"Trapicana", eine Satire auf Kubas wohl berühmteste Touristenfalle, hat die diesjährige Ausgabe des Festivals Tanz im August eröffnet. Glamouröse Kostüme treffen auf emotionale Abgründe. Doch der nachvollziehbaren Kritik geht nach und nach die Luft aus.
Berliner Festival Tanz im August mit Satire-Revue "Trapicana" eröffnet
Von Frank Schmid
Mit einer bitterbösen satirischen Revue ist am Donnerstag das Berliner Festival Tanz im August eröffnet worden. Insgesamt 19 Gastspiele werden bis Ende August bei dem internationalen Festival für zeitgenössischen Tanz gezeigt.
Keine Revue im "Trapicana"-Club
Zur Eröffnung im HAU1 dekonstruierten die Choreograf:innen Joana Tischkau, Sophie Yukiko und Jeremy Nedd in ihrem Stück "Trapicana" die opulenten glamourösen Revueshows mit bis zu 200 Tänzerinnen und Tänzern im weltberühmten Tropicana-Club in Havanna. Sie sehen das Tropicana als "trap" - also Falle - für wohlhabende Besucher und Touristen.
Hier würden Klischees bedient mit vermeintlich authentischer kubanischer Musik und vermeintlich authentischen Tänzen, sowie stereotype Erwartungen in Hinsicht auf Tradition und Kultur. Dies sei wenig mehr als der rassistische weiße Blick auf Kuba und seine Menschen, so die Kritik der drei.
Und so zeigen sie die Satire einer Revueshow: Verlangsamte Tänze; sich dahinschleppende Technomusik; Tänzer, in üppig wuchernden, giftig grünen und lila leuchtenden Kostümen, die an Moose erinnern. Eine Anspielung auf die opulenten Kostüme und Bühnenbilder im echten Tropicana, das in einer tropischen Gartenanlage liegt.
Überhöhung und Übertreibung
Die neun Tänzerinnen und Tänzer der Malpaso Dance Company aus Havanna, hervorragend ausgebildet in Ballett und zeitgenössischem Tanz, zeigen zurückhaltend-spöttisch und subtil distanziert herkömmliche Revue-Showtanz-Bewegungen. Hüftkreisen, Beckenstoßen, Rollen der Schultern, mit dem die Brust betont wird, das Hochwerfen der gestreckten Beine, das flatternde Wedeln der Arme – alles Revuetanz-Zitate, die sie satirisch überhöht präsentieren.
Wie auch ihr verführerisches Lächeln, das irgendwann gefriert. Die Blicke der Tanzenden werden ernst und bitter, ihr Widerstand gegen die sexualisierte und exotisierende Präsentation ihrer Körper wird deutlicher.
Nachvollziehbare Kritik – auf Dauer fehlt Originalität
Die Kritik von Tischkau, Yukiko und Nedd an den Tropicana-Shows ist nachvollziehbar und schlüssig umgesetzt. Allerdings sind ihre choreographischen Einfälle schnell durchschaut, auf Dauer fehlt es an Originalität und Variabilität.
Das Ende, die vermeintlich private After-Show-Party der Tänzer, in der sie mit Lust, Spaß und queerer Liebe zeigen, was sie wollen - zeitgenössischen Tanz und spielerischen Salsa - hätte es nicht mehr gebraucht. Zumal auch dies letztlich nur eine Inszenierung bleibt.
Ein akzeptabler Auftakt für die 38. Ausgabe des Berliner Tanzfestivals. In diesem Jahr steht inhaltlich vor allem die Auseinandersetzung mit einer Welt voller Krisen im Mittelpunkt. In vielen eingeladenen Tanzstücken geht es um Erschöpfung und Ängste, um die Fragilität unseres Lebens und unserer Gesellschaften, um Niedergang und ein Leben am Abgrund. Der Blick auf die Welt scheint in vielen Tanzstücken eher finster zu sein, bis hin zu postapokalyptischen Visionen.
Selbstverortung und Identität
Tanzfest-Kurator Ricardo Carmona hat verstärkt derartige Krisen-Analyse-Stücke eingeladen und auch Tanzstücke, die sich in krisenhafter Zeit mit Fragen der Selbstverortung und Identität beschäftigen.
Das Stück "Trapicana" getanzt von der Malpaso Dance Company (Quelle: HAU Hebbel am Ufer/Lennart Brede)
Im Gegensatz zu früheren Ausgaben gibt es weniger Stücke mit Kritik an der westlichen Welt aus kolonialer und postkolonialer Perspektive, kaum Auseinandersetzungen mit der Tanzgeschichte selbst und auch weniger Befragungen von Individuum und Gesellschaft aus queeren Perspektiven. Das war bei den bisherigen Festivalausgaben unter Carmona deutlich anders.
Show, Akrobatik, Revue
Einige der eingeladenen Tanzstücke kommen dagegen mit unterhaltenden Show-, Akrobatik- und Revue-Elementen daher, andere mit direkt politischen Inhalten. Ricardo Carmona scheint bei der Auswahl der Stücke auf eine thematische Vielfalt geachtet zu haben.
Zu den Höhepunkten von Tanz im August dürften sicherlich die Gastspiele der Cloud Gate Dance Company aus Taiwan und des Ballet national de Marseille gehören. Das erste soll eine Art Meditation über die Schönheit der Natur, insbesondere des Waldes, seiner Pflanzen und Tiere sein. Das zweite eine Choreographie über die Welt am Abgrund und über die Monster der Gegenwart, die uns zu pessimistischen Blicken aufs Leben verleiten.
Unerwartetes und Ungewöhnliches
Wie immer ist auch Unerwartetes und Ungewöhnliches zum Tanz im August eingeladen: ein Stück über das Schwimmen, das tatsächlich im Wasser des Stadtbades Oderberger Straße stattfinden wird, sowie eine Choreographie darüber, wie Wasser unser Denken und Leben beeinflusst – passend zu den aktuellen Hitzewellen und Trockenheit. In einer anderen Choreographie wird die Welt aus der Perspektive von Fledermäusen betrachtet.
Insgesamt wirkt das Programm auf dem Papier vielstimmig und vielfältig, aber auch etwas kleinteilig. Als sollten möglichst viele Tanzkunst-Reflexionen zu unserer Welt und Gegenwart präsentiert werden.
Sendung: Radio3, 14.08.2026, 08:30 Uhr
Audio: Radio3, 14.08.2026, Sophie Wannenmacher
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