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MAGAZINRUNDSCHAU: Haben wir Rechte?

Дата публикации: 28-07-2026 10:00:00

In Equator setzt Arundhati Roy nur vorsichtig auf die Bewegung der Küchenschaben zur Rettung der Demokratie Indiens. In The Ideas Letter denkt Mark Leonard darüber nach, wie rechte Bewegungen die alten Parteien verdrängen konnten. In Tunesien wird die Mär von einem großen Bevölkerungsausstausch immer populärer, beobachtet Africa is a Country. Der Guardian beschreibt einen Irak, der zwischen den USA und Iran eingeklemmt ist und auch von innen bekämpft wird. Der New Yorker befasst sich mit den "Frenchmen". In The Point erzählt Carlo Ginzburg, wie er den Opfern eine Stimme geben wollte und sich plötzlich auf einer Seite mit dem Inquisitor wiederfand.

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Equator (USA), 23.07.2026

Für das staatliche Zulassungsverfahren an medizinischen Hochschule in Indien bereiten sich junge Inder oft jahrelang vor, die teure Prüfungsgebühr kostet Familien mitunter ihren ganzen Besitz. Nachdem dieses Jahr die Antworten geleakt worden waren, zahlreiche Studenten in Folge Suizid begingen und einer der Obersten Richter in Indien junge arbeitslose Inder als "Kakerlaken" bezeichnet hatte, bildete sich nach einem X-Post die "Cockroach Janta Party", die wie ein Sturm durch Delhi fegt, staunt Arundhati Roy. Weder Schlagstöcke und Schüsse, noch die Sperrung des Internets oder Staatspropaganda über die Medien hielten die jungen Menschen davon ab, zum Parlament vorzudringen und den Bildungsminister schließlich zum Rücktritt zu drängen. Bei aller Bewunderung für die Bewegung hat Roy angesichts eines Regimes, das mit "faschistischer Eisenfaust" regiert, wenig Hoffnung auf Änderung: "Heute, im Jahr 2026, sind wir dazu verdammt, um unser Wahlrecht und unsere Staatsbürgerschaft zu kämpfen. Das Gesetz zur Änderung des Staatsbürgerschaftsrechts (CAA) und das Nationale Staatsbürgerschaftsregister (NRC) sind eine 'Hindu-Rashtra'-Version der Nürnberger Gesetze von 1935, nach denen deutschen Bürgern vom Dritten Reich die Staatsbürgerschaft in Abhängigkeit von ihren 'Urkunden über die Herkunft' gewährt wurde. (Wie viele Menschen in Indien verfügen über solche Papiere?) Die Bewegung gegen CAA und NRC ebbte ab, nachdem die Massenproteste zur Ermordung von Demonstranten und zur Inhaftierung von Aktivisten geführt hatten. Doch die Proteste veranlassten die Regierung dazu, die Umsetzung dieser neuen Gesetze zu verlangsamen. Nun jedoch sind CAA und NRC, von denen viele zu Recht annahmen, dass sie vor allem gegen Muslime gerichtet seien, zurückgekehrt - getarnt als SIR (Special Intensive Revision) der Wählerverzeichnisse. Uns wurde beiläufig mitgeteilt, dass selbst unsere Pässe kein Nachweis der Staatsbürgerschaft sind. Millionen werden aus den Wählerverzeichnissen gestrichen. Das ganze Land sucht verzweifelt nach 'alten Dokumenten'. Wir wissen nicht, wo wir stehen. Sind wir rechtmäßig? Unrechtmäßig? Haben wir Rechte? Wer von uns gehört in jene riesigen Internierungslager, die für 'zweifelhafte Bürger' errichtet werden? Werden wir unsere Tage damit verbringen, von Gericht zu Gericht zu eilen? Faschisten lieben Chaos und Verwirrung. Unsere Panik und unsere Angst könnten dazu führen, dass wir zu viel Hoffnung in den Kakerlaken-Aufstand setzen."

