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EFEU - DIE KULTURRUNDSCHAU: Was bislang nie zu hören war

Дата публикации: 28-07-2026 07:00:00

In Bayreuth war zum ersten Mal Wagners Jugendwerk "Rienzi" zu sehen, die Kritiker sind geteilter Meinung: Die SZ verfällt in einen regelrechten "Begeisterungsrausch" ob der Gegenwärtigkeit der Inszenierung, FAZ und FR meinen: das hätte man in der Schublade lassen können. Der rumänische Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Norman Manea hat seinen Vorlass der Berliner Akademie der Künste überlassen: ein bedeutendes Zeichen, kommentiert die NZZ. Jungle World erzählt uns die Geschichte des Math-Rock.  

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Efeu - Die Kulturrundschau Was bislang nie zu hören war Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

28.07.2026. In Bayreuth war zum ersten Mal Wagners Jugendwerk "Rienzi" zu sehen, die Kritiker sind geteilter Meinung: Die SZ verfällt in einen regelrechten "Begeisterungsrausch" ob der Gegenwärtigkeit der Inszenierung, FAZ und FR meinen: das hätte man in der Schublade lassen können. Der rumänische Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Norman Manea hat seinen Vorlass der Berliner Akademie der Künste überlassen: ein bedeutendes Zeichen, kommentiert die NZZ. Jungle World erzählt uns die Geschichte des Math-Rock.  

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2026 finden Sie hier

Bühne | Literatur | Design | Film | Musik | Kunst

Bühne
"Rienzi" bei den Bayreuther Festspielen. Foto: Endrico Nawrath

Im "Begeisterungsrausch" befindet sich SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck nach dem Besuch von Wagners Oper "Rienzi", die zum ersten Mal in Bayreuth zu sehen war und von Hitler besonders geschätzt wurde. Inszeniert von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka erzählt das Stück vom Aufstieg und Untergang des römischen Volkstribun Cola di Rienzo. Der Kritiker kann nicht genug loben: das geniale Dirigat von Nathalie Stutzmann, die Sänger und auch, dass die Inszenierung in einer modernen Welt spielt, findet Brembeck gut: "Statt Romklischees, Mittelalterpomp oder Designerseligkeit gab es moderne Sozialelends-Tristesse: Betonwohnsilo, Bolzplatz, Wahlveranstaltung, Musterung, Militarisierung. Das Volk hier hat gar nichts zu lachen, der Alltag ist grau, Hoffnung ein Fremdwort. Rienzi verspricht Zukunft, Freiheit, Nationalstolz etc. Also wird er als der ersehnte Erlöser gewählt. Er kann den Job aber nicht, sein Dilettantismus führt zu einem blutigen Bürgerkrieg, der sein politisches Ende einläutet, alle wenden sich von ihm ab. Das zeigen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka schnörkellos, unsentimental, es ist ihr Befund zum Zustand der Welt heute." Auch Manuel Brug in der Welt jubelt: Ein "Triumph"! 

Andere Kritiker sind weniger begeistert: Jan Brachmann versteht in der FAZ zwar die "kreative Energie" des Werks, so richtig bühnentauglich findet er das Ganze aber nicht. Trotzdem spannend, zu hören, "was bislang nie zu hören war" und das schon in der Ouvertüre: "Nach der Introduktion spielen die Kontrabässe und Celli zunächst unisono den schönsten melodischen Einfall des Stücks, das Gebet Rienzis, das später im vierten Akt gesungen werden wird. Dieses Unisono von 23 Takten hatte Wagner schon vor der Uraufführung wieder gestrichen. Es ist aber charakteristisch für Wagners Dramaturgie des langsamen Erzählens. Wagners Langsamkeit ist Zeitkritik: Einspruch gegen das Tempo der Dampfmaschinen- und Eisenbahnära, deren Beschleunigungsschub der alte Goethe 'veloziferisch' genannt hatte, gegen ein Zeitalter teuflischer Geschwindigkeit, die von Antisemiten freilich auch rassistisch als ahasverische Rastlosigkeit gedeutet wurde, als Zeit-Form jüdischer Geldgier."

Andreas Schager als Rienzi ist beeindruckend, da wäre aber noch mehr möglich gewesen, meint Judith von Sternburg in der FR, die ebenfalls nicht völlig überzeugt ist von der Inszenierung. Er "ist erwartungsgemäß ein Kraftbolzen von Titelheld, sofort mit Macht und Druck, und man denkt wie immer bei ihm, dass das über die lange Strecke nicht gutgehen kann, geht es aber. Auch wenn es ihm schwerfällt, mit dieser Siegfried-Stimme das Nachdenkliche, Hadernde der Figur zu transportieren (Wagners Tenöre sind weitaus vielfältiger als ihr Ruf), wird er als Darsteller beim Älterwerden interessanter, ambivalenter. Die Art, wie er auf sich und seine Stimme keinerlei Rücksicht nimmt und nehmen muss, könnte eine Regie viel eigenwilliger nutzen." In der NZZ findet Christian Wildhagen das Stück "beunruhigend gegenwärtig" und plädiert dafür, die Oper in den Wagner-Kanon aufzunehmen. "Schwer verdaulich", urteilt hingegen im Tagesspiegel Udo Badelt.

