Deutschland fehlen Elektriker für die Energiewende. Deshalb holt Enpal Fachkräfte aus Kolumbien nach Brandenburg. Doch das Projekt wirft auch Fragen nach Rechten und Abhängigkeiten von Menschen auf, die in Deutschland dringend gebraucht werden.
Elektriker aus Kolumbien für Enpal 9.000 Kilometer bis zur Wärmepumpe
"¿Esto?" Der Ausbilder zeigt auf einen Verteilerkasten. "Sí, señor." Ein Nicken. "¿Y esto?" Er zeigt auf die nächste Klemme. "Sí, señor."
In einer Werkhalle südlich von Berlin stehen sie zwischen Verteilerboxen, Kabelkanälen und Wärmepumpenmodulen. Viele von ihnen sind erst seit wenigen Wochen in Deutschland. Sie verlegen Leitungen, montieren Anschlüsse und lernen die technischen Standards eines Landes kennen, das dringend Fachkräfte sucht.
Draußen liegt Brandenburg. Drinnen beginnt für viele ein neues Leben.
Wer die Weiterbildung nicht besteht, muss gehen
Die Männer kommen aus Kolumbien. Einer von ihnen ist Santiago Ardila. Der gelernte Elektriker ist vor drei Wochen nach Deutschland gekommen. Nun steht er in der Enpal-Akademie in Blankenfelde-Mahlow und versucht, deutsche Vorschriften, neue Technik und eine fremde Sprache gleichzeitig zu lernen.
"Die Lernmethode ist ziemlich intensiv", sagt er. "Man muss schon richtig Lust haben, hier zu lernen."
Wer die Weiterbildung nicht besteht, muss gehen. Das beschreibt den Anspruch der Akademie. Und den Druck, unter dem viele der Teilnehmer stehen. Denn die Einrichtung ist mehr als ein Schulungszentrum. Sie ist ein Ort, an dem sich die Chancen und Widersprüche des deutschen Fachkräftemangels verdichten.
Deutschland braucht Wärmepumpen. Wärmepumpen brauchen Elektriker. Diese Elektriker fehlen.
Santiago Ardila, Elektriker. (Quelle: rbb)
Über 500 kolumbianische Elektriker
Mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz hat die Bundesregierung die Hürden für qualifizierte Zuwanderung gesenkt. Berufsabschlüsse können leichter anerkannt werden, Verfahren wurden beschleunigt und Unternehmen erhalten mehr Möglichkeiten, Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen.
Für Enpal, dem milliardenschweren Berliner Climate-Tech-Unternehmen, das Solarmodule montiert, Wärmepumpen anschließt und Elektroinstallationen prüft, beginnt die Suche deshalb nicht mehr nur in Deutschland. Sondern auch 9.000 Kilometer entfernt.
Mehr als 300 Fachkräfte aus Kolumbien und zu einem kleineren Ausmaß Brasilien hat das Berliner Unternehmen bereits nach Deutschland geholt. Bis Ende des Jahres sollen es über 500 werden.
Kolumbiens duales Bildungssystem
Warum aber ausgerechnet Kolumbien?
Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen existiert zwischen Deutschland und Kolumbien seit letztem Jahr ein Fachkräfteabkommen, das die Einwanderung über ein beschleunigtes Verfahren erleichtert. Zum anderen verfügt das südamerikanische Land über ein gut organisiertes Berufsbildungssystem.
"Es gibt in Kolumbien interessanterweise auch ein berufliches duales Bildungssystem", sagt der Leiter der Enpal-Akademie Paul Hauer. Verantwortlich dafür sei die staatliche Ausbildungsorganisation SENA, gegründet Ende der 1950er-Jahre. "Die arbeiten nach Standards, die sie sich aus Europa abgeguckt haben."
Für Enpal ist das ein Glücksfall. Die Bewerber kommen nicht als ungelernte Arbeitskräfte nach Deutschland. Sie sind bereits ausgebildete Elektriker und bringen oft mehrere Jahre Berufserfahrung mit. Nach vier bis sechs Monaten in der Akademie ist ihre Weiterbildung abgeschlossen.
Kein klassischer Ausbildungsbetrieb
Gleichzeitig zeigt der Fall aber auch die eigenen Versäumnisse auf. Denn Enpal bildet selbst keine Elektriker im klassischen dualen System aus – weder deutsche noch ausländische. Wie viele andere Unternehmen der Branche rekrutiert das Unternehmen bereits ausgebildete Fachkräfte oder übernimmt Beschäftigte, die ihre Ausbildung andernorts absolviert haben.
Gleichzeitig präsentiert sich die Akademie als Ausbildungsprojekt für die Energiewende. Hauer sieht darin keinen Widerspruch. "Wie jeder andere Betrieb profitieren wir natürlich auch davon, dass irgendwo anders Leute Erfahrungen gesammelt haben. Was einzigartig ist, ist dieses Projekt hier."
Die Teilnehmer durchlaufen zwar keine klassische deutsche Berufsausbildung, erwerben am Ende ihrer Anpassungsqualifizierung aber einen in Deutschland anerkannten Berufsabschluss, wie Hauer erklärt. "Wenn man das hochrechnet, dann können wir selbstbewusst sagen, dass drei Prozent der Elektrogesellenbriefe in diesem Jahr von uns kommen."
Für das Unternehmen ist das der Beleg, dass die Akademie mehr ist als ein Rekrutierungsprogramm. Kritiker halten dagegen, dass die Grundlage dafür weiterhin die Ausbildungssysteme anderer Länder und Betriebe seien.
Keine Wärmepumpen in Kolumbien
Wer durch die Akademie läuft, hört dennoch viel Optimismus. Oscar Llanos kam selbst vor knapp zwei Jahren aus Kolumbien nach Deutschland. Heute ist er Ausbilder. Doch auch er erinnert sich an schwierige Anfangszeiten. "Der erste Monat war ein bisschen schwer für mich", sagt er. Alles war neu. "In Kolumbien haben wir kein Wärmepumpensystem." Viele der Teilnehmer erleben ähnliche Unsicherheiten.
Neue Sprache. Neues Land. Neue Gesetze. Und eine starke Abhängigkeit vom Arbeitgeber. Denn das Visum ist zunächst an den Betrieb gekoppelt. "Natürlich gibt es Erfordernisse, die haben aber vor allen Dingen bürokratische Gründe", sagt Hauer. "Das wäre auch bei jeder anderen Firma so."
Formal stimmt das. Praktisch entsteht trotzdem ein Machtgefälle. Wer gerade erst angekommen ist, kennt oft weder seine Rechte noch seine Möglichkeiten. "Die Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern wissen ja in der Regel nicht, welche Rechte es hier gibt", sagt IG-Metall Bezirksleiter Jan Otto.
Deshalb fordert die Gewerkschaft seit Langem einen Betriebsrat. "Da kann man Enpal nur raten, jetzt zügig dafür zu sorgen, dass Mitbestimmung in den Betrieb kommt."
Oscar Llanos, Elektriker und Ausbilder. (Quelle: rbb)
Bericht des Manager Magazins
Die Diskussion um Arbeitsbedingungen begleitet Enpal seit Langem.
Das Manager Magazin berichtete zuletzt über hohen Arbeitsdruck und problematische Vertragsklauseln bei Enpal. Teile der Berichterstattung wurden später Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen. Einzelne Passagen wurden entfernt. Andere Kritikpunkte weist Enpal bis heute zurück.
"Wir arbeiten beständig daran, die Arbeitsbedingungen für unsere mehr als 5000 Beschäftigten zu verbessern. Deswegen nehmen wir Kritik unserer Mitarbeitenden sehr ernst", sagt eine Unternehmenssprecherin. Die Mitarbeiterzufriedenheit unter Enpals Elektrikern sei sehr gut. "Anonyme Mitarbeiterumfragen zeigen: fast alle würden Enpal als Arbeitgeber Freunden und Familie weiterempfehlen. Überstunden werden erfasst und ausgeglichen."
Bindeklauseln sollten Wechsel verhindern
Ein Vorwurf allerdings beschäftigt das Unternehmen weiterhin.
Sogenannte Bindeklauseln sollten verhindern, dass Beschäftigte unmittelbar nach ihrer Weiterbildung den Arbeitgeber wechseln.
"Das war ein Fehler, den wir am Anfang gemacht haben", sagt Hauer heute. Man habe Unsicherheit gehabt, ob das Modell ausgenutzt werde. Die Klauseln seien inzwischen abgeschafft. "Die Leute sind auch mit dem Gesellenbrief völlig frei, danach auch zu einem anderen Betrieb zu kommen."
Fachkräfteabkommen eine Chance
Und das lässt manchen Mitarbeiter, wie Santiago Ardila, auch an seine Zukunft denken.
Falls Enpal ihn nach der Weiterbildung nicht übernimmt, will er sich selbst Arbeit suchen. "Ich würde mit meinen Freunden hier sprechen, ob sie mich unterstützen könnten, eine andere Firma zu finden."
Für viele Kolumbianer bedeutet Deutschlands Fachkräfteabkommen eine Chance auf ein besseres Einkommen, beruflichen Aufstieg und ein neues Leben. Sie kommen in ein Land, das sie dringend braucht – und dessen Arbeitsmarkt sie oft noch kaum verstehen.
Gleichzeitig bleiben Fragen nach Rechten, Pflichten und Schutz der neuen Fachkräfte. Aber auch die Frage, wie sehr die Energiewende in Deutschland inzwischen davon abhängt, dass Menschen aus 9.000 Kilometern Entfernung kommen müssen, um sie überhaupt möglich zu machen.
Beitrag von Efthymis Angeloudis
Sendung: rbb|24 Inforadio, 3.6.2026, 13:35 Uhr
Audio: rbb|24 Inforadio, 3.6.2026, Efthymis Angeloudis
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