The Ideas Letter (USA), 23.07.2026

Mark Leonard denkt in einem Essay darüber nach, wie rechte Bewegungen die Politik verändert haben. Er setzt an mit Peter Mair und Anton Jäger, die beide - der eine 2006 (hier), der andere darauf aufbauend 2023 (hier)  - beschrieben haben, wie die traditionellen politischen Parteien einen leeren Raum haben entstehen lassen, in den die Rechte vorstoßen konnte: Die Identifikation der Bürger mit Pateien und Staat ließ nach und "Politiker entwickelten zu einer homogenen Berufskaste. Mair argumentierte, dass die Eliten dazu neigten, diese Leere durch eine Entpolitisierung der Regierungsführung zu bewältigen - indem sie umstrittene Entscheidungen an nicht mehrheitsorientierte Gremien (Zentralbanken, Gerichte, Regulierungsbehörden) und vor allem an die Europäische Union abgaben. ... Für Mair war die Europäische Union der Inbegriff dieser Entwicklung: ein von nationalen Staats- und Regierungschefs bewusst geschaffener Raum, der von der Auseinandersetzung mit der Bevölkerung abgeschirmt war - eine Zone der Politik ohne Politik. Seine Kurzformel für das daraus resultierende Demokratiemodell - 'NGOs + Richter' anstelle von Massenbeteiligung - fasste den Beginn einer technokratischen Entwicklung treffend zusammen." Den leeren Raum zwischen politischer Klasse und Bürgern konnte dann die Rechte besetzen - weniger mit politischen Programmen, als "mit einer radikal anderen Art, Politik zu betreiben" und indem sie "die Politik neu erfunden hat. Ihre größte Chance ergibt sich aus der Fragmentierung der öffentlichen Sphäre und der damit verbundenen Entmachtung der Gatekeeper der Mainstream-Medien. Der Aufstieg neuer digitaler Plattformen, insbesondere der sozialen Medien, hat Politikern und Kommentatoren neue Möglichkeiten eröffnet, öffentliche Narrative zu prägen - und sich selbst zu organisieren. ... Die Neue Rechte vollendet die Zerstörung der Parteidemokratie, die die Kartellparteien begonnen haben, und ersetzt sie nicht durch eine neue Reihe von Massenparteien, sondern durch eine Infrastruktur für permanente affektive Mobilisierung, mit deren Hilfe sie die politischen Regeln neu schreibt."

Africa is a Country (USA), 22.07.2026

In Tunesien werden immer weniger Kinder geboren, angeblich, weil Frauen sich zu sehr auf ihre Karriere konzentrierten. Diese Kinderkrise hat zu einigen Debatten geführt, berichtet Shreya Parikh. Sie fragt sich, "ob der Geist, der die tunesischen Gemüter heimsucht, nicht nur die Angst vor einer schrumpfenden Bevölkerung ist, sondern auch die 'Kolonisierung' der Gesellschaft durch Migranten aus Subsahara-Afrika, die Tunesien zu einem 'schwarzen' Land zu machen droht. Seit der Pandemie im Jahr 2020 hat sich die Überzeugung, dass Tunesien 'afrikanisch' werde - wie schwarze Migranten in ganz Nordafrika ironischerweise genannt werden -, in Gesprächen in Cafés, WhatsApp-Gruppen und sozialen Medien eingeschlichen. ... Diese empirisch unbegründete Logik wurde im Jahr 2023, vom tunesischen Präsidenten Kais Saied aufgegriffen, der die Migration schwarzer Menschen als 'eine kriminelle Verschwörung' bezeichnete, 'die seit Beginn dieses Jahrhunderts vorbereitet wurde, um die demografische Zusammensetzung Tunesiens zu verändern'." Eine Verschwörungstheorie, die Saied durchaus nutzt: "Die Forderung nach Würde - ein revolutionärer Ruf, der 2011 die Straßen Tunesiens erfüllte - wurde von der herrschenden Elite entwertet und bedeutet nun die Wahrung der staatlichen Souveränität und Reinheit, wie die Wissenschaftlerin Nadia Marzouki festgestellt hat. Und was sich in den letzten drei Jahren abzeichnet, ist, dass Souveränität zum Synonym für die Fortpflanzung rassisch reiner Tunesier geworden ist - arabisch und muslimisch statt afrikanisch, wie Präsident Saied es selbst formulierte."

