Der Rhein führt zu wenig Wasser für Binnenschiffe. Das Problem: Eigentlich transportieren sie viel Öl. Das hat Auswirkungen auf die Zapfsäulen.
Der Rhein führt zu wenig Wasser. Das treibt die Frachtraten in Rekordhöhen. Und mit ihnen die Tankstellenpreise.
So niedrig waren die Wasserstände auf dem Rhein lange nicht. Eine überwältigende Mehrheit der Binnenschiffe kann den wichtigen Engpass Kaub am Rhein nicht mehr überqueren – der Wasserstand liegt seit Ende Juli unter der kritischen Marke von 0,30 Metern.
Wegen der erschwerten Bedingungen für die Schifffahrt haben Reeder die Frachtraten für Transporte zu Zielen entlang des Rheins und Mains drastisch angehoben, und das schon seit Juni. Für einige westliche Regionen kann das zu höheren Preisen an den Tankstellen führen.
Die hohen Frachtraten sorgen jetzt dafür, dass Regionen, die stark vom Nachschub per Schiff abhängig sind, unter drastischen Preissteigerungen bei Mineralölprodukten wie Heizöl, Diesel und Benzin leiden. Johannes Guhlke von Argus Media erklärt, dass diese drei Produkte in der Rhein-Main-Region aktuell deutlich über den Preisen von beispielsweise dem Raffineriestandort Miro bei Karlsruhe gehandelt werden.
Normalerweise können die Raffinerien überschüssige Ölprodukte per Bahn oder Schiff an andere Standorte liefern – zum Beispiel in die Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen-Region (ARA) oder in die Schweiz. Der Rheinpegel verhindert das. Innerhalb Deutschlands hat das zu „extrem hohen Unterschieden“ bei den Großhandelspreisen für Kraftstoffe und