Glänzende Neubauten versprechen Fortschritt, doch frühere Anlagen stehen oft als verlassene Mahnmale da. Es ist ein Balanceakt zwischen sportlicher Vision und wirtschaftlicher Realität für die Gastgeber. Echte Nachhaltigkeit in diesem Punkt würde das IOC erheblich einengen.
Predazzo · Glänzende Neubauten versprechen Fortschritt, doch frühere Anlagen stehen oft als verlassene Mahnmale da. Es ist ein Balanceakt zwischen sportlicher Vision und wirtschaftlicher Realität für die Gastgeber. Echte Nachhaltigkeit in diesem Punkt würde das IOC erheblich einengen.
Skisprungschanzen wie die aufwändig erstellte aktuelle Olympia-Anlage von Predazzo sind wegen ihrer Größe eines der deutlich sichtbaren Zentren von Winterspielen. Sie gehören dazu wie Loipen und Pisten. Doch die Kosten für die wenigen Wettkämpfe im Zeichen der Ringe sind enorm. 8,7 Millionen Euro wurde so für den Um- und Ausbau in Predazzo veranschlagt. Letztlich aber war es damit nicht getan, ein Neubau der Groß- und Kleinschanze war nötig, weil die traditionelle Anlage nicht den bestehenden Vorgaben des Ski-Weltverbandes Fis entsprach. Die Kosten für das Projekt beliefen sich schließlich auf 41 Millionen Euro. Und es stellt sich die Frage, ob das olympische Dal-Ben-Zentrum nach der Abreise der Athletinnen und Athleten noch weiter genutzt werden wird. Oder ob es das Schicksal vieler Vorgänger-Stadien teilt, die keine Rolle mehr für aktuelle Wettkämpfe spielen.
Sandro Pertile, der Fis-Renndirektor für den Skisprung der Männer und Frauen, war von den bisherigen Wettkämpfen begeistert. Spannend sei alles verlaufen, viele Zuschauer seien gekommen. „Ich bin extrem zufrieden“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Er setzt darauf, dass im schicken Skisprungzentrum von Predazzo künftig italienische Skispringer ausgebildet werden. „Wir haben hier in Predazzo nun auch eine 60-Meter-Schanze. Und damit endlich auch ein Zentrum für den Nachwuchs“, sagt der Italiener. Er geht deshalb davon aus, dass die Anlage weiter genutzt wird. Doch er ist auch ein wenig befangen: Pertile wohnt mit seiner Familie in Predazzo, es sind seine Heimspiele, er hat zudem viel Input für die Arbeiten an den Schanzen gegeben.
Ob Pertiles Optimismus aufgeht, ist offen
Dennoch seien die Voraussetzungen in Predazzo gut, glaubt Pertile. Drei Weltmeisterschaften hätten schon an dieser Stelle stattgefunden, „und ich weiß, dass es Pläne für eine vierte WM hier im Val di Fiemme gibt“. Außerdem hofft er darauf, dass sich das örtliche Organisationskomitee um künftige Weltcup-Veranstaltungen bewerben werde. Doch ob Pertiles Optimismus aufgeht, ist offen.
Denn zuversichtlich waren die Italiener auch in Bezug auf eine weitere Nutzung der beiden Schanzen von Pragelato, die für die Olympischen Winterspiele 2006 erbaut worden waren. Kostenpunkt: 34,3 Millionen Euro. Doch das Stadio del Trampolino wurde 2009 nach den letzten dort ausgetragenen Wettkämpfen stillgelegt. Seitdem werden die großen Türme sich selbst überlassen, sogar für den Abriss fehlt das Geld.
Pragelato ist kein Einzelfall. Das Trampolino Italia in Cortina, erbaut für die Winterspiele 1956, wurde 1990 stillgelegt. Die Schanze mit Namen Papoose Peak Jumps, auf der sich Helmut Recknagel 1960 in Squaw Valley, USA, Gold sicherte, wurde 1976 stillgelegt, weil es keine Verwendung mehr für sie gab. Die Anlage von Grenoble 1968 wurde 1990 geschlossen. Die von Sarajevo 1984 ist eine Ruine, während die Alberta Ski Jump Area von Calgary 1988 seit 2018 nicht mehr geöffnet ist.
Solche Fälle bringen Olympische Winterspiele in Verruf
Die Schanzen von Salt Lake City 2002, von Vancouver 2010, von Sotschi 2014 und von Pyeongchang 2018 stehen zwar noch. Doch sie werden für Weltcup-Wettbewerbe derzeit nicht genutzt. Sie sind klassische „Weiße Elefanten", also für einen Zweck mit wenigen Nachwehen erbaute Stadien, die im Anschluss an die letzte Nutzung verfallen und nicht mehr benötigt werden. Vor allem solche Fälle bringen Olympische Winterspiele in Verruf.
Die Schanzen von Zhangjiakou in der Provinz Hebei, gut 200 Kilometer nordwestlich von Peking, wurden für die Spiele 2022 neu erbaut. Zuletzt waren die Frauen für zwei Weltcup-Springen dort. Männer-Wettbewerbe der ersten Liga gab es dort nach dem Ringe-Event noch nicht. Die Kosten für die Schanze werden auf knapp 100 Millionen Euro geschätzt. Es handelt sich um die teuerste Anlage, die jemals in die Landschaft gestellt wurde.
Pertile betont, dass seine Sportart grundsätzlich „eine globale Ausrichtung“ anstrebe. Denn das ist eines der Kriterien, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) fordert, um eine Sportart im Programm zu behalten. Ist das nicht der Fall, ergeben sich Debatten, wie sie die Nordische Kombination derzeit erlebt: Sie droht aus dem Programm genommen zu werden, weil sie für den Geschmack des IOC in zu wenigen Ländern betrieben wird.
Innsbruck und Garmisch als positive Gegenbeispiele
Deshalb sei es wichtig, dass weiterhin in Sapporo gesprungen werde, wo die Spiele 1972 stattfanden. Und das Lake Placid, Olympia-Gastgeber von 1932 und 1980, zwischen 2023 und 2025 als Weltcup-Wettkampfort wiederentdeckt worden sei. Weiterhin genutzt werden derzeit die Schanzen von Lillehammer, dem Olympiaort von 1994, die Großschanze von Innsbruck am Bergisel, auf der 1964 und 1976 olympische Wettbewerbe ausgerichtet wurden, und die Olympia-Anlage von Garmisch-Partenkirchen, das die Spiele 1936 veranstaltete. Innsbruck und Garmisch sind sogar weiterhin Hauptorte in der Welt des Skispringens, dort gastiert jährlich die Vierschanzentournee.
Doch die negativen Beispiele sind sehr auffällig, weshalb zuletzt eine Diskussion darüber Fahrt aufnahm, Olympische Winterspiele nur noch an Orte zu vergeben, die bei der Nutzung von Skisprung-Anlagen vorbildlich sind. „Das ist Teil der Olympischen Idee. Es werden keine neuen Anlagen mehr für die Spiele gebaut. Wir gehen dahin, wo es welche gibt“, sagt Pertile. Für die nahe Zukunft geht der Plan sogar auf: „Bei den Winterspielen 2030 wird in Courchevel in den französischen Alpen gesprungen“, erzählt Pertile.
Courchevel war schon Gastgeber der olympischen Skisprung-Wettbewerbe von 1992, der Hauptort der Spiele war damals Albertville. „2034, während der Spiele von Salt Lake City, gehen wir ins weiterhin vorhandene Sprungzentrum von Park City. Und wenn die Schweiz den Zuschlag für 2038 erhält, werden die olympischen Skisprungwettbewerbe in Engelberg stattfinden“, sagt Pertile.
Sollte es so kommen, wie Pertile es prognostiziert, engt allein dieses durchaus vernünftige Kriterium den Kreis der künftigen Ausrichter von Olympischen Winterspielen erheblich ein.