Etwas läuft schief bei den Wahlen in Nigeria, meint Sada Malumfashi. Die Präsidentschaftskandidaten "Obi, Kwankwaso und Atiku müssten sich weniger obsessiv darauf konzentrieren, die Macht auf Bundesebene an sich zu reißen, und stattdessen mehr darauf, eine echte regionale Vertretung zu festigen, die gemeinsam ein gewichtiges Gegengewicht zu demjenigen bilden könnte, der das Präsidentenamt innehat." Politiker sollten aufhören, sich als nationale Retter zu inszenieren, die von der Hauptstadt Abuja aus das Land retten, fordert Malumfashi. "Das Präsidentenamt verwandelt jeden bedeutenden Politiker in jemanden, der nach persönlichem Zugang zur absoluten Macht strebt, statt langfristige demokratische Institutionen aufzubauen. Die Zukunft der nigerianischen Demokratie liegt nicht im endlosen Kampf um Abuja, sondern in der Schwächung Abujas selbst. Dies würde ein radikales Umdenken in der nigerianischen politischen Kultur erfordern: stärkere regionale Autonomie, tiefgreifendere lokale Rechenschaftspflicht und eine geringere Konzentration der Macht auf Bundesebene. Es würde auch erfordern, dass die Bürger aufhören, nationale Wahlen als Momente emotionaler Erlösung zu betrachten. Kein Präsident wird kommen, um Nigeria zu retten. Solange die Macht auf Bundesebene der ultimative Preis bleibt, wird die Politik weiterhin Patronagenetzwerke, politische Dynastien und die Kontrolle über finanzielle Ressourcen gegenüber Kompetenz oder Ideen belohnen.

Elet es Irodalom (Ungarn), 24.07.2026

Die Dichterin Virág Erdős spricht im Interview mit Dániel Horváth u.a. über ihr Misstrauen gegenüber der Euphorie, die viele Ungarn nach der Abwahl Orbáns erfasst hat, und ob es möglich sei, aus ihr heraus "schön, langsam, nuanciert und angemessen die Realität entfalten und beschreiben zu können, zumal für einen kreativen Charakter wie den meinen, der so sehr auf Krisensituationen konditioniert ist. Vorerst empfinde natürlich auch ich vor allem Freude und Dankbarkeit, Erleichterung und Ehrfurcht. Doch gleichzeitig fürchte ich mich schon jetzt vor mir selbst, denn ich weiß, dass ich früher oder später so oder so all jene betrügen und verraten werde, die bis ans Ende ihres Lebens mit erhobenem Kopf und ruhigem Herzen auf der sonnigen Seite des Lebens spazieren gehen möchten, möglichst mit einem leichten und kompakten E-Book-Reader in der Tasche. Vielleicht ist es gar nicht mal Demagogie, wenn ich erzähle, dass am Sonntag der Buchwoche, als ich durch die enge Gerlóczy-Straße zum Vörösmarty-Platz lief (zentraler Veranstaltungsort der landesweiten Buchwoche - Anm. d. Red.), gegenüber dem traditionsreichen Libro Shop Bookstore und davor jeweils ein obdachloser Mensch schlief. Und doch, als zufälliger Akteur in einer solchen surrealen Budapester Lebensszene, wenn man zwischen zwei auf dem Boden liegenden Menschen hindurchgeht und auf das Treiben der Buchwoche zueilt, das den Triumph des Geistes feiert, dann denkt man doch ein wenig darüber nach, in welchem Verhältnis wer an dieser Euphorie teilhat."

