Ein Griff auf den Oberschenkel, ein Mann, der mir 1,5 Kilometer hinterherläuft: Sexuelle Belästigung ist für viele Frauen Alltag. Ich habe gelernt, die Straßenseite zu wechseln, schneller zu gehen und vorsichtiger zu sein. Ich will mich daran nicht gewöhnen.
Ein Griff auf den Oberschenkel, ein Mann, der mir 1,5 Kilometer hinterherläuft: Sexuelle Belästigung ist für viele Frauen Alltag. Ich habe gelernt, die Straßenseite zu wechseln, schneller zu gehen und vorsichtiger zu sein. Ich will mich daran nicht gewöhnen.
Plötzlich spüre ich seine kalten, knochigen Finger auf meinem Oberschenkel. In mir zieht sich alles zusammen. Ich starre meinen Sitznachbarn in der Ringbahn in Berlin an. Ein alter dünner Opa. Harmloses Aussehen, beinahe klapprig. Der Typ Opa, dem ich eher beim Aussteigen aus der S-Bahn helfen müsste. Der Sitz neben ihm erschien mir sicher. Eigentlich.
Ich zucke, starre ihn erschrocken an. Er stiert teilnahmslos zurück, als wäre nichts passiert. Seine Finger wandern einfach weiter zum Saum meiner kurzen Hose.
Ich rücke weiter weg, bis meine Haut ihn nicht mehr spürt. Ich bin erstarrt. Seine Finger sind so kalt und dürr – und ich könnte sie einfach wegschlagen, ich bin doch stärker? Oder ihn anpflaumen, ich bin doch auch nicht auf den Mund gefallen?
Und trotzdem regt sich nichts in mir. Nächste Station. Wie in Trance stehe ich auf, steige aus. Sommer in Berlin.
Nicht das erste, nicht das letzte Mal.
Sexuelle Belästigung und Gewalt gehören für viele Frauen zur Lebensrealität. Nach repräsentativen Befragungen, die das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend zusammenfasst, erleben...
Die Täter – weit überwiegend sind es Männer, auch wenn sexualisierte Gewalt ebenfalls von Frauen ausgehen kann – zwingen den Betroffenen ihren Willen auf.
Die Polizeistatistik erfasst dagegen nur Fälle, die bekannt werden – das sogenannte Hellfeld. Viele Erlebnisse werden nie angezeigt und tauchen deshalb in der Kriminalstatistik nicht auf.
Keine meiner Erfahrungen habe ich je zur Anzeige gebracht. Nur mal ein Foto gemacht, schnell in eine Whatsapp-Gruppe geschickt. Eine kurze Klage bei meiner besten Freundin. Ein Anruf auf dem Weg nach Hause, bis ich sicher ankomme. So machen es alle meine Freundinnen.
Nicht, weil es uns egal ist. Sondern weil wir es irgendwo zwischen „unangenehm“ und „passiert halt“ abspeichern.
Und genau das ist das Problem.
Sexuelle Belästigung passiert nicht nur in den Fällen, über die am nächsten Tag in der Zeitung oder online berichtet wird. Sie steckt in den kleinen Situationen, die wir Frauen weitererzählen, wegwischen, vergessen oder irgendwann gar nicht mehr erzählen. Ein Griff im Zug. Ein Mann, der einem hinterherläuft. Ein Spruch auf der Straße. Ein komischer Blick, der zu lange bleibt.
Das sind nicht nur Kleinigkeiten. Das brennt sich alles ins kollektive Gedächtnis ein.
Wir lernen, vorsichtiger zu sein. Wir lernen, welche Straßenseite sicherer ist. Wann wir einen Kopfhörer herausnehmen sollten. Und wann wir besser nicht reagieren, wenn ein Mann uns anmacht.
Offenbar habe auch ich mich daran gewöhnt. Das macht mir fast noch mehr Angst. Wie weit muss es noch kommen, bis ich die Polizei rufe?
Zweiter Vorfall in drei Tagen: Erst am Wochenende gehe ich spazieren. Kopfhörer, Sonnenbrille und bequeme Sportklamotten. Ich genieße das warme Wetter, meine gute Musik und bin einfach glücklich.
Dann läuft ein Mann mit zwei Pfandflaschen-Tüten in den Händen plötzlich eilig neben mich. Er starrt mich an, streckt seine Zunge raus und zieht obszöne Grimassen.
Ich ziehe mein Tempo an, zeige ihm den Mittelfinger. Das traue ich mich sonst nie.
Ein Blick nach hinten. Er folgt mir immer noch, die nächste Geste ist nicht misszuverstehen.
Ich zücke mein Handy, fotografiere ihn. Sage meinen Freunden Bescheid.
Meine gute Laune ist dahin. Ich hab Angst. Ich nehme einen Kopfhörer heraus, damit ich im Fall der Fälle hören kann, was hinter mir passiert. Anderthalb Kilometer geht das so weiter.
Dann habe ich ihn abgeschüttelt.
Tage später schaue ich mir das Foto von dem Mann noch einmal an. Man erkennt ihn kaum. Das Bild ist verwackelt, weil ich währenddessen schnell weitergegangen bin. Was würde es also bringen, jetzt noch damit zur Polizei zu gehen? Anzeige gegen Unbekannt – und dann? Nichts?
Hätte ich stehen bleiben und ihn konfrontieren sollen? Ihm sagen, dass er aufhören soll, mir zu folgen und dass ich sonst die Polizei rufe? Wäre er dann überhaupt noch da gewesen, wenn irgendwann ein Streifenwagen gekommen wäre?
Meine Hände zittern, während ich diese Zeilen tippe. Ob vor Wut oder Angst oder Ekel? Vielleicht auch aus Wut, Angst und Ekel.
Ich will nicht meine Kopfhörer herausnehmen müssen, aus Angst, dass es eskaliert. Nicht jedes Mal auf dem Weg zum Sport die Straßenseite wechseln müssen, weil ich weiß, dass an denselben Lokalen wieder dieselben Männer mit denselben Sprüchen und gaffenden Blicken sitzen.
Ich will nicht angefasst werden gegen meinen Willen.
Der dritte Vorfall: Ich will nicht, dass ein Mann in seinem Transporter eine Kreuzung verstopft. Nur, weil er beim Abbiegen stehen bleibt, um mir zuzuschauen, wie ich während meiner Mittagspause mit einer kurzen Hose und einer Mandelmilch in der Hand vom Supermarkt heimgehe.
Ich bin es so leid, dass wir Frauen es so gewohnt sind. Dass so etwas unser Alltag ist. Dass wir unsere Schutz-Techniken haben.
Ich will mich daran nicht gewöhnen.
Und ich will nicht diejenige sein, die lernen muss, besser damit umzugehen.
Ich will, dass solche Männer einfach aufhören, Frauen sexuell zu belästigen.
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