Lara Hulo macht ihre toxische Beziehung zum roten Faden ihres Konzerts auf der Insel der Jugend in Berlin-Treptow. Es ist eine Katharsis mit Ohrwürmern, Moshpit und Mut.
Konzert Lara Hulo im Kulturhaus Insel Protestsongs gegen Beziehungsgewalt
Von Kai Salander
Inmitten der Spreeidylle auf der Insel der Jugend in Berlin-Treptow liest Lara Hulo Drohnachrichten vor. Die Indie-Sängerin hat ihre toxische Beziehung in Strophen und Ohrwürmern verarbeitet und macht diese Katharsis zum roten Faden ihres Konzerts.
Sie spricht über Täterschutz und psychische Gewalt, hat selbst die Berliner Beratungsstelle "Frauenraum" [frauenraum.de] zum Konzert eingeladen, die Frauen bei häuslicher und psychischer Gewalt in Partnerschaften unterstützt. Dass aus dem Konzert keine Trauerstunde wird, liegt allein an Hulos Charme.
Mut machen im Chor
Weißes Top, glitzernde Jeans und ein Dauergrinsen: So geht Lara Hulo mit beschwingten Schritten auf der Bühne auf und ab und lässt die Emotionen aus sich heraussprudeln. Vor der weißen Zeltbühne der Rasen, dahinter die Spree, über allem ein Abend, der langsam blau wird. Als ihre Bassistin kurz verwirrt ist und zu früh einsetzt, ruft Hulo zum Publikumschor auf, um ihre Bandkollegin aufzumuntern - hunderte Menschen auf der Insel singen ihr Mut zu.
In den Zwischenansagen gibt sie sich quirlig, sympathisch verpeilt. Vor Publikum zu sprechen, wirkt bei ihr kein bisschen gekünstelt. Kein Wunder, durch ihre Moderationsjobs in den vergangenen Jahren hat sie viel Erfahrung gesammelt.
Kurzer Disclaimer, als sie zur Wasserflasche greift: Vor dem Konzert habe sie ein Halsbonbon gelutscht, um die Stimme zu behalten. Das habe aber auch den Mund ausgetrocknet. Dennoch liegt in ihrer dezent kratzigen Stimme viel Kraft und Reibung.
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Ganz passend zur Idylle singt sie vom wiedergewonnenen Lächeln im Sommer. Das kommt leichtfüßig über die Bühne - passend zur anbrechenden Dämmerung, die diesen Traum noch ein wenig magischer wirken lässt. Ihre Band begleitet sie am Keyboard, an der Gitarre und am Schlagzeug. Auch das Publikum ist gefragt, geht bei der Bridge in die Hocke, zum Refrain springen alle auf Kommando.
Songs über psychische Gewalt
Plötzlich verstummt das Publikum, als Lara Hulo von Täterschutz spricht. Sie erzählt von ihrer toxischen Beziehung, von Momenten der Angst, davon, wie sie irgendwann allein in ihrem Zimmer gesessen und mit dem Frauenhaus telefoniert habe. Dann zieht sie einen Zettel aus der Hosentasche, einige Fans ahnen, jetzt kommt der Moment der Wahrheit. Sie liest Hassnachrichten vor, die sie in dieser dunklen Zeit bekommen habe - ein Zeugnis schwerer psychischer Gewalt.
Die Absenderin droht damit, Nacktbilder zu verbreiten, droht mit Schlägen und anderen Formen der Gewalt. Wer ständig beleidigt werde oder wem gedroht werde, ist Opfer psychischer Gewalt, betont Hulo. Einen passenden Song hat sie auf die Setlist gepackt, eine Nummer über Gewalt, die von außen niemand sehen kann.
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Gruppentherapie mit Hulo
Selbst Vulgärsprache kommt der Rocksängerin leicht über die Lippen, dazu schwingt sie lässig die Hüfte. Bei ihrer Abrechnungsnummer soll das Publikum mitsingen: Sie nennt das Therapiesitzung mit Lara Hulo, grinst und hält das Mikrofon in die Menge. Das Publikum antwortet lautstark und winkt mit den Händen von links nach rechts.
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Vor allem viele Frauen im mittleren Alter sind gekommen. In der ersten Reihe stehen ihre treusten Fans, die sie von Festival zu Festival begleiten.
"Brich einer Künstlerin niemals das Herz"
Und wieder denkt sie an die dunkelsten Momente mit ihrer Ex. Einer Künstlerin dürfe niemand das Herz brechen, betont sie. Denn sie schreibe Songs, wenn sie sich verliebe, und auch, wenn sie sich streite. Das Einzige, was ihr niemand verbieten, niemand nehmen könne, seien ihre Songs. Ein Befreiungsschlag, das Publikum feiert sie für ihre Emanzipation. Die Stimmung kurbelt sie mit dem altbekannten Vorsing-Nachsing-Spiel hoch, die Lyrics kennen die meisten Fans ohnehin schon.
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Es sei so krass, wie viele Menschen gekommen seien, freut sich Hulo. Vor allem freue sie sich, dass ihre Freunde dabei sind. Sie hätten ihr aus der Beziehung geholfen, weil sie gesehen hätten, dass sie ihr Licht verliere. Damals habe sie dicke Augenringe gehabt. Heute sieht sie ganz anders aus.
Sie strahlt, bringt eine Riesenfreude auf die Bühne, sodass wirklich jeder sieht: Sie ist auf Bergfahrt, auch wenn sie weiß, "die nächste Talfahrt kommt irgendwann auch wieder". Heute hat sie das dunkelste Kapitel umgeschlagen. Bei der überbordenden Laune holt sie zum Feiern ihre Freundin auf die Bühne und prostet dem Publikum zu - inklusive Trinkspruch. Sie denke schließlich manchmal über eine Mallorca-Karriere nach, scherzt sie.
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Ein Konzert wie Selbsttherapie
Etwas später am Abend kommt sie ihren Fans ganz nah, ruft zum Moshpit auf, dreht inmitten der Menge einige Runden und erklärt kurz die Spielregeln: nicht grapschen. Dann donnern im Chorus die Drums und Hulo und ihre Fans springen gegeneinander - voller Rücksicht, aber nicht minder feierwütig. In diesem Moment zeigt sich, wie achtsam das Miteinander ist, im Publikum wie zwischen Hulo und ihren Fans.
Hulo punktet mit Authentizität, kann zu jeder Nummer eine Geschichte erzählen, die oft wie ein Tagebucheintrag klingt. Unverblümt, voller wiedergewonnener Kraft, Indie-Songs für das innere Stehaufmännchen. Ein Konzert wie Selbsttherapie, ohne pathetisch zu wirken.
Sind Sie oder Ihnen bekannte Personen von physischer oder psychischer Gewalt in der Familie oder Partnerschaft betroffen? Folgende Stellen bieten Informationen, Unterstützung oder Hilfe an:
Sendung: rbb24 Inforadio, 05.08.2026, 06:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 05.08.2026, Kai Salander
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