Die Haupstadt-Band Isolation Berlin hat beim Sommerinsel-Open-Air in Treptow gespielt – zehn Jahre nach den ersten Songs. Ein Abend zwischen Melancholie, Witz und Pogo.
Konzert Isolation Berlin beim Sommerinsel Open Air Walzer auf Wolke sieben
Von Kai Salander
Unter grauem Himmel geht der Wind durch die Baumwipfel, darunter steht im weißen Zelt die Bühne. Mit schwebenden, wabernden Orgeltönen gleitet Isolation Berlin in den ersten Song – ein verträumter Sound, zu dem das Windrauschen gut passt. Frontmann Tobias Bamborschke schließt die Augen beim Singen, legt den Kopf zurück und die Hände aufs Herz – dabei wirkt er äußerst einladend.
Mit Hamburger Kappe und dunkelbrauner Lederjacke steht er da, die blauen Scheinwerfer schwenken langsam über die kleine Bühne. Der Schlagzeuger spielt mal leicht swingende Marschrhythmen, dann trottet der Rhythmus geschmeidig zur romantischen Indie-Nummer: Hymnen für einen Sommer der Liebe, inklusive Küssen unterm Sternenzelt mit der geliebten "Annabelle".
Isolation Berlin feiert Songs der ersten Stunde
Gelassen und mit einer Spur Selbstironie erzählt Bamborschke, den Song habe er vor langer Zeit geschrieben. Das passt zum Anlass: Der Abend läuft als kleines Jubiläum, zehn Jahre "Berliner Schule/Protopop" – jene Platte, die die frühen Songs der Band bündelt. Beim Gitarrenspiel und in den Zwischenmoderationen wirkt der Sänger, als stünde er gerade nicht im Rampenlicht, sondern in seinem Wohnzimmer – total unaufgeregt, egal ob es um "Annabelle" oder "Lisa" geht. Hoffnungsvolle Indie-Songs zum Reflektieren und Tagträumen – einfach mal Fünfe gerade sein lassen, sogar beim Kokain-Konsum, wie im frühen Stück "Rosaorange".
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Zwischendurch will Bamborschke die Fans zum nächsten Konzert einladen, die Band brauche schließlich Geld. Doch dem 38-Jährigen will der Spielort einfach nicht einfallen – dabei habe er ihn sich extra auf die Setlist geschrieben. Sympathisch verpeilt, die Fans sind amüsiert: ein buntgemischtes Publikum auf dem Rasen zwischen Imbissbuden auf der Insel der Jugend, junge Hipster mit Lederjacken und Gelfrisuren neben Best Agern in Shirt und Anzug.
So zeigt sich, in 14 Jahren Bandgeschichte sind nicht nur die treuen Fans geblieben, es sind auch neue dazugekommen. "Wir sind immer noch die gleiche Band", erklärt Bamborschke – sie hätten sich glücklicherweise noch nicht umgebracht – und er stellt den Neuzugang vor: Keyboarder Simon Geuchen, er sitzt hinter drei Synthesizern, neben ihm Drummer, Bassist und Rhythmusgitarre. So legen die fünf Männer ihren federleichten Sound auf die Bretter, ganz so, als würden sie einen Plüschteppich ausrollen – verspielt und unprätentiös.
Beim "Schlachtensee" singt das Publikum mit
Das Publikum nickt leicht mit dem Kopf, dreht die Hüfte im Takt, ins Schwitzen kommt zunächst keiner, hier geht es um Introspektion. Eine Band, die auf der Gefühlsebene einschlägt und zwischen die Zeilen ab und an kleine Liebesbotschaften packt, auch an die Hauptstadt. Wenn sie könnten, würden sie jeden Tag in Berlin spielen.
Nach etwa einer Stunde ist die Menge warm, singt erst leise über den "Schlachtensee" mit und besonders laut beim Schunkel-Song "Serotonin". Der Leadsänger breitet die Arme aus, als ob er selig das ganze Publikum umarmen will - Walzertakt auf Wolke sieben.
Spannungsspiel mit Pausen und Dynamik
Dann schlägt der Ton um: Eine langgezogene Gitarre jault auf, gespenstisch leise knurrt dazu der Bass – ein vergleichsweise düsterer Moment. Jetzt nimmt das Schlagzeug Fahrt auf, Anschub für die Menge, aber eben behutsam – bis der Frontmann schreit, die E-Gitarre kreischt und die jungen Leute in der ersten Reihe auf und ab springen.
Als nur Gitarre und Schlagzeug spielen, jubeln einige Fans, dann fällt Bamborschke zurück in den Minimalismus: Er schließt die Augen, hält den Kopf schräg und haucht die Zeilen fast nur noch, dazu zupft der Gitarrist vereinzelte Töne. "Ich wünschte, ich könnte" wird zum Spiel mit den Pausen – in der Leere zwischen den Noten entsteht ein Sog, gleich reicht die Energie zum Pogen.
Ab dieser Nummer verzerren sie ihre Songs und öffnen die Tür zum vorsichtigen Kontrollverlust, dem nur wenige Fans folgen. Die meisten sind zum Zuhören gekommen, applaudieren dafür umso lauter. Beim Song "Körper" gehen die Hände hoch – ein weiteres Stehaufmännchen-Arrangement: Es beginnt mit ruhigen Versen, die sich bei zerrenden E-Gitarren und kontrolliert geschrienen Lyrics im Refrain komplett entladen, allerdings ohne sich zu überschlagen. So viel Energie, wie eben nötig ist, um der Menge einzuheizen – Stück für Stück eine Schippe mehr bis zumindest die Fans vorne am Bühnenrand auf und ab springen.
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Im Hintergrund schaukelt, fast schon im Takt, der Mast eines Segelboots. Die ruhigen Nummern fügen sich in die Insel-Idylle. Doch die Rocknummer gehören nun mal auch zum Pflichtprogramm von Isolation Berlin – und wenn Bamborschke bei einigen Songs mehr schreit als singt, hilft das, vor lauter Tagträumen den Fokus nicht zu verlieren. Eine Band, die ihre Formel gefunden hat, nichts mehr beweisen will oder muss – warum auch. Kein Hochtraben, kein Firlefanz – Songs über die Momente des Lebens, von denen später langlebige Erinnerungen bleiben.
Sendung: rbb24 Inforadio, 08.07.2026, 6:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 08.07.2026, Kai Salander
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