Guardian (UK), 28.07.2026

Der Irak befindet sich derzeit buchstäblich zwischen den Fronten, meint Ghaith Abdul-Ahad. Das Land ist einerseits von finanzieller Unterstützung durch die USA angewiesen, kann sich aber andererseits auch nicht vom Nachbarland Iran lösen - schon, weil in beiden Ländern der schiitische Islam dominiert. Seit Beginn des Kriegs zwischen den USA und Iran werden regelmäßig irakische Ölproduktionsanlagen attackiert - und zwar keineswegs nur vom Iran aus: "Mehrere Offizielle sagten mir vertraulich, dass die Angriffe auf die Ölanlagen von der Islamischen Widerstandsbewegung im Irak (Islamic Resistance in Iraq, IRI) ausgeführt worden seien - einem Dachverband schiitischer paramilitärischer Organisationen, die ursprünglich vom Iran ausgebildet und ausgerüstet wurden, um nach der Invasion von 2003 gegen die Amerikaner zu kämpfen. Fraktionen der IRI gehören zugleich zu den Popular Mobilisation Units (PMU), einem Zusammenschluss überwiegend schiitischer, vom Iran unterstützter Milizen im Irak, der 2014 zur Bekämpfung des sogenannten Islamischen Staates gegründet wurde. Die PMU unterstehen theoretisch der irakischen Regierung, verfolgen in der Praxis jedoch ihre eigene Agenda. Investitionen in den Bau- und Agrarsektor verschaffen ihnen zudem eine eigenständige wirtschaftliche Machtbasis." Tatsächlich ist der Irak der Gegenwart ein schizophrener Staat: "Obwohl er mit seiner schiitischen Bevölkerungsmehrheit nach außen hin wie ein einheitlicher, von Bagdad aus regierter Staat erscheinen mag, üben tatsächlich zahlreiche Gruppen mit unterschiedlichem Grad an Eigenständigkeit - entstanden in der Folge der Invasion von 2003 - erheblichen Einfluss aus. Heute gibt es im Land zwei Arten paramilitärischer Milizen: diejenigen, die ihre Waffen einsetzen, um ihre wirtschaftlichen Interessen zu schützen - also die staatlichen Aufträge und Unternehmen, die sie im Laufe der Jahre aufgebaut haben. Und diejenigen, die in erster Linie von Ideologie geleitet werden: Sie fühlen sich dem iranischen Projekt zutiefst verpflichtet, Israel zu besiegen und die Vereinigten Staaten aus dem Nahen Osten zu verdrängen."

Osteuropa (Deutschland), 27.07.2026

Arndt Freiherr Freytag von Loringhoven, ehemaliger Vizepräsident des Bundesnachrichtendienstes und NATO-Geheimdienstleiter bei der NATO, setzt sich mit Fragen rund um einen möglichen Beitritt der Ukraine zur EU auseinander. Er macht erst einmal klar: Nicht nur die Ukraine braucht die EU, sondern auch andersherum: "Die Ukraine hat eine hochmoderne, leistungsstarke Verteidigungsindustrie aufgebaut
und sich erfolgreich gegen Russlands aggressive Cyberkriegsführung erfolgreich gewehrt. Die beeindruckende Widerstandsfähigkeit der ukrainischen Gesellschaft und ihre Fähigkeit, rasch und flexibel auf neue Bedrohungen zu reagieren, stellen für ganz Europa einen wertvollen Erfahrungsschatz dar. Während Europa bestrebt ist, seine Verteidigung unabhängig und 'souverän' wieder aufzubauen, kann es viel von der Ukraine lernen." Noch erfüllt die Ukraine aber nicht alle Voraussetzungen zum Beitritt in die EU, gibt Loringhoven zu bedenken. Zwar bringt die Regierung nach und nach entsprechende Gesetzesentwürfe auf den Weg, was zum Beispiel das Thema Korruptionsbekämpfung angeht, den Umständen entsprechend, gehen diese Entwicklungen jedoch langsam voran. Dabei ist die Lage gefährlich und die Zeit knapp, die EU muss über alternative Strategien nachdenken. In Frage käme zum Beispiel eine "Assoziierte Mitgliedschaft": "In einem Schreiben vom 18. Mai 2026 schlug Bundeskanzler Merz eine neue Form eingeschränkter Mitgliedschaft vor, um die Verhandlungen zu dynamisieren. Diesem Vorschlag zufolge könnte eine 'assoziierte Mitgliedschaft' die Teilnahme an Sitzungen des Europäischen Rates und des Rates der EU, assoziierter Mitglieder der Kommission und des Europäischen Parlaments (alle ohne Stimmrecht) sowie einen assoziierten Richter am Europäischen Gerichtshof umfassen. Eine stufenweise Anwendung des aquis communautaire (Gesamtheit des gültigen EU-Rechts, Anm.d.Red) wäre ausdrücklich möglich. Bemerkenswert ist der Vorschlag einer politischen Verpflichtung der Mitgliedstaaten, Artikel 42 Absatz 7 EUV auch in Bezug auf die Ukraine anzuwenden, um - so Merz wörtlich - eine 'substanzielle Sicherheitsgarantie' zu schaffen."