Besprochen wird Gabriela Carrizos Inszenierung von Georges Bizets Oper "Carmen" bei den Salzburger Festspielen (FAZ, NZZ, SZ, Tsp).

Literatur

Der rumänische Schriftsteller Norman Manea hat seinen Vorlass der Berliner Akademie der Künste überlassen - so wie auch Imre Kertész dies einst getan hat. "Es ist auch ein Zeichen der Autonomie des Schriftstellers, zu sagen: Gerade in Berlin soll das Material liegen, aus dem die Werke über den Holocaust entstanden sind", schreibt dazu Paul Jandl in der NZZ. Insbesondere aus dem ungarischen Raum wanderten in den letzten Jahren bedeutende Vorlässe in Berliner und Wiener Archive. Diese Entwicklung in jüngeren Jahren schließt an jene Zeiten vor dem Fall des Eisernen Vorhangs an, als die Akademie der Künste in Westberlin insbesondere ungarischen Literaten ein Forum bot. "Orbáns illiberaler Nationalismus und seine von antisemitischen Unterströmungen getragene Politik haben zu einem für das Land beschämenden Exodus von Schriftstellerarchiven geführt. ... Wo ein illiberaler Rechtspopulismus regiert, dort sind die Werte gedanklicher Freiheit im Kern angegriffen. Nirgendwo hat man das so stark spüren können wie im Ungarn der Orbán-Ära, wo manche Schriftsteller in gezielten Kampagnen wie Vaterlandsverräter behandelt wurden. Unwürdig und grotesk waren die Versuche, Imre Kertész nach der Zuerkennung des Literaturnobelpreises wieder als nationales Symbol einzugemeinden."

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Im Standard würdigt Sabine Scholl die portugiesische Schriftstellerin Lidia Jorge, die mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet wurde. Jorge thematisiere in ihren "Romanen, Erzählungen und Essays ... die sich verändernde Rolle der Frau, sowie Nachwirkungen von Gewaltherrschaft und 500 Jahren Kolonialismus auf die postrevolutionäre portugiesische Gesellschaft". Im Zuge verhandele sie auch "Grundfragen der Erzählbarkeit von Historie. Denn die Nelkenrevolution, so genannt, weil den Soldaten als Zeichen der Gewaltfreiheit Nelken in die Gewehrläufe gesteckt wurden, war ein kollektives Ereignis. Eine einzige Erzählung kann also nie das ganze Geschehen umfassen. ... Jorge, Zeitzeugin, Geschichtsschreiberin mit soziologischem Blick auf postrevolutionäre und postkoloniale Gesellschaften zeigt mit hoher literarischer Virtuosität eine andere Seite Europas, sowie die allgemeine Sehnsucht, sich im Vergangenen zu Hause fühlen zu wollen, eine gefährliche Tendenz, die den Auftrieb reaktionärer Kräfte allerorten begünstigt."

Weitere Artikel: Wolfgang Geisthövel schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf den Verleger und Germanisten Gotthard Erler. In der FAZ-Reihe über die USA im Spiegel ihrer Literatur schreibt Jan Wiele über Alex Haleys Sklavereiepos "Roots". Die Agenturen melden, dass der japanische Krimi-Autor Keigo Higashino gestorben ist. Außerdem stehen die Auszeichnungen des Deutschen Science-Fiction-Preises 2026 fest - als bester deutschsprachiger Roman des Jahres wurde "Lyneham" von Nils Westerboer ausgezeichnet.

Besprochen werden unter anderem Anousch Muellers "Lori" (taz), Gabriela Adameșteanus "Stimmen auf Abstand" (FAZ) und John Horne Burns' "Galleria Umberto" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Design

"Die Welt ist möglicherweise endgültig in den ESC-Televoting-Modus geraten", merkt Gerhard Matzig in der SZ zu dem Umstand an, dass die EU-Bevölkerung noch bis zum 21. September dazu aufgerufen ist, über die Neugestaltung der Euro-Scheine abzustimmen. "Eine Vorahnung macht sich breit: die Verbreitung von immer mehr Hässlichkeit in Form des kleinsten gemeinsamen Geschmacksnenners. ... Wie, Sie haben keine Ahnung, zum Beispiel vom Banknoten-Design? Auch keine Idee, kein ausgeprägtes Stilempfinden und keine Ästhetik-Vorstellung? Sie wissen nichts von der ehrwürdigen Gestaltungshistorie im Reich des Geldes? Dass einmal die besten Graveure ihrer Länder tätig waren, um das Geld als nationale Bedeutungsträger zu gestalten? Dass bedeutende Grafiker Banknoten entwarfen als Chiffren nationaler Besonderheiten und repräsentativ ausstrahlender Suggestion? Umso besser: Denn herumklicken, wegwischen und irgendwas aus irgendwelchen Gründen irgendwie okay, richtig super oder auch krass doof finden: Das kann doch jede und jeder."

