Die iranisch-kanadische Musikerin Asal ist eines dieser TikTok-Phänomene: In nur wenigen Jahren sammelte sie Millionen von Klicks. Aber funktioniert der zuhause produzierte "Bedroom-Indiepop" auch vor Publikum?
Konzert Asal in Berlin Big im Internet, wild auf der Bühne
Die Bühne im Berliner Lido ist in schwarzes Licht getaucht. Kunstnebel wabert umher. Gleich muss es los gehen. Die geschätzt 300 Fans or der Bühne vertreiben sich die Wartezeit mit hemmungslosem Kreischen. Noch mehr Kunstnebel verteilt sich. Noch lauteres Kreischen. Und dann macht es "bämm" und mit einem Schlagzeughieb geht das Licht an.
Drummer Daniel Gallardo sitzt schon an seinem Set, Asal kommt von der Seite auf die Bühne gepest. Schwarze Lederhose, schwarze Lederweste, schwarze Lockenmähne, die ihr bis über die Augen hängt. Ein leuchtendes Kunstgebiss im Mund, so dass die Wangen leuchten, Gitarre in der Hand. Und los geht es.
Nichts für Traditionalisten
Die Gitarre wird dann schnell wieder weggelegt, das Kunstgebiss aus dem Mund genommen. Es soll später noch mal zum Einsatz kommen, war jetzt aber wohl mehr so ein Gimmick für den Anfang. Die Musik kommt jetzt aus dem Computer, ebenso immer ein paar Backup-Gesangsspuren zusätzlich zur Live-Stimme von Asal. Man weiß selten genau, was gerade live gesungen wird und was nicht - klingt für Live-Traditionalisten vielleicht wie geschummelt, ist aber gerade bei den jüngeren Acts verschiedener Genres ganz normal. Niemanden stört das. Niemand erwartet, dass man es ohne Hilfe aus dem Laptop macht.
Live-Drumming ist super
Die Idee mit dem Live-Drummer aber ist super. Der sympathische, sich völlig dem Spiel hingebende junge Schlagzeuger ist echt gut. Das ganze Konzert und jeder Songs bekommt durch ihn noch mal einen ganz anderen Drive. Denn bis auf die Kilometergeld einsammelnde Asal ist die Bühne leer und gänzlich uninszeniert. Da tut jedes weitere Element dem Entertainmentfaktor gut. Etwas geht das Live-Drumming zu Lasten der Melodien, weil das Stampfen nach einer Weile doch sehr dominiert. Aber egal, es schiebt an und die Leute tanzen. Yeah. Macht Spaß.
Ein juchzender Dancefloor
Denn irgendwie muss man sich ja was überlegen, wie man so einen Bedroom Indie, so einen im eigenen Schlafzimmer ausschließlich am Computer produzierten Sound wie Asal ihn macht, auf die Bühne bringt. Da sind schon einige dran gescheitert. Die Produktionen klingen super, live kann man es eigentlich auch lassen. Bei Asal ist das anders. Sie verwandelt den ganzen Laden innnerhalb von ein paar Minuten in einen juchzenden Dancefloor, singt den vorderen Reihen ins Gesicht, schmeißt Küsschen in die Menge, hat Bock, Power und ist spürbar tief verbunden mit ihren Songs, die eigentlich eher Stimmungsskizzen sind, Momentaufnahmen.
Seit vier Jahren erst veröffentlicht Asal Lieder, spielt ab und zu Konzerte. Bei ihren allerersten Tracks war sie noch minderjährig. Ihre Kindheit verbrachte sie im Iran, dann gingen ihre Eltern mit ihr nach Kanada. Musik allerdings spielte bei ihren Eltern da wie dort eine große Rolle. Es war also folgerichtig, dass Asal es probierte. Sie tat es do-it-yourself-mäßig. Vom Laptop in die Charts.
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Superstar auf kleiner Bühne
Wenn man bedenkt, dass Asal alleine beim Streamingdienst Spotify über zwei Millionen monatliche Hörer:innen hat - und dann spielt sie in Berlin im kleinen Lido Club, da kommt man schon auf die Idee: Big im Internet heißt nicht gleich big auf der Bühne. Nur weil sich von einer Künstlerin mal zwei Songs in die eigene Dauerrotation verlaufen, kauft man sich noch lange keine Konzertkarte. Auch wenn die in diesem Fall mit rund 25 Euro preislich vergleichsweise moderat ausgefallen wäre.
Schade, dass nicht mehr Leute da waren, aber auch egal. Die 300 Fans, die gekommen sind, kennen jeden Song auswendig, flippen gerade bei den Hits wie "Tolerance", "Liars and Prayers" oder "Headache" total aus - und feiern Asal, siehe Kreischkonzert am Anfang, wie einen Superstar. Recht so.
Sendung: rbb24 Inforadio, 24.06.2026, 6:50 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 24.06.2026, Hendrik Schröder
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