New Lines Magazine (USA), 27.07.2026
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Rory O'Sullivan stellt den vietnamesischen Schriftsteller Trần Hữu Tri, bekannt unter dem Pseudonym Nam Cao, vor. Cao wurde 1915 geboren, seine "Kurzgeschichten und Novellen spiegelten die sozialen Probleme des kolonialen Vietnams und die politische Stimmung wider, die den Viet Minh zur Macht verhelfen sollte. In seinen Schriften resultieren die Schwächen der Menschen aus sozialen und wirtschaftlichen Kräften, vor allem aus dem Leid und der Unmenschlichkeit des Lebens der Armen." Vor allem bekannt ist er für "Chí Phèo", so O'Sullivan, die Geschichte eines sozialen Teufelskreises: "Das Leben der Titelfigur beginnt, als 'eines Morgens ein Aalfischer ihn nackt und purpurblau, in einen geflickten Rock gehüllt, in der Nähe eines verlassenen Ziegelofens fand'. Seine Jugend wird in wenigen Sätzen geschildert: Der Aalfischer verkauft ihn an einen Mühlenbauer, nach dessen Tod er sich als Diener verdingt und von der Frau des Dorfmagnaten sexuell missbraucht wird. Anschließend wird Chí Phèo aus unbekannten Gründen (vielleicht aus Eifersucht des Ehemanns oder wegen Diebstahls) ins Gefängnis geschickt. Als er zurückkehrt, ist er zur abstoßenden Hauptfigur der Geschichte geworden. Er bedroht den Dorfmagnaten, den ehrenwerten Kiến, der beschließt, Chí Phèo nicht zu bestrafen, sondern ihn stattdessen zu seinem Handlanger zu machen. Im Gegenzug erhält er ein Haus und regelmäßige Einnahmen, die er größtenteils für Alkohol ausgibt. 'Wie schlau er ist', schreibt Nam Cao, 'wer könnte [Chí Phèo] schon ein Alter geben? 38 oder 39? 40 oder älter. Äußerlich ist er weder jung noch alt. Sein Gesicht sieht aus wie das eines Tieres. Wer könnte schon das Alter eines Tieres erraten?'" Am Ende der Geschichte steht ein Kind, das wohl in der selben Ziegelei geboren und das selbe Schicksal erleiden wird wie Chí Phèo.

