Eine neue Studie zeigt: Berlins Clubs haben so viele Gäste wie lange nicht, doch fast 40 Prozent schreiben rote Zahlen
Nicht wenige legendäre Clubs wie das Schwuz mussten wegen gestiegener Kosten schon schließen.
Foto: IMAGO/NurPhoto
»Gehen Sie tanzen!«, sagt Michael Biel zum Abschluss einer Pressekonferenz der Berliner Clubcommission. Mit seiner Aufforderung kommt der SPD-Staatssekretär aus der Senatsverwaltung für Wirtschaft gut an. Aber an tanzenden Gästen mangelt es den Berliner Clubs nicht. Das ist eines der Ergebnisse der Studie, die die Clubcommission am Freitag vorstellt. Als Ort wurde standesgemäß die »MS Hoppetosse« ausgewählt, ein zum Klub umfunktionierter ehemaliger Ausflugsdampfer, der auf der Spree im Osthafen ankert.
Katharina Ahrend von der Clubcommission fasst die Ergebnisse zusammen: »Die Berliner Clubkultur stirbt nicht, sie baut sich um.« Die letzte Studie zur Lage der Clubkultur wurde 2019 veröffentlicht. Für die aktuelle Studie wurden 163 Clubbetreiber*innen befragt. Die positive Nachricht: Nach dem Corona-bedingten Einbruch haben sich die Besucher*innenzahlen erholt. 83 Prozent der befragten Clubs melden eine Auslastung von mindestens 50 Prozent.
Die wirtschaftliche Basis der Tanzlokale hat sich grundlegend verschoben, was sich vor allem an der Umsatzstruktur zeigt. War im letzten Untersuchungszeitraum noch der Getränkeverkauf mit 60 Prozent tragende Säule der Clubwirtschaft, während Eintrittspreise nur 21 Prozent beitrugen, ist dieses Verhältnis heute umgekehrt: Heute machen Eintrittspreise 59 Prozent des Umsatzes aus, Getränkeverkauf nur 21 Prozent. Der Rest wird vor allem über die Fremdvermietung der Location erwirtschaftet. Öffentliche Fördergelder spielen hingegen kaum eine Rolle.
Zentral für diese Entwicklung dürfte ein verändertes Publikumsverhalten sein. Studienautor Klaus Goldhammer erklärt, die wesentlichen Veränderungen bestünden darin, dass Clubgänger*innen weniger Alkohol tränken, die Ausgaben pro Kopf sänken und auch die Aufenthaltsdauer zurückgehe. In der Folge haben viele Clubs Eintritts- und Getränkepreise erhöht. Vor einer finanziellen Schieflage hat sie das aber nicht bewahrt. Machten 2017 noch 21 Prozent der Clubs Verluste, sind es mittlerweile 39 Prozent. Einen Club in Berlin zu betreiben, ist damit oft ein defizitäres Unterfangen. Fast alle Clubbetreiber*innen (95 Prozent) sehen ohne strukturelle Verbesserungen die langfristige Existenz vieler Clubs gefährdet. »Der gute Zulauf aus der Besucherseite spiegelt sich nicht unbedingt in den Finanzzahlen wider«, resümiert Goldhammer. Am häufigsten genannt wurden als Belastungen hohe oder steigende Personalkosten, steigende Betriebskosten und eine sinkende Kaufkraft des Publikums.
Als Reaktion auf die steigenden Kosten hat eine Mehrheit der Clubs Eintritts- und Getränkepreise erhöht. »Das ist eine Antwort auf die ökonomische Konstellation«, sagt Goldhammer. Aber diese Antwort hat Folgen für die Zugänglichkeit. »Je höher die Eintrittsgelder sind, desto weniger sind sozial Schwache in der Lage, überhaupt reinzukommen«, erklärt der Wissenschaftler.
Neben Clubs wurden auch Clubgänger*innen zwischen 22 und 28 Jahren befragt. »Es gibt ja das Gerücht, dass junge Leute nicht mehr ausgehen und Clubs gar nicht mehr mögen«, sagt Kai Sachse, Geschäftsführer der Clubcommission. Aber das Gerücht lässt sich nicht bestätigen. Die Clubkultur ziehe weiterhin Menschen nach Berlin, so Sachse. Aber es gibt neue Trends. »Softclubbing« sei ein Thema. »Die Leute gehen weiterhin in Clubs, bleiben nur nüchtern.«
»Die Berliner Clubkultur stirbt nicht, sie baut sich um.«
Katharina Ahrend Clubcommission
Generell gehe ein junges Publikum »intentionaler« aus, so Sachse. »Die Leichtigkeit, die man vielleicht von früher kennt – man geht irgendwo hin und schaut, wo die Nacht einen hinbringt – das gibt es nicht mehr.« Das liege auch an geringeren Ressourcen. Wer weniger Zeit und weniger Geld habe, gehe eben gezielter aus. Außerdem würden Awareness und Safer Spaces, also Maßnahmen, um Diskriminierung zu verringern, für junge Leute an Bedeutung gewinnen. Das werde zu einem Entscheidungsfaktor. Was die ökonomische Zukunft der Clubs angeht, ist der Clubcommission-Geschäftsführer der Meinung, dass die Clubkultur in Zukunft auf Fördermittel angewiesen sein werde.
Die Senatswirtschaftsverwaltung kann in dieser Frage nur wenig versprechen, kann aber auf bereits laufende Programme aufbauen. Das Schallschutzprogramm, über das Clubs Gelder für Lärmschutz beantragen können, laufe wie geschmiert, sagt Staatssekretär Biel. »Da sollte man weiterschrauben«, sagt der SPD-Politiker. Bei grundlegenden Fragen sieht er aber die Bundespolitik in der Pflicht. Dort müsse erreicht werden, dass Clubs als Kulturstätten anerkannt werden. Damit wäre es leichter, für Clubs Betriebsgenehmigungen zu bekommen. Auch bei einer anderen, nicht nur für Clubs zentralen Frage, liegt der Ball bei der Bundesregierung: der Regulierung der Gewerbemieten. »Es ist Aufgabe des nächsten Berliner Senats, da nicht lockerzulassen«, sagt Biel. Als Vertreter der Wirtschaftsverwaltung betont er, dass Clubs ein wichtiger Standortfaktor für Berlin seien. Biel kann sich vorstellen, dass Clubs ähnlich wie Berliner Theater mit der Spielstättenförderung Geld für den laufenden Betrieb bekommen könnten. Da solle Berlin »mutig voranschreiten«, sagt er. Denn: »Clubs sind Teil der Berliner Identität.«
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