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Jo Reichert hat nach der Achterbahn-Tour noch große Pläne mit dem SSV Ulm

Дата публикации: 02-08-2026 08:55:10

Jo Reichert hat mit dem SSV Ulm viel erlebt: Aufstiege, Abstiege, pure Euphorie und schieres Chaos. Nun wagt der Routinier den Neuanfang in der Regionalliga - und freut sich wie ein Teenager.

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Der SSV Ulm 1846 Fußball ist wieder dort angekommen, wo er herkam und wo er eigentlich nie wieder sein wollte: in der Regionalliga. Nach dem unheilvollen Absturz aus der 2. Bundesliga könnte man fast sagen, Ulm ist am Boden. Für Kapitän Johannes Reichert, den in Ulm alle nur "Jo" nennen, fühlt sich das wenige Tage vor dem Saisonstart bei den Stuttgarter Kickers hingegen komplett anders an. "Ich freue mich so unfassbar", sagt im Gespräch mit SWR Sport. "Endlich geht es wieder los. Eine ganz neue Mannschaft, eine ganz neue Ausrichtung, neuer Trainer, neue Vereinsführung - für mich ist es wie eine Art Neuanfang."

Dabei klingt der 35-Jährige wie ein Teenager, der nach zwölf Monaten im Krankenstand endlich wieder auf den Bolzplatz darf. Ein bisschen ist es ja auch so. Nach seinem Kreuzbandriss am ersten Spieltag der vergangenen Drittliga-Saison war der Kapitän fast ein komplettes Jahr raus: "Immer allein unterwegs, in der Reha und fernab von jeglichen Teamkollegen." Das hat ihn gewurmt. "Ich war ja die ersten drei Monate auf Krücken und habe gefühlt das Haus nicht verlassen." Mittlerweile trainiert Reichert wieder mit der Mannschaft, wenn auch noch nicht unter voller Belastung. "Ich muss echt sagen, das hat mir extrem gefehlt."

In etwa sechs Wochen will er wieder spielen - vielleicht dauert es auch länger: "In meinem Alter ist erst mal die Frage, ob man überhaupt zurückkommt. In meinem Knie war ja fast alles kaputt." Es sei jedoch "alles auf dem besten Weg" und Reichert ist "einfach nur dankbar, wieder auf dem Platz zu sein". Dort möchte er gerne etwas korrigieren.

Die Erfüllung eines Lebenstraums für Jo Reichert und den SSV Ulm

Reichert will seine Mannschaft wieder im Profi-Fußball sehen. Dort, wo er sie schon einmal hingeführt hat. Dort, wo der SSV Ulm dem eigenen Verständnis nach auch hingehört. Für den gebürtigen Ulmer ist das eine sehr emotionale Angelegenheit. Aber Jo Reichert ist ja eh "ein sehr emotionaler Typ" und "manchmal ein bisschen drüber - im Guten, wie im Schlechten".

Das kann er auch nicht verstecken, wenn er in einem fast einstündigen Interview mit SWR Sport über die vergangenen vier Jahre spricht. Dann reist er in Gedanken zurück zum 20. Mai 2023. Er sieht das Donaustadion quasi wieder vor sich, die 10.282 Zuschauer ("das waren wir damals nicht gewohnt") und die Spieler von Gegner SG Barockstadt Fulda-Lehnerz. "Das erste Spiel, in dem wir wirklich aufsteigen konnten." Und Reichert dachte sich: "Wow! Jetzt kann sich mein Leben komplett verändern."

Der Aufstieg nach dem 5:0-Sieg war die Erfüllung eines Traums - für Jo Reichert und für den SSV Ulm. "Dieses Gefühl beim Abpfiff werde ich nie vergessen. Für meine Karriere war der Aufstieg in die 3. Liga immer das große Ziel, auf das ich jahrelang hingearbeitet habe. Dass sich dieser Traum erfüllt hat – unvergesslich, unbeschreiblich, wunderschön."

Eine Euphorie-Welle trägt in SSV Ulm in die 2. Bundesliga

Ulm traf wieder auf Gegner, "von denen wir als Verein und ich als Spieler jahrelang geträumt haben". Arminia Bielefeld, Waldhof Mannheim oder - am 3. Oktober 2023 - 1860 München. "Der erste Kracher bei uns im Donaustadion." Das erste Mal seit 23 Jahren ausverkauft. "Und wir gewinnen das Ding auch noch mit 1:0. Ich glaube, das hat die ganze Euphorie-Welle gestartet, die dann später gar nicht mehr aufgehört hat."