Future of Jewish (USA), 25.07.2026

Es ist so wichtig, die Geschichte zu kennen, um die heutigen Konflikte um Israel zu verstehen. Melissa Brodsky bezeichnet sich in ihrem Substack-Blogeintrag Future of Jewish als "History Activist". In ihrem Artikel macht sie darauf aufmerksam, dass es kein palästinensisches Volk vor der Gründung Israels gab. Der Begriff "Palästina" war von den Briten in der Zeit ihres Mandats wiederbelebt worden, in dieser Zeit sprach man von "Jews of Palestine" und "Arabs of Palestine". Ja, sogar lange nach der Gründung Israels war dieser Begriff nicht für die Araber in der Region in Umlauf - erst Yassir Arafat schmiedete ihn in den Sechzigern zu einer neuen, Israel gegenüber stehenden nationalen Identität um. Das konnte er tun, weil sich nach dem Sechstagekrieg die Lage geändert hatte. Vorher war der Gazastreifen von Ägypten besetzt und das heutige "Westjordanland", oft auch als die "besetzten Gebiete" bezeichnet, gehörte zu Jordanien. Jordanien hatte sich dieses Gebiet in dem Krieg von 1948 einverleibt, den die arabischen Staaten gegen das gerade gegründete Israel führten. "Dies erklärt, warum Jordaniens Rolle nach 1948 so entscheidend ist. Als Jordanien das Westufer des Jordans und Ostjerusalem eroberte und sich einverleibte, erklärte es das Gebiet ja nicht zu einem eigenständigen palästinensischen Staat. 1950 annektierte es das Gebiet auch formell und gewährte den dort lebenden Arabern die volle jordanische Staatsbürgerschaft. Fast zwei Jahrzehnte lang waren die arabischen Einwohner des Westufers legal Jordanier. Erst 1988, lange nachdem Jordanien das Gebiet im Sechstagekrieg von 1967 an Israel verloren hatte, brach König Hussein offiziell die Verwaltungsbeziehungen zum Westjordanland ab und entzog den dortigen arabischen Einwohnern die jordanische Staatsangehörigkeit. Mit einem Federstrich wurden sie rechtlich staatenlos."

New Yorker (USA), 03.08.2026

Gespannt liest Dayna Tortorici für den New Yorker Emily Eakins Buch "The Frenchmen" über die französischen Strukturalisten und Poststrukturalisten. Deren Theorien haben mehrere Generationen von Studentinnen und Studenten mit ihrem verschachtelten Stil beeindruckt wie abgestoßen, vielleicht auch deshalb, weil sie sich oft mit Institutionen beschäftigen, die auch die Studenten in ihren Mechanismen gut kennen: "Aber vielleicht war keine Institution so wichtig für die Franzosen wie die Schule, in der sie einen Großteil ihres Lebens verbracht haben. Fast alle von ihnen erinnern sich an ihre Zugangs- und Abschlussprüfungen, die als Concours und Agrégation bekannt sind, als prägende und fürchterliche Belastungen. (…) Eakin beschreibt Derridas zwei Jahre als Internatsschüler einer Vorbereitungsklasse für den Concours als albtraumhafte Mischung aus Gefängnis, Schule und Sanatorium, voller grauer Uniformen, barackenähnlicher Schlafsäle, kalter Duschen und kleiner Rationen. Laut seinem Biografen Benoit Peeters war Derrida hier 'kurz vor dem Verfall' in den Wahnsinn. Aber da war seine traumatischste Erinnerung an die Schulzeit schon vorbei: 1942, als Zwölfjähriger, wurde Derrida, der in Algerien aufwuchs, von der Schule geschmissen, weil er Jude war, und durfte erst zurückkehren, als Algier von den Alliierten befreit wurde. 'Die Wunde war von einem anderen Kaliber', so Derrida, 'und sie ist nie verheilt.' Diese institutionellen Erfahrungen hinterließen ihre Spuren in der Arbeit der Franzosen. Eakin hat Spuren von ihnen in Althussers wiederholter Bekräftigung gefunden, dass, wie sie formuliert, 'menschliche Subjekte keine Kontrolle über ihre Handlungen oder auch nur ihre Gedanken haben'. Sie sind sichtbar in Foucaults Schriften über die normalisierende Funktion von Institutionen und in Deleuzes und Guattaris Schriften über Schizophrenie. (…) Sie geben auch einen Grund für die anhaltende Anziehungskraft der Theorie auf Studenten: Wie viele der Franzosen waren die meisten von ihnen noch nie nicht in der Schule. Die Kräfte der Normalisierung, Eindämmung, Unterdrückung und Bewertung sind Konstanten ihres Lebens. So weit sie wissen, so weit sie es erlebt haben, gibt es kein Draußen. Das Bild, das die Theorie ihnen vermittelt, reflektiert die Welt, wie sie sie kennen."

