Am kommenden Dienstag wird der Chancenmonitor vorgestellt. Politische Sonntagsreden sind zu erwarten. Gleichzeitig wird massiv an der Bildung gespart. mehr...
Am kommenden Dienstag wird der Chancenmonitor vorgestellt. Politische Sonntagsreden sind zu erwarten. Gleichzeitig wird massiv an der Bildung gespart.
K ommende Woche ist es mal wieder so weit. Dann werden unsere Politiker:innen wieder hübsche Sonntagsreden schwingen, in denen sie die Bedeutung von Bildung für unsere Gesellschaft hervorheben. Sie werden Erklärungen finden, warum unser Schulsystem trotz aller Mühen eines der ungerechtesten in ganz Europa ist. Und zähneknirschend bedauern, dass das Aufstiegsversprechen in diesem Land leider immer noch nicht eingelöst wurde. Sie werden ihre wortfeilen Sätze aufsagen – wahrscheinlich ohne zu kapieren, wie kurzsichtig sie selbst agieren.
Anlass für das bevorstehende Ritual ist der „Chancenmonitor“. Am Dienstag stellt das Münchner Ifo-Institut seine Ergebnisse vor. Um einen Vorgeschmack zu bekommen: Die letzte solche Erhebung zeigte, dass sich die Chancenungleichheit in den vergangenen zehn Jahren kein My verbessert hat. Nach wie vor entscheiden Einkommen und Bildungsgrad der Eltern, ob man sehr gute oder eben sehr schlechte Chancen hat, es auf ein Gymnasium zu schaffen. Zuletzt machten nur 31 von 100 Kindern aus sozial benachteiligten Familien Abitur oder Fachabi – bei Kindern aus besser gestellten Elternhäusern waren es 79. So ähnlich dürften die Zahlen auch am Dienstag aussehen. Alles andere wäre eine faustdicke Überraschung.
Dass die wohl ausbleiben wird, liegt auch an vergangenen und aktuellen Sparorgien. Egal ob Kommunen, Länder oder Bund – wenn gespart werden muss, müssen Sozial- und Bildungsprogramme oft als erstes dran glauben. Beispiel gefällig? In Sachsen hat binnen zwei Jahren mehr als jeder zweite Landkreis Stellen in der Schulsozialarbeit gekürzt oder ganz gestrichen. Mehrere Länder – darunter Sachsen und Berlin – haben die Schulbudgets und ähnliche Programme runtergekürzt, über die Klassenfahrten, Sportkurse oder Workshops bezahlt werden. Hessen hat soeben hunderte Lehrerstellen an Gesamt– und Integrierten Sekundarschulen gestrichen. Also an jenen Schulen, die ohnehin mit einem erhöhten Stundenausfall zu kämpfen haben. Die Liste ließe sich beliebig fortführen.
Wie weit auch der Bund gehen würde, zeigt das vom Kanzleramt beauftragte Papier zu Kürzungsideen, die Kinder, Jugendliche und Menschen mit Behinderung hart treffen würden – zum Beispiel bei der inklusiven Schulbegleitung. Für vulnerable Gruppen scheint sich die Bundesregierung ohnehin nicht sonderlich zu interessieren. Siehe das Hin und Her beim Bafög. Seit Monaten streiten Union und SPD darüber, aus welchem Etat die versprochenen (und überfälligen) Erhöhungen kommen sollen. Es sagt eigentlich alles, dass die Koalition für einen zweimonatigen Tankrabatt mal eben mehr Kohle in die Hand nimmt, als sämtliche Bafög-Versprechen in der gesamten Legislatur kosten würden. Diese Prioritätensetzung ist ein Armutszeugnis.
Dazu passt, dass Deutschland mit seinen Bildungsausgaben – gemessen am Bruttoinlandsprodukt – EU-weites Schlusslicht ist. Man muss sich ernsthaft fragen, ob eigentlich irgendjemand noch Bildungsforscher:innen zuhört. Seit Jahren betonen die: Jeder Euro, der in Bildung gesteckt wird, zahlt sich doppelt und dreifach aus. Nach einer aktuellen Modellrechnung könnte Deutschland mit gezielten Investitionen in Kitas und Schulen in 50 Jahren 6,7 Billionen Euro zusätzlich einnehmen – mehr als das Zehnfache des aktuellen Bundeshaushalts.
Das Problem – Sie ahnen es – ist die langfristige Perspektive. Zu der scheinen Politiker:innen, die ohnehin lieber die für Wahlen relevanten älteren Semester umgarnen, einfach nicht bereit. Nach dem Motto: Angebote für junge Menschen, Investitionen in deren Zukunft? Bringt mir ja nichts.
Der renommierte Kieler Bildungsforscher Olaf Köller hat die Lage kürzlich so zusammengefasst: „Jede Kürzung im Bildungsbereich führt nur zu langfristig weiteren wirtschaftlichen Problemen in Deutschland.“ Er schätzt, dass aktuell 25 bis 30 Prozent der Jugendlichen kaum eine Chance auf eine Ausbildung haben, so abgehängt sind sie. Dass die Quote so hoch ist, liegt auch an der frühen Aufteilung in Gymnasien und andere Schulformen. Auch das ist lange bekannt.
Doch an das Thema wagt sich niemand mehr ran, seitdem Hamburg 2010 mit seinem Reformeifer den Widerstand des bürgerlichen Lagers provozierte, das im längeren gemeinsamen Lernen offenbar eine Zumutung für die eigenen Kinder sieht. Dann also lieber Prekaritätsverwaltung als gleiche Bildungschancen für alle.
Den einzigen bildungspolitischen Lichtblick hat die GroKo übrigens von der Ampel geerbt. Dank des „Startchancenprogramms“ erhalten bundesweit 4.000 Brennpunktschulen zusätzliche Ressourcen. Allerdings gibt es auch hier einen Wermutstropfen: Manche Länder freuen sich über die Bundesgelder – und fahren nun ihre eigenen Programme runter.
Mit dieser Halbherzigkeit dürfte es schwer werden mit der Chancengleichheit. Am Dienstag wissen wir immerhin, wo wir stehen. Ich bin schon gespannt auf die unglaubwürdigen Sonntagsreden.
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Ralf Pauli Redakteur Bildung/taz1
Seit 2013 für die taz tätig, derzeit als Bildungsredakteur sowie Redakteur im Ressort taz.eins. Andere Themen: Lateinamerika, Integration, Populismus.
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