von Bezos, Musk und Konsorten denn noch hören, geschweige denn glauben? Fällt uns zu Ressourcen echt nichts anderes ein, als auf der Erde alle auszubeuten und dann im Weltraum neue zu suchen? Hat denn keiner mal die Energiebilanz eines solchen Unternehmens nachgerechnet?

Die beiden Herren, die durch den Comic, den Weltraum und die Zeit führen, sind der Sachbuchautor Philippe Bihouix und der Zeichner Vincent Perriot. Dieser hat jenen vor ein paar Jahren auf einer Straße in Bordeaux erkannt, nachdem dessen Beiträge über Lowtech und Ressourcen ihn bei seinen Science-Fiction-Comics inspiriert hatten. Die beiden kamen ins Gespräch, und so ergab sich die Idee zu einem Sachcomic. Bihouix hat nachgerechnet, und jede des Comiclesens mächtige Grundschülerin kann seine Berechnungen z. B. zum wachsenden Energieverbrauch nachvollziehen: »Nehmen wir einen Fußball von 20 cm Durchmesser und dazu ein Volumenwachstum von zwei Prozent pro Jahr. Alle 35 Jahre verdoppelt sich das Volumen des Balls. Jedes Jahrhundert vergrößert er sich um einen Faktor von 7,24. In einem Jahrtausend würde sich das Volumen um den Faktor 400 Millionen vergrößern. (…) Wenn wir vom aktuellen menschlichen Energiebedarf ausgehen und von ›nur‹ zwei Prozent Wachstum pro Jahr, bräuchten wir in 1.550 Jahren die gesamte Kraft der Sonne.« Und, Wunder der Exponentialität, 35 Jahre später schon zwei, nach siebzig Jahren vier und nach insgesamt 3.000 Jahren eine ganze Galaxie.

Mit Rohstoffen verhält es sich nicht anders – der Verbrauch steigt. Selbst bei vollständigem Recycling und gleichbleibendem Gebrauch gibt es einen Schwund von wenigen Prozent, der über kurz oder lang dazu führt, dass die Rohstoffe erst immer schwerer, dann gar nicht mehr zu beschaffen sind. Menschen, die glauben, die Technik werde dieses und überhaupt alle Probleme lösen können, nennt Bihouix »Cornucopier«, vom lateinischen Wort für das nie versiegende Füllhorn aus der griechischen Mythologie. Dazu gehörten namhafte Denker wie Roger Bacon, Descartes, Condorcet oder William Godwin, der schon im frühen 19. Jahrhundert von der Unsterblichkeit des Menschen träumte. Andere wie dessen Tochter Mary Shelley oder ihr Zeitgenosse Thomas Malthus zweifelten schon früh am ewigen Fortschritt.

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Zu den heutigen Füllhornochsen zählen neben dem gesamten wundergläubigen Silicon Valley alle »Wirtschaftsweisen« und sonstigen Wachstumsprediger, die trotz aller Propaganda in wenigen Jahren vergessen sein werden, wenn den im Comic zitierten Vordenkerinnen und Philosophen wie Nicholas Georgescu-Roegen, Rachel Carson, Jacques Ellul, William Stanley Jevons, Gina Lombroso oder Edward Abbey endlich die ihnen gebührende Aufmerksamkeit zuteil wird und die ebenfalls aufgeführten Pasolini, Solschenyzin, Melville oder die alten Griechen auch für ihre Umweltgedanken geschätzt werden.

Der Zeichner Vincent Perriot bietet viel Phantasie und Können auf, um aus den Fakten, Zusammenhängen und Ideen kein ödes oder deprimierendes Lehrbuch zu machen, sondern einen spannenden, überraschenden, erhellenden, ein wenig hoffnungsvollen und dank der Kolorierung durch Maëlys Cantreau auch ansehnlich bunten Sachcomic. Bihouix und Perriot reiten auf Dinosauriern, Libellen, Fahrzeugen und Flugmaschinen durch Raum, Zeit und verschiedene Maßstäbe, zwölf Seiten Anhang erklären und vertiefen. Wir verstehen, warum Effizienzsteigerung nie zu Ressourcenersparnis führt, wie viel Rohstoffe in Handys, Kleidung und Sachcomics stecken und dass ein Erfindungsmoratorium nicht das Ende des guten Lebens bedeutet, sondern vielleicht erst dessen Anfang.

Leider erklärt das Buch nicht, warum wir nicht schon längst klüger wirtschaften oder was nötig wäre, damit aus dem Wissen auch Wirklichkeit wird. Auch dazu haben sich ja gewisse Geistesgrößen schon geäußert.

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