Das 12. Berlin Circus Festival ist am Donnerstag auf dem Tempelhofer Feld gestartet. 19 Produktionen aus ganz Europa werden bis zum 16. August gezeigt, aufgeführt in vier unterschiedlich großen Zelten und open-air. Doch die Zukunft des Festivals ist unsicher.
Berlin Circus Festival Absurdes Zirkustheater mit unsicherer Zukunft
Von Frauke Thiele
Die Sonne brennt auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Die Besucher des 12. Berlin Cicus Festival sitzen um einen Pool, in dem Plastikseerosen schwimmen, die Füße im Wasser oder unter den Sonnensegeln, die über das Festivalgelände verteilt sind. Die vier unterschiedlich großen Zirkuszelte sind im Kreis gruppiert, zusammen mit der Outdoor-Bühne mit selbst gezimmerten Holztribünen für die Zuschauer, die jetzt vermehrt auf das Festivalgelände strömen.
Atmen Nebensache
Die erste Show beginnt: unter Wasser. Vier Artist:innen aus Frankreich treiben in einem schmalen, hohen Wasserbecken, von beiden Seiten der Zuschauertribünen zu sehen. Sie beginnen wie schwerelos im Becken zu treiben, bilden Formationen, die an Fischschwärme erinnern. Ihre Bewegungen unter Wasser sind so verlangsamt, dass auch ihre akrobatischen Figuren wie in Slow-Motion ablaufen: wenn sie sich abstoßen, werfen und im Salto drehen.
Minutenlang bleiben sie unter Wasser Die Luftblasen, die mal zufällig und mal bewusst geformt aus ihren Mündern steigen, werden akustisch untermalt – eine magische Sound-Kulisse, die den fantastischen Reigen unter Wasser unterstreicht. Wunderschön anzusehen – das Publikum ist gebannt.
Zirkusartisten aus ganz Europa
Das Unterwasser-Stück aus Frankreich und die anderen zeitgenössischen Zirkus-Produktionen aus ganz Europa und Kanada nach Berlin zu holen, ist die Aufgabe der Festivalleiter Josa Kölbel und Johannes Hilliger. Sie sehen sich viele Stücke auf anderen Festivals an, haben ein weites Netzwerk in der Welt des zeitgenössischen Zirkus. Langfristig müssen sie planen, wen sie nach Berlin holen, denn die Künstlerinnen touren weltweit.
Die Artistinnen kommen aber gern nach Berlin, das betonen sie an diesem Eröffnungstag nach den Shows immer wieder: Sie loben die besondere Atmosphäre auf dem Tempelhofer Feld, das engagierte Team des Berlin Circus Festivals, den persönlichen Austausch. Das Festival ist auch ein Netzwerk-Treffen für die internationalen Zirkusartisten.
Förderung geplatzt
Trotz der Euphorie des ersten Festivaltags ist die Stimmung der Festival-Macher im Moment aber gedrückt. Denn das Berlin Circus Festival hat beantragt, dass es weiterhin durch die Festival-Förderung der Senatsverwaltung für Kultur gefördert wird. Für weitere vier Jahre ab 2028. Diese Förderung hatte das Festival insgesamt zweimal bekommen, genauso wie eine Förderung durch den Hauptstadtkulturfonds – als erster Veranstalter für zeitgenössischen Zirkus überhaupt.
Doch jetzt gibt es keine weitere Förderung - aus formalen Gründen. Bei der Projektbeschreibung hätten sie eine halbe Seite zu viel eingereicht, weil sie noch einen Finanzierungsplan angehängt hätten, und seien deshalb ohne Prüfung aus dem Auswahlprozess geflogen, sagen die Leiter des Festivals. Die Berliner Kulturverwaltung teilt auf Anfrage des rbb mit, man bedauere "außerordentlich", dass der Antrag des Festivals nicht habe berücksichtigt werden können. "Der Antrag wurde nach Prüfung aus formalen Gründen abgelehnt, da eine einzureichende Datei die maximale Seitenzahl überschritten und so nicht den vorgegebenen formalen Kriterien entsprochen hat."
Dass ein so minimaler formeller Fehler sie aus der Förderung katapultiert, macht Johannes Hilliger und Josa Kölbl fassungslos. Sie wissen nicht, wie sie mit dieser finanziellen Unsicherheit überhaupt weiterarbeiten können. Die Künstler, die sie einladen, touren schließlich weltweit und müssen ihre Auftritte in Berlin langfristig planen.
Intensive Paar-Akrobatik und Handstand-Rap
Aus Kanada ist in diesem Jahr ein Akrobaten-Paar angereist, das an diesem ersten Spieltag eine intensive, emotionale Partnerakrobatik zeigt, die mit allen Geschlechterrollen bricht. Zwei Berliner Zirkusartistinnen, die eigentlich aus Finnland und England kommen, widmen ihren verrückten Ideen, die sie eigentlich mal verworfen hatten, weil sie zu verrückt waren, ihre punkig-anarchische Show: "Yes Person". Ihrer Arbeit als Zirkusartistinnen haben sie einen Handstand-Rap gewidmet, untermalt mit vielen kleinen Plastikhänden, die über die Bühne fliegen. Mit dem Stück reisen sie als nächstes zum Edinburgh Fringe Festival.
Der Abschluss dieses Eröffnungstages kommt dann im großen Zelt: Mit "Food" hat der österreichische Regisseur Michael Zandl ein absurdes Zirkus-Theater-Spektakel geschaffen: Das Thema Essen wird hier auf ungewöhnliche Weise ins Fantastische gerückt, wenn Hände und Köpfe aus der papierenen Wand auftauchen, sich gegenseitig spielerisch Obst entreißen, in einem magischen Kühlschrank verschwinden oder dann reglos im Bilderrahmen wieder in der Wand verschwinden. Eine große Reflexion über das, was unser Essen und den Neid darum ausmacht.
Wie weiter beim Berlin Circus Festival?
Während im großen Zelt die Zuschauer des letzten Stückes am Eröffnungstag des 12. Berlin Circus Festivals das Stück "Food" bejubeln, die Artistinnen glücklich Fragen des zur Bühne strömenden Publikums beantworten, ist die Zukunft des größten Festivals für zeitgenössischen Zirkus in Deutschland ungewiss. Wie weiter beschäftigt das Team aktuell mehr denn je – auch wenn sie sich eigentlich nur um ihr 12. Festival kümmern möchten. Die Gedanken gehen immer wieder zurück: wie weiter, wenn die Festival-Förderung ausläuft?
Sendung: rbb24 Abendschau, 05.08.2026, 19:30 Uhr
Video: rbb24 Abendschau, 05.08.2026, Dilek Üsük
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