Eine Studie zum Crack-Konsum in Berlin zeigt: Statt Zäunen und Verboten brauchen Betroffene Wohnungen, Konsumräume und echte Anlaufstellen.
Der Konsum von Crack nimmt in Berlin seit Jahren zu.
Foto: dpa/Boris Roessler
»Wir jagen die Leute eigentlich nur von Straße zu Straße, ohne dass sich etwas verbessert.« So fasst eine für eine Studie interviewte Fachkraft aus der Drogenhilfe den Umgang mit Crack-Abhängigen zusammen. Crack-Kokain ist auf dem Vormarsch in Berlin. Die bereits im Juni veröffentlichte »Crack-Studie« wurde von der Senatsverwaltung für Gesundheit in Auftrag gegeben und formuliert Vorschläge für einen Umgang mit dem Problem.
Crack wird aus Kokain hergestellt. Oft in Eigenregie wird dabei Kokainsalz mit Natron vermischt und erhitzt. Die Droge wirkt extrem schnell und kurz, greift massiv in die Hirnchemie ein und gilt als eine der Drogen mit dem höchsten Suchtpotenzial. Der Name kommt vom Geräusch des Knisterns, das die Kristalle beim Verbrennen von sich geben – Crack wird in kleinen Pfeifen geraucht. Während in der offenen Drogenszene in Berlin lange Zeit das nicht weniger schädliche Heroin dominierte, gibt es mit der zunehmend billigeren Verfügbarkeit von Kokain immer mehr Konsument*innen, die (auch) Crack konsumieren.
Die Zunahme des Konsums lässt sich auch statistisch nachweisen, allerdings nur vermittelt über eine Analyse landesweiter Suchthilfestatistiken, also über Personen, die in Behandlung waren. Wurden 2022 noch 66 Personen in ambulanter und stationärer Behandlung registriert, die hauptsächlich Crack konsumierten, stieg diese Zahl im Jahr 2024 auf 229. Auch die Zahl derjenigen, die einen »problematischen Lebenszeitkonsum« von Crack haben, verdreifachte sich fast: von 274 im Jahr 2022 auf 780 im Jahr 2024. Es dürfte aber noch mehr Konsument*innen geben, denn diese Zahlen zeigen nur Personen, die Kontakt zum Hilfesystem haben.
Die offene Drogenszene ist laut Studie über die Stadt verteilt und konzentriert sich auf wenige Orte. Einer davon ist der Kreuzberger Görlitzer Park und Umgebung. Dass es mehr Crack-Konsument*innen gibt, überrascht David Kiefer nicht. »Schon vor vier Jahren hat man im Wrangelkiez im Supermarkt Leute getroffen, die ganz dringend nach Natron gefragt haben. Das gab es schon damals nur noch an der Kasse, weil es so viel geklaut wurde«, sagt der Sprecher von »Görli zaunfrei« im Gespräch mit »nd«. Dass es mehr Crack-Konsum gebe, zeige sich im Kiez vor allem im Winter, wenn die Konsument*innen vor der Kälte in Hauseingänge flüchten. Opiatkonsument*innen seien eher ruhig und für sich, sagt Kiefer. »Leute, die Koks und Crack konsumieren, sind viel agitierter.« Vor allem im Laufe der Zeit merke man, dass diese psychisch auffällig würden und etwa vor sich hin redeten und viel vernachlässigter seien.
»Die Ergebnisse dieser Studie sind eine weitere Klatsche für den Berliner Senat.«
David Kiefer Görli zaunfrei
Für die Studie wurden auch Konsument*innen befragt. Die sozioökonomischen Daten zeigen, dass mit dem Konsum viele weitere Probleme einhergehen. Nur rund 31 Prozent der 153 Interviewten haben eine Wohnung oder ein WG-Zimmer. Ganze 38,6 Prozent leben auf der Straße. Gut ein Viertel der Befragten hat keine Krankenversicherung. Und 75 Prozent haben Hafterfahrung, saßen also schon einmal im Gefängnis. Crack ist selten die einzige Droge, die die Personen konsumieren. Vor allem Kokain, Cannabis, Alkohol und Heroin werden von Menschen, die das Kokain-Derivat rauchen, zusätzlich konsumiert.
Crack-Konsum sei kein isoliertes Substanzphänomen, schlussfolgert die Studie, sondern Teil einer strukturellen Problemlage, in der »gesundheitliche, psychosoziale und soziale Belastungen eng miteinander verschränkt sind«. Es gebe eine enge Kopplung von Konsum, gesundheitlicher Belastung und sozialem Ausschluss, vor allem in Verbindung mit zunehmender Wohnungs- und Obdachlosigkeit.
Aus den Ergebnissen der Studie leiten die Autor*innen Handlungsempfehlungen ab, die vor allem darauf abzielen, die Situation der Konsumierenden zu verbessern und den Konsum sicher zu gestalten. Unter anderem empfehlen sie die Einrichtung von Ruhe- und Notschlafangeboten, die Drogenkonsum akzeptieren. Denn in den meisten Notunterkünften ist Drogenkonsum ein Tabu, was zu einer Versorgungslücke führt.
Genauso sprechen sich die Forscher*innen für Housing-First-Ansätze aus, also dafür, Obdachlose möglichst schnell und ohne Vorbedingung in eine eigene Wohnung zu vermitteln. Obdachlosigkeit sei bestimmend für die Intensität des Konsums und die damit einhergehenden gesundheitlichen Risiken.
Eine weitere Maßnahme ist die Schaffung von Anlaufstellen mit einer kombinierten Versorgung von Suchthilfe sowie psychosozialen und medizinischen Hilfsangeboten. Außerdem sprechen sich die Forscher für eine Ausweitung der Öffnungszeiten von Konsumräumen aus.
Was auffällt: Repressive Maßnahmen gegen Konsument*innen kommen in den Handlungsempfehlungen nicht vor. Für David Kiefer von »Görli zaunfrei« ist das auch der Grund, warum die Studie kaum rezipiert und auch vonseiten des Senats keine Öffentlichkeitsarbeit dazu gemacht werde. »Die Ergebnisse dieser Studie sind eine weitere Klatsche für den Berliner Senat. Statt auf Fachleute zu hören, wurden Kürzungen im sozialen Bereich und repressive Maßnahmen wie der Zaun und die nächtliche Schließung des Görlitzer Parks vorgenommen«, sagt er.
Kiefer berichtet, dass die Initiative Wrangelkiez United zusammen mit Anwohner*innen und Gewerbetreibenden bereits 2023 einen offenen Brief zum zunehmenden Drogenkonsum rund um den Görlitzer Park verfasst habe. Schon damals forderten die Aktivist*innen »soziale Lösungen für soziale Probleme«. Man finde sich als Bündnis in vielen der Erkenntnisse der Studie wieder, so Kiefer. »Die Lösungsansätze stehen klipp und klar in der Studie. Wir wollen, dass das Problem so angegangen wird und der Görli offen bleibt. Denn der Zaun löst überhaupt kein Problem.«
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