Film

Ulrich Kriest schreibt im Filmdienst zum Tod des Schauspielers und Lebenskünstlers Werner Enke. Besprochen werden Reem Khericis französische Orgasmuskomödie "Chéri, ich komme" (SZ), Olivia Wildes Komödie "The Invite" mit Seth Rogen, Penélope Cruz und Edward Norton (FAZ) sowie die Disney-Serie "Furious" über eine Serienkillerin, die Männer hinrichtet (FAZ).

Musik

Kurz vor der anstehenden Europatour der insbesondere im Frühjahr wegen ihres (oben eingebetteten) Konzertvideos auf KEXP massiv gehypten frankokanadischen Math-Rock-Band Angine de Poitrine gibt Maik Bierwirth in der Jungle World eine Handreichung, wo eigentlich die Wurzeln dieses Math-Rock liegen. Diese schlugen einst in ganz unterschiedlichen Szenen und Milieus, erfahren wir: "Einige Noise-Rock-Bands begannen um 1990, vermehrt ungerade Rhythmen jenseits des üblichen 4/4-Takts einzusetzen und außerdem mit abrupten Pausen oder Brüchen zu arbeiten - etwa Shellac, Don Caballero oder U.S. Maple." Auch "entwickelte sich das Genre Post-Rock mit offeneren Songformen und Einflüssen aus Jazz, Minimal Music sowie Electronica. Bei einigen prägenden Acts stand die damit einhergehende (poly)rhythmische Komplexität stärker im Vordergrund als bei anderen und zugleich blieb der Sound rockiger, so dass auch sie dem Math-Rock-Genre zugeordnet wurden - zum Beispiel Pinback, June of 44 oder Karate. Die Grenzen sind ohnehin fließend.... Als musikalisches Gründungsmanifest all dieser Varianten kann indes das Album 'Spiderland' der Gruppe Slint gelten, das bereits 1991 beim stilbildenden Label Touch & Go erschien. Angine de Poitrine unterscheidet von allen diesen Formationen ihr Sinn für elegante Funkiness."

Hier das in informierten Kreisen in den Neunzigern tatsächlich überaus wichtige Album "Spiderland" von Slint in voller Länge: 

Besprochen werden das neue Album von Charli XCX (FR, mehr dazu bereits hier), das neue Album der Waterboys (FR), das neue Album der Strokes (ZeitOnline) und neue Jazzalben, darunter "The New Atomic" von Ferg's Imaginary Big Band ("Bandleader Fergus Quill schafft mit Individualisten ein großorchestrales Dokument exzentrischer Energie", schreibt Ljubiša Tošić im Standard).

Kunst
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Vom Schicksal der Osage, einem nordamerikanischen Indigenenstamm, kann taz-Kritikerin Julia Gwendolyn Schneider in einer Ausstellung von Antje Majewski und Jen Tiger, Angehörige der Osage Nation, im Guthaus Steglitz erfahren. Tigers Werke zeigen, wie die "Geschichte der Osage, deren Wissens- und Lebenssysteme" von Siedlern vedrängt wurden. Ein "Diptychon zeigt Johannes Calvin, der auf ein historisches Dokument geklebt ist: Auf der Spitze seines Zeigefingers balanciert ein winziges Mädchen in indigener Kleidung. Aus einer Spindel in seiner Hand läuft ein schwarzer Faden zu einem Webstuhl, herauskommt ein rosa Faden, der zu dem Kleid gehört, das das Mädchen im darauffolgenden Bild trägt. Die Missionare sollten nicht nur christianisieren, sie sollten auch zivilisieren. Dazu zählte für Mädchen das Erlernen von Spinnen, Weben, Nähen und Hausarbeit, wie Tiger im Katalogtext erklärt." Ein kleiner Hinweis: Im Buch "Killers of the Flower Moon" (auch verfilmt von Martin Scorcese (unsere Resümees) erzählt David Grann von den Osage-Morden, einer Mordserie an wohlhabenden Angehörigen des Osage-Stammes in den frühen 1920ern. 

Besprochen wird "The Lure of the Image. Wie Bilder im Netz verlocken" im C/O Berlin (Tsp).

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