Johannes Reichert vom SSV Ulm

Der Aufstieg in die 2. Bundesliga kam für den SSV Ulm 1846 Fußball völlig überraschend. Für Kapitän Jo Reichert war es "pure Extase". IMAGO Imago

Diese Welle trug Ulm immer weiter nach oben. "Wie wir da durch marschiert sind." Bis zum Höhepunkt: "Dieses Spiel gegen Köln, das war pure Ekstase." Denn nach dem 2:0 gegen die Viktoria war Ulm im Sommer 2024 plötzlich wieder zweitklassig. "Was dieser Aufstieg bei den Menschen und in der Stadt ausgelöst hat, sucht wirklich seinesgleichen. Das hätte ich mir nie träumen lassen."

SSV Ulm spielt in der 2. Bundesliga konstant am Limit

Johannes Reichert vom SSV Ulm

Im Auftaktspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern zeigten Jo Reichert (hier im Duell mit Dickson Abiama) und der SSV Ulm eine gute Leistung, mussten sich am Ende jedoch knapp geschlagen geben - wie so häufig in der Ulmer Zweitliga-Saison. IMAGO Imago

Zweitliga-Auftakt gegen den 1. FC Kaiserslautern. Jo Reichert grinst. Und grinst. Und kommt aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. "Wir sind zum Aufwärmen raus, und das Stadion war voll. Alle in weiß. Ich konnte es gar nicht fassen." Schöne Erinnerungen. Obwohl das Spiel mit 1:2 verloren ging. Es war ein typisches SSV-Ulm-Spiel in dieser Saison: Der damalige Chefcoach Thomas Wörle hatte die Mannschaft angestachelt. "Wir sind weit über unsere Leistungsgrenze gegangen", erinnert sich Reichert. Ulm ging mit 1:0 in Führung, hielt lange mit und fing sich dann zwei späte Gegentore.

Der Abschied von Trainer Wörle war für Reichert "ein absoluter Schock"

Die guten Leistungen, meint Reichert, fielen dem Coach dann auf die Füße: "Es war irgendwie unser Pech, dass wir die Spiele so oft so knapp gestaltet haben und dass man dadurch den Eindruck erweckt hat, dass nicht viel fehlt, damit wir die Klasse halten." Letztlich habe es dem Team aber an Qualität gefehlt, "so ehrlich müssen wir dann auch sein", meint Reichert.

Wörle musste im März 2025 gehen: "Das war für mich damals ein absoluter Schock. Das hätte ich auch wirklich nicht gedacht." Und er sagt: "Es war ein Fehler." Denn damit fehlte plötzlich ein wichtiges Rädchen im System: "Wir konnten die Spiele nur so knapp gestalten, weil uns der Trainer hervorragend eingestellt und immer wieder über unsere Grenzen getrieben hat."

Trainer Thomas Wörle umarmt Johannes Reichert nach dem Aufstieg des SSV Ulm in die 2. Bundesliga.

Trainer Thomas Wörle umarmt Johannes Reichert nach dem Aufstieg des SSV Ulm in die 2. Bundesliga. IMAGO IMAGO / Ulmer/Teamfoto Nach dem Abstieg stürzte der SSV Ulm ins Chaos

Unter Wörle-Nachfolger Robert Lechleiter holte das Team zwar immerhin elf Punkte aus neun Spielen, trotzdem war der schöne Zweitliga-Ausflug nach nur einem Jahr beendet. Das 1:6 beim Hamburger SV besiegelte den Abstieg am vorletzten Spieltag. Doch Reichert schwärmt noch heute: "Damals waren 5.000 Ulmer in Hamburg. Dass wir als Verein überhaupt in diesem Stadion spielen, dass wir da noch die Chance haben, die Klasse zu halten - beim HSV! Ich wäre verrückt, wenn ich sagen würde, dass das kein tolles Erlebnis war."

Johannes Reichert vom SSV Ulm

Nach dem 1:6 beim Hamburger SV war der Ulmer Abstieg besiegelt. Rückblickend war es für Kapitän Jo Reichert ein "tolles Erlebnis". IMAGO Imago

Zurück in der 3. Liga sagte er sich: "Okay, der Abstieg war schmerzhaft. Aber jetzt sind wir da, wo wir lange hin wollten. Jetzt wollen wir uns etablieren und über die Jahre etwas aufbauen." Doch es kam anders: Lechleiter war nach sechs Spielen nicht mehr Trainer in Ulm. Auch Moritz Glasbrenner, Oliver Unsöld und Pavel Dotchev konnten den SSV Ulm nicht vor dem erneuten Abstieg retten. Der Kapitän ist immer noch ratlos: "Ich weiß gar nicht, welchen Fehler man da jetzt ansprechen muss, weil wir gefühlt wirklich alles probiert haben, aber nichts, wirklich gar nichts funktioniert hat."

Reichert sorgt mit "Brandbrief" für zusätzliche Unruhe beim SSV Ulm

Zu dem Chaos, das die Abstiegssaison begleitete, hatte Jo Reichert mit einem Brief an den Aufsichtsrat erheblich beigetragen: "Für mich war das eigentlich kein Brandbrief", sagt er. "Das war eine Einschätzung von Chris Ortag und mir, weil wir damals die Kapitäne waren und auch im Verein Strömungen mitbekommen haben, die sich mit unseren Ansichten gedeckt hatten." Nämlich, dass das Verhältnis zwischen Team und Trainer sowie zwischen Team und Sportdirektor nicht mehr intakt war. Die Wortwahl sei "zu emotional" gewesen. "Aber sowas merkt man erst, wenn man den Spiegel vorgehalten bekommt." Bis heute weiß Reichert nicht, wer den Brief seinerzeit nach außen gegeben hat. "Diese Einschätzung war niemals für die Öffentlichkeit gedacht."

Neben Trainer Glasbrenner musste in der Folge auch Sportdirektor Markus Thiele gehen. Ortag und Reichert durften bleiben. "Hätte ich gewusst, dass dieser Brief rauskommt, hätte ich den niemals geschrieben. Nicht, weil ich von der Sache nicht überzeugt bin. Dazu stehe ich nach wie vor. Aber was das dann ausgelöst hat - dann hätte ich das nicht gemacht." Für Reichert war es eine "sehr, sehr, sehr schwierige Zeit und sehr prägend". Er wirkt kurz nachdenklich, sagt dann aber trotzdem: "Auch daran wächst man, wenn man es richtig angeht."

Der SSV Ulm 1846 Fußball ist zurück in der Regionalliga

So sind Jo Reichert und der SSV Ulm 1846 Fußball im Sommer 2026 wieder da, wo sie herkamen. "Das war der schwerste Abstieg in meinem Leben, weil ich ihn nicht richtig fühlen kann." Tribüne, Fernseher, Livestream - "man ist so machtlos, man ist so..." Reichert sucht nach Worten. "Man kann nicht richtig helfen. Und jetzt? Jetzt sind wir wieder in der Regionalliga. und ich spüre nicht so richtig, warum ich wieder da bin."

Trotzdem hat er nicht lange darüber nachgedacht, auch in der Regionalliga für seinen Herzensverein zu spielen. Denn Reichert ist Ulmer, war Ulmer, bleibt Ulmer: "Ich bin den Weg mit dem Verein gegangen. Aber der Verein ist den Weg auch mit mir gegangen. Man hat sich gegenseitig viel gegeben. Ich bin mit dem Verein gewachsen. Ich bin Fan dieses Vereins, und ich hatte diese Träume, die ich mir alle erfüllen durfte, immer mit dem SSV Ulm geträumt."

Jo Reichert freut sich auf Ulms Auftakt gegen die Stuttgarter Kickers

Aus dem Krankenstand in den Ruhestand zu wechseln, das ist nicht Reicherts Art: "In erster Linie will ich noch mal für Ulm spielen. Ich will nochmal zurückkommen." Und er hat ein Ziel: "Ich will einen sauberen Abschluss hinbekommen." Darum kehrt beim Gedanken an das Abendspiel auf der Waldau in Stuttgart-Degerloch auch die Euphorie schnell zurück: "Gleich ein solches Highlight zu haben - von uns fahren knapp 3.000 Fans mit nach Stuttgart - , das ist Wahnsinn."

Sein Knie macht ihn am kommenden Freitagabend (19 Uhr) noch zum Zuschauer. Aber er kann es kaum erwarten. Denn irgendwas ist nach den vielen Auf- und Abstiegen anders beim SSV Ulm: "Der Verein ist gewachsen, und ich habe Bock darauf, mit diesen Menschen einen neuen, erfolgreichen Weg zu gehen." Wenn es nach Reichert geht, wird der SSV Ulm am Ende dieses Weges nicht mehr da sein, wo er jetzt ist und wo er eigentlich ganz dringend weg möchte - sondern da, wo er dem eigenen Verständnis nach hingehört.

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