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Meinung: Make French great again

Дата публикации: 09-08-2026 15:13:28




Unser Autor hadert als Vater von vier im Saarland schulpflichtigen Kindern mit den Auswirkungen der Frankreich-Strategie auf den Lehrplan – und wünscht sich mehr Freiheit.



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Meinung Make French great again

Unser Autor hadert als Vater von vier im Saarland schulpflichtigen Kindern mit den Auswirkungen der Frankreich-Strategie auf den Lehrplan – und wünscht sich mehr Freiheit.

Kommentar Sprachenfolge Saarland Frankreichstrategie

Foto: dpa/Michael Kappeler

Überall in Deutschland startet der Nachwuchs seine Karriere auf der weiterführenden Schule standardmäßig mit Englisch – oder Latein. Oder Französisch. Gelegentlich. Im Saarland hingegen ist wegen der Frankreich-Strategie die Sprache von … erste Wahl (wenn auch nicht alternativlos). Das ist aus zwei Gründen problematisch. Beide verstecken sich im vorletzten Satz. Der erste sind die drei Punkte. Der zweite die „erste Wahl“.

Die drei Punkte stehen für ein grundsätzliches Problem des Französischen für deutsche, auch saarländische Schüler: Sie haben keinen messbaren Bezug zu Frankreich. Sie haben ihn bis heute nicht, obwohl Französisch an saarländischen Grundschulen seit Anfang der 90er Jahre flächendeckend unterrichtet wird und an den weiterführenden Schulen mindestens seit 2014 mit der Frankreich-Strategie die erste Geige spielt.

Welcher saarländische Jugendliche hat sich in diesem doch mittlerweile eine Generation umspannenden Zeitraum so ernsthaft mit französischer Lebensart und Kultur auseinandergesetzt wie der Rest der deutschen Schüler mit der britisch-amerikanischen? Oder in den jüngeren Jahren der ostasiatischen? Die Zahl dürfte äußerst überschaubar sein. Französisch mag je nach Geschmack eine schöne, elegante Sprache sein – Frankreich ist ohne jede Frage ein schönes Land. Aber es ist nicht cool. Es ist nicht relevant. Die Schüler mögen für den Unterricht Vokabeln und Grammatik pauken, daheim werden sie trotzdem englischsprachige Musik hören, englischsprachige Serien schauen (gerne im Original), auf englischsprachigen Internetseiten unterwegs sein. Sie haben daher ein intrinsisches Interesse daran, sich mit der englischen Sprache zu befassen.

Kommentarkopf, Foto: Robby Lorenz

Kommentarkopf, Foto: Robby Lorenz

Foto: Robby Lorenz

Welche französischen Künstler kennt ein 15-Jähriger im Saarland? Stromae vielleicht. Oder mit etwas Glück Zaz, wenn man ihm „je veux“ vorspielt („Ach, die!“). Frankreich kommt im Alltag deutscher Jugendlicher – auch direkt an der Grenze – nur sehr selten vor. Jeder von uns weiß, was mit Schulwissen passiert, das uns persönlich nicht interessiert: Sobald man es nicht mehr braucht, wird es aus dem Gedächtnis gestrichen. Use it or lose it, sagt die Gehirnforschung, also „Nutz es, oder vergiss es“. Beispiel: Alle unsere Kinder haben im Erdkunde-Unterricht die Bundesländer samt Hauptstädten gelernt, darüber Tests mit teils sehr guten Ergebnissen geschrieben. Schon Monate später jedoch kann keines von ihnen mehr sicher sagen, was die Hauptstadt von Rheinland-Pfalz ist und wo auf der Landkarte in etwa Sachsen-Anhalt zu finden ist (Bayern finden sie erschreckenderweise bis heute). Es interessiert sie nicht nur nicht, sie haben sogar einen ausgeprägten Widerwillen dagegen entwickelt, sich mit dieser Frage beschäftigen zu müssen – wir machen uns trotzdem auf Fahrten in den Urlaub gelegentlich den Spaß, derlei Fragen zu stellen.

Das führt uns zum Punkt „erste Wahl“. Den Schülern wird ein weiteres Fach vorgeschrieben, dass sie nicht interessiert und das auch noch kompliziert ist (Wenn wir mal ehrlich sind, könnte nicht zuletzt die französische Rechtschreibung mal eine grundlegende Reform vertragen. Die Englische allerdings auch). Und sie verstehen den Grund nicht – jeder kennt von sich oder seinen Kindern die Frage „Wofür brauche ich das denn später?“ bei jedem beliebigen Schulstoff, der nicht innerhalb der nächsten fünf Minuten praktisch anwendbar ist. Das ist für die Motivation nicht hilfreich.

Die Frankreich-Strategie ist in wesentlichen Punkten Ideologie. Und wie alle Ideologien nur beschränkt alltagstauglich. Der Kommunismus war auch eine reizvolle Idee – es hat sich aber herausgestellt, dass er mit der menschlichen Natur nicht kompatibel ist und nur durch Zwang und beständige Indoktrination am Leben erhalten werden. Ähnlich ist es mit der Frankreich-Strategie. Ließe man den Menschen die Wahl, mit welcher Fremdsprache sie ihre Kinder die Schullaufbahn beginnen lassen, würde sich sehr schnell herauskristallisieren, dass sie mit großer Mehrheit auf Englisch setzen. Oder Latein.