HVG (Ungarn), 23.07.2026

Dóra Matalin unterhält sich für ein Porträt Judit Bergs mit dieser in Ungarn erfolgreichen Schriftstellerin, die letzten Monat zur stellvertretenden Staatssekretärin für Literatur und öffentliche Bildung ernannt wurde, über ihre neue Aufgabe: "Das Verlagswesen und die öffentliche Bildung liegen in Trümmern", sagt Berg. "Es gibt unzählige dringende Aufgaben, zum Beispiel die Übersetzungsförderung, die früher ein gut funktionierender Apparat für die Veröffentlichung ungarischer Literatur im Ausland war, aber seit Jahren keinen Cent mehr erhalten hat. Viele gute ungarische Bücher erscheinen deshalb nicht im Ausland. Auch anspruchsvolle Literaturzeitschriften benötigen Soforthilfe, da sie kurz vor dem Aus stehen. Die Liste der akuten Aufgaben ist schier endlos. (…) Eine Nation, deren Bürger nicht zu verstehendem, vertieftem Lesen fähig sind und in der die Zahl der funktionalen Analphabeten hoch ist, erleidet langfristig wirtschaftliche Nachteile. Die Kultur trägt dazu bei, dass wir in einem offenen, frei denkenden und humanen Land leben. In allen Bereichen der Kultur fand eine unglaubliche Verschwendung statt, Milliarden flossen in private Taschen, für Nichts. Mit so viel Geld könnte man fast schon Wunder vollbringen."

The Point (USA), 29.06.2026

Im Gespräch mit David Gutherz sagt der jüngst gestorbene Historiker Carlo Ginzburg viele tiefsinnige Dinge. Er erzählt zum Beispiel von seinem ursprünglichen Impuls, "den Opfern eine Stimme zu geben", dem er immer treu blieb, der sich für ihn aber immer mehr verkomplizierte. Er las die Inquisitionprotokolle jenes berühmten Müllers aus dem "Käse und den Würmern", und war verblüfft über das, was dieser sagte, ebenso verblüfft wie der Inquisitor. Er stellte fest, dass der Inquisitor echte Neugier hatte, wirklich wissen wollte, wie der Müller dachte. Er reflektiert über den Zwiespalt zwischen der Fremdheit des historischen Materials, das man verstehen will, und der Vertrautheit, die man ihm durch die Erzählung gibt. Und seine abgründigste Erkenntnis: "Ich habe einmal gesagt, die einzige Idee, die ich in meinem Leben hatte, sei die Einsicht, dass der Begriff der historischen Perspektive eigentlich eine Art Neuinterpretation der christlichen Haltung gegenüber den Juden ist. Sie war inspiriert von der augustinischen Sichtweise auf die Juden … einer ambivalenten Haltung, die in manchen Fällen den Weg zur Verfolgung ebnete, aber auch in der Vorstellung verwurzelt war, dass die Vergangenheit sowohl aus ihrer eigenen Perspektive als auch aus unserer Perspektive verstanden werden sollte. Dieser Gedanke also, dass die historische Perspektive eine säkulare Version dieser christlichen Haltung gegenüber den Juden sei, war etwas, das mich, wie ich sagen muss, verwirrte; er machte mir Sorge. Denn hier geht es um eine Idee, die im Zentrum meiner - nicht nur meiner, ich würde sagen - unserer Haltung gegenüber der Vergangenheit stand. Doch sie ebnete auch den Weg zur Verfolgung. Das ist beunruhigend. Aber ich denke, Historiker sollten nach dem suchen, was am beunruhigendsten und am stärksten verdrängt ist, und sich dessen bewusst werden."

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