Bundeswirtschaftsministerin Reiche hat am Montag die PCK Raffinerie in Schwedt besucht. Dort sorgt man sich um den wirtschaftlichen Weiterbetrieb der Anlage, denn die aktuellen Reserven reichen nur noch bis Ende des Monats.
PCK Raffinerie Wie Schwedt die kasachischen Öllieferungen ersetzt
Von Ronja Bachofer
Katherina Reiche (CDU) hat Geld im Gepäck: Mit 350 Millionen Euro fördern Bund und Land gemeinsam die Produktion von synthetischem Kerosin auf Basis von Wasserstoff. Ein Umbau also zu klimafreundlicheren Kraftstoffen. Ein "Zukunftszeichen" nennt das die Bundeswirtschaftsministerin. Doch um genau diese Zukunft sorgen sich die Mitarbeitenden der PCK Raffinerie in Schwedt. Das kann auch die Förderung nicht aufwiegen.
Bis Ende des Monats kann die Anlage noch mit 80-prozentiger Auslastung weiterbetrieben werden. Dann fehlt das nötige Öl und die Produktion müsste gedrosselt werden. Raffinerien sind jedoch am effizientesten, wenn sie konstant und mit relativ hoher Auslastung laufen. Bei einer Drosselung steigen die Kosten. In Deutschland gibt es elf Raffinerien in unterschiedlicher Größe und Struktur. Acht davon produzieren Kerosin.
"Unabhängigkeit bedeutet Freiheit"
Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), der die CDU-Ministerin begleitete, sagte in Schwedt, in den vergangenen Monaten und Jahren hätte sich über die Hälfte seiner Telefonate mit dem Bundeswirtschaftsministerium um die PCK Raffinerie gedreht. "Ja, unsere Raffinerien sind kritische Infrastruktur. Und Ja, damit die Räder in unserem Land rollen, brauchen wir jede einzelne dieser Raffinerien. Denn Unabhängigkeit bedeutet Freiheit", so der Ministerpräsident. Wichtig seien die Beschäftigungssicherheit, Betriebssicherheit und Versorgungssicherheit.
Rund 20 Prozent ihres Öls bezieht die PCK normalerweise aus Kasachstan. 2025 waren es rund 2,1 Millionen Tonnen Rohöl, die über die Druschba-Pipeline nach Schwedt gelangten. Diese Lieferungen sind seit Anfang Mai durch Russland unterbrochen, angeblich wegen technischer Probleme. Die Pipeline war jahrzehntelang auf russisches Öl ausgerichtet, genauso wie die Infrastruktur in Ostdeutschland. Der schnelle Umbau auf alternative Lieferketten gilt deshalb als technisch und wirtschaftlich schwierig.
Ölreserven weiterhin groß
Um die Lieferengpässe auszugleichen, wurde bereits auf Reserven zurückgegriffen. Die seien trotzdem nach wie vor groß, betonte Katherina Reiche in Schwedt. Sie zeigte auch Verständnis für teurere Flüge, wenn die Alternative sei, dass Flugverkehr sonst gar nicht stattfinden könne: "Ein teurerer Flug heißt, dass die Airlines fliegen können. Unsere Situation ist stabil. Zu höheren Preisen zwar, aber sie ist stabil."
Klar ist aber auch: Allein die Reserven können die Raffinerie nicht auf Dauer am Laufen halten. Um die Energiesicherheit zu erhalten, muss auch auf andere Quellen zurückgegriffen werden. Lieferungen über die Häfen in Rostock und im polnischen Gdańsk (Danzig) sollen das Minus nun ausgleichen. Rostock ist allerdings schon jetzt an der Auslastungsgrenze. Auf den Ausstieg aus russischem Öl war die Hafeninfrastruktur nicht vorbereitet. Ein Ausbau des Liegeplatzes 5 im dortigen Ölhafen wird aktuell geprüft, damit in Zukunft auch tiefere Tanker anlegen können.
Zum Stand der Verhandlungen mit Polen wollte Katherina Reiche am Montag in Schwedt nichts sagen. Nur so viel: "Wir sind mit unseren polnischen Partnern in wirklich guten Gesprächen. Man kann nur dankbar sein für die europäische Solidarität." Die Verhandlungen mit Polen seien auch übers Wochenende fortgeführt worden. Man könne vorsichtig optimistisch sein.
Neue Abhängigkeiten?
Kritik an dem Vorhaben kommt aus der Opposition: Eine polnische Pipeline verschiebe die Abhängigkeit nur, sagt Christian Görke, Bundestagsabgeordneter der Links-Fraktion. Er fordert, eine größere und wasserstofffähige Pipeline in Trägerschaft des Bundes von Rostock nach Schwedt zu bauen: "Es braucht eine staatliche Raffinerie mit einer staatlichen Pipeline, so wie in anderen EU-Staaten auch, sonst ist man in der nächsten Krise wieder völlig in den Händen der privaten Mineralölkonzerne mit ihrer Abzockementalität."
Das BSW hingegen hätte gern, dass das Öl wieder durch Russland fließen kann, oder perspektivisch auch wieder aus Russland selbst importiert wird. Der Vorsitzende der Brandenburger BSW-Fraktion Niels-Olaf Lüders plädiert für Gespräche mit Russland, um die Druschba-Pipeline zu reaktivieren: "Diese Infrastruktur ist die günstigste, effizienteste und bewährteste Versorgungsroute. Alles andere ist teurer, unsicherer und gefährdet die Arbeitsplätze in der Region und unsere Energie- und Versorgungssicherheit insgesamt."
Synthetisches Kerosin soll Schwedt langfristig sichern
Die PCK beschäftigt rund 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Hinzu kommen mehrere Tausend indirekte Arbeitsplätze bei Zulieferern, Wartungsfirmen und Dienstleistern in der Region. Die Beschäftigungsgarantie, die zunächst nur bis zum 30. Juni galt, wurde bis zum Jahresende verlängert. Das sei das Mindeste, äußert sich Christian Görke, und weiter: "Aber die Garantie und das neue Projekt ändern nichts an der strukturellen Schieflage durch die eingeschränkte Versorgungssicherheit."
In Schwedt zeigt sich der grundlegende Wandel der Energieversorgung in Deutschland. Die kurzfristige Sicherung der Rohölversorgung trifft auf den langfristigen Umbau hin zu klimafreundlicheren Alternativen. Das neue Projekt um synthetisches Kerosin soll helfen, Schwedt dauerhaft als Industriestandort zu sichern.
Sendung: rbb24 Abendschau, 11.05.2026, 19:30 Uhr
Video: rbb24 Abendschau, 11.05.2026, Riccardo Wittig & Andreas Oppermann
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