Ich behaupte – zugegeben auf keiner anderen Faktenbasis als meinen eigenen Beobachtungen nach über 30 Jahren im Saarland (meine erste Fremdsprache am Gymnasium in NRW war damals Latein, falls das jemanden interessiert): Die wenigsten Saarländer, die sich auf Französisch gut ausdrücken können, die Berufe ausüben, in denen es auf gute Französisch-Kenntnisse ankommt, sind Produkte der Frankreich-Strategie. Sie sind häufig in zwei- oder mehrsprachigen Elternhäusern aufgewachsen, haben Verwandte jenseits der Grenze, die mit ihnen von Kindesbeinen an Französisch gesprochen haben. Nicht zuletzt deshalb übrigens, weil der Eifer, die Sprache des Nachbarn zu lernen, in Deutschland politisch bedingt höher ist als in Frankreich.

Die Frankreich-Strategie wird die Herzen der saarländischen Schüler nicht erreichen. Daher ist sie, so sinnvoll und auch erfolgreich sie wirtschaftlich teilweise sein mag, im Bildungsbereich zum Scheitern verurteilt. Zudem: Welcher – auch erwachsene – Saarländer hält es ernsthaft für erstrebenswert, dass in seinem Bundesland Französisch zweite Verkehrssprache wird? Das macht das Leben nur komplizierter und anstrengender. Menschen wollen aber einfach und anstrengungslos. Wer – auch aus ehrenwerten Gründen – will, dass die Menschen trotzdem den komplizierten und anstrengenden Weg wählen, muss sie mit ständigem Energieeinsatz in diese Richtung schieben. Eltern wissen das. Oder dafür sorgen, dass sie von alleine in diese Richtung wollen. Ich sehe nicht, dass das im Saarland auch nur ansatzweise gelungen wäre. Ich würde sogar noch weiter gehen: Unter den gegebenen kulturellen Parametern der gesamtdeutschen wie der saarländischen Jugendkultur ist es schlechterdings nicht möglich. Make French great again – ein frommer Wunsch.

In anderen Grenzregionen Deutschlands wird an den Schulen ebenfalls die Sprache des Nachbarn angeboten: Im Nordwesten Niederländisch, im Norden Dänisch, im Osten Polnisch oder Tschechisch. Aber nicht als Standard an erster Stelle, sondern als Wahl an zweiter. Das erzeugt weniger Widerstand und lässt die Kompetenzen trotzdem wachsen.

Der Französisch-Zwang hat natürlich durchaus einen Effekt – oder ist es die Nähe zu Frankreich? So gibt es im grenznahen Gebiet gerade im Saarland mehr Schüler, die Französisch als Leistungskurs wählen. Vermutlich werden die sich besser auf Französisch verständigen können und möglicherweise dem Französischen im Ausland im Zweifel den Vorzug geben (hierzu hätte ich allerdings auch Gegenbeispiele, die ich mir aus Platzgründen erspare). Wahr ist aber auch, dass sehr viele saarländische Schüler Französisch abwählen, sobald sie können. Unser ältestes Kind hat das so gemacht und die drei nachfolgenden können es kaum erwarten, es ihm gleich zu tun. Und das, obwohl sie mütterlicherseits sogar französische Wurzeln haben.

Ich persönlich lebe mit weiter bescheidenen Französisch-Kenntnissen seit Jahrzehnten im Grenzgebiet. Und ich komme gut durch damit. Selbst dann, wenn ich zum Einkaufen über die Grenze fahre. In den Supermärkten spricht häufig irgendjemand Deutsch oder irgendein jüngerer Mitmensch Englisch (für französische Kids ist – Überraschung – die anglo-amerikanische Kultur relevanter als die deutsche); notfalls verständigt man sich wie sonst im weiter entfernten Ausland mit Händen und Füßen. Die jungen Leute machen es, wenn sie überhaupt mal die Grenze überqueren, nicht anders. Das ist allemal weniger Stress, als das Schulfranzösisch herauszukramen.

Stichwort Schulfranzösisch: Drei Viertel meiner Kinder hatten bereits das Vergnügen, einen so genannten alternativen großen Leistungsnachweis (GLN, früher hieß das Klassenarbeit) auf Französisch zu absolvieren. Da wurde erwartet, dass sie zu gegebenen Themen mit einem Mitschüler einen Dialog führen und alleine über ein vorgegebenes Thema sprechen können. Schöne Idee, oder? Leider stellte sich jedoch jedes Mal heraus, dass nur ein Bruchteil der Schüler die erwartete mündliche Sprachkompetenz hat. Folge: Mono- und Dialoge wurden mithilfe von Internet und Wörterbuch mühsam vorformuliert, auswendig gelernt und dann vor der Klasse heruntergeleiert. Ich habe selber mit Kindern bis Mitternacht im Wohnzimmer gesessen und den Dialogpartner gegeben. Als Quittung gab’s dafür trotzdem mäßige bis schlechte Noten zuhauf. Das hatte sich die Lehrkraft wohl anders vorgestellt. In der Englisch-Parallelveranstaltung hatten alle Beteiligten wenig überraschen deutlich geringere Schwierigkeiten.

Dass im Saarland alle Kinder Französisch lernen, ist kein Grund, sich auf die Schulter zu klopfen. Das sagt nämlich über ihre Sprachkompetenz überhaupt nichts aus. Es zeigt nur, dass man einen Zwang etabliert hat und dessen Einhaltung kontrolliert.

Darum: Werbt für die französische Sprache, bietet Austauschprogramme an (bei saarländischen Schülern nicht so beliebt, wie man hört), macht praxisorientierten, motivierenden Französischunterricht. Das Lernen einer Fremdsprache hat noch niemandem geschadet. Schon gar nicht in einer Grenzregion. Aber hört auf, Eltern und Schülern die Sprachenfolge vorzuschreiben.

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