Energie Cottbus steht kurz vor dem Start in die 2. Fußball-Bundesliga. Präsident Sebastian Lemke hat den Klub in den vergangenen Monaten darauf vorbereitet - nun ist das Team gefordert.
Interview Energie-Cottbus-Präsident Lemke "Damit haben wir uns einen Namen in Fußball-Deutschland gemacht"
rbb: Herr Lemke, wir erreichen Sie kurz vor dem Zweitliga-Auftakt Ihrer Mannschaft gegen Hannover 96 im Urlaub. Wirken die Aufstiegsfeierlichkeiten immer noch nach?
Lemke: Nein, das hängt nicht mehr mit den Feierlichkeiten zusammen. Die letzten Wochen mit den Vorbereitungen für die zweite Liga und den Umbau- und Renovierungsarbeiten am Stadion waren doch sehr kräftezehrend.
rbb: Zum Auftakt geht es mit Hannover 96 direkt gegen einen Aufstiegsfavoriten. Wie schmeckt Ihnen das?
Lemke: Das ist uns eigentlich egal. Wir freuen uns auf alle Mannschaften, die nach Cottbus reisen oder zu denen wir fahren müssen. Hannover ist ein sehr attraktives Team. Wir nehmen die Gegner so, wie sie kommen. Ich glaube, dass es direkt am ersten Spieltag für uns spannend und spektakulär werden kann.
rbb: Die Meinungen über Ihre Mannschaft gehen auseinander. Trainer Claus-Dieter Wollitz hat gesagt, Sie seien 17 Mal nicht auf Augenhöhe. Trotzdem sei er überzeugt, dass Energie gegen die 17 anderen Vereine der Liga gewinnen könnte. Ex-Torhüter und Vereinsidol Tomislav Piplica ist der Meinung, dass der Klassenerhalt für Cottbus kein Problem sein sollte. Mit welchem Gefühl gehen Sie in die Saison?
Lemke: Wir waren zwölf Jahre nicht in dieser Liga und haben so zwölf Jahre Entwicklung verpasst. Wir müssen also einiges aufholen. Trotzdem haben wir eine sehr starke Mannschaft - vor allem mental. Sie steht als Team zusammen. Punktuell haben wir uns sehr gut verstärkt. Wir wollen unseren mutigen und leidenschaftlichen Fußball spielen und uns nicht verstecken. So wollen wir die Liga überraschen.
rbb: Man hört oft, dass eine Mannschaft viel Entwicklung verpasst habe, wenn sie lange nicht in einer Liga dabei war. Was heißt das konkret im Fall Cottbus?
Lemke: Der Fußball hat sich in den letzten zehn bis 15 Jahren extrem entwickelt - sei es auf dem Platz oder infrastrukturell. Wegen der begrenzten finanziellen Möglichkeiten konnten wir in Cottbus da zuletzt nicht mehr mithalten. Nehmen wir das Stadion als Beispiel: Dank der Fördermittel konnten wir einiges tun, um es zweitligatauglich zu machen. Im Grunde ist es aber nicht mehr für den heutigen Fußball gemacht. Das fängt beim VIP-Bereich an, es gibt keine Logen. Auch bei den Trainingsbedingungen hängen wir ein Stück hinterher. Da hat Pele Wollitz schon recht, wenn er sagt, dass wir da auf Platz 18 der Liga sind. Wir müssen mit kreativen Lösungen versuchen, unsere Möglichkeiten auszuspielen.
rbb: Ihr Trainer hält mit derartiger Kritik selten zurück. In der letzten Saison war er zwischenzeitlich sauer, weil im Vereinsumfeld gemeckert wurde. Würden Sie sich manchmal wünschen, dass er ein wenig diplomatischer wäre?
Lemke: Nein, absolut nicht. Er ist ein Mensch mit Ecken und Kanten, der seine Meinung offen ausspricht. Das finde ich gut. Das mag in unserer Gesellschaft manchmal nicht mehr gewollt sein, aber er soll das weiter so machen. Er hat damals auch Dinge angesprochen, die stimmten, weil manche die Realität vergessen hatten. Auch letztes Jahr sind wir nicht als Aufstiegsaspirant in die Liga gestartet, sondern eher als Abstiegskandidat. Wir haben fantastisch gespielt und trotzdem war es fern der Realtität, den Aufstieg einzufordern. Das war ein riesiges Geschenk für die Lausitz. Als solches sollten wir es mit einer großen Demut und Dankbarkeit annehmen.
rbb: Was bedeutet der Aufstieg für die Region?
Lemke: Ganz viel. Man spürt seit Jahren eine riesige Euphorie in der Lausitz. Wenn man durch Cottbus, Senftenberg oder Großräschen fährt, sieht man überall Rot-Weiß, viele Kinder mit T-Shirts oder Trikots. Das zeigt, dass diese Region nach der zweiten Liga gelechzt hat und wie wichtig es ihnen ist, dass ihr Verein Energie Cottbus wieder oben mitspielt. Wir haben wirklich etwas Außergewöhnliches geschafft und das wollen wir nun festhalten.
rbb: Aprops schaffen: Wie ist es Ihnen gelungen, den deutschen Nachwuchsnationalspieler Luca Erlein von Bayer Leverkusen auszuleihen?
Lemke: Auch das ist ein Zeichen unserer positiven Entwicklung in den letzten fünf Jahren. Wir gehen sehr verantwortungsvoll mit Leihspielern um. Man sieht es bei King Manu oder bei Lukas Michelbrink. Man hat sie uns anvertraut, damit sie bei uns Spielpraxis sammeln können. Die haben wir ihnen gegeben und sie aufgebaut und weiterentwickelt. Damit haben wir uns einen Namen in Fußball-Deutschland gemacht.
rbb: Wir haben schon über die direkte Art von Trainer Wollitz gesprochen. Er kann auch mal laut werden. Kommen die jungen Spieler damit zurecht?
Lemke: Ich will nicht zu viel aus der Kabine verraten, aber Claus-Dieter Wollitz hat viele Talente und Kompetenzen. Eine seiner größten ist es, Spieler und Menschen zu formen. Die Jungs hängen ihm in der Kabine an den Lippen und vertrauen ihm. Ich habe selten eine Person gesehen, die so gut mit Menschen umgehen kann. Auch Leo Bittencourt hat das zuletzt ja gesagt, der ihn ebenfalls schon viele Jahre kennt. Er kann einen Kader wirklich zusammenschweißen.
rbb: Leo Bittencourt ist nach vielen Jahren in der Bundesliga von Werder Bremen zurückgekehrt nach Cottbus. Wie hat er sich eingefügt?
Lemke: Leo kennt es hier ja alles. Es ist eine kleine romantische Fußball-Geschichte, dass er dahin zurückkommt, wo er groß geworden ist. Er hat 14 Jahre lang viel gesehen im deutschen Fußball und mehr als 300 Bundesliga-Spiele absolviert. Er hat sich sofort super eingegliedert. Er möchte Energie Cottbus dabei unterstützen, dass wir mittel- und langfristig in der zweiten Liga spielen.
rbb: Der VfL Wolfsburg verfügt angeblich über einen Etat von rund 55 Millionen Euro. Ihrer soll bei zehn bis zwölf Millionen Euro liegen. Wie kommen Sie damit zurecht?
Lemke: Sehr gut. Wir wissen alle, dass Wolfsburg der Ligaprimus ist. Wolfsburg hat offenbar Transferausgaben von rund 20 Millionen Euro. Der Rest der Liga hat zusammen 18 Millionen Euro ausgegeben. Daran sieht man, was in der Liga los ist. Wir schauen aber nur auf uns und wissen, dass unser Etat mit Abstand der kleinste sein wird. Wir werden trotzdem versuchen, unseren mutigen Offensivfußball auf den Platz zu bringen.
rbb: Vielen Dank für das Gespräch.
Der Text ist eine gekürzte, redigierte Fassung des Interviews.
Sendung: rbb24 Inforadio, 07.08.26, 20:45 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 07.08.26, Sebastian Lemke im Interview mit Thomas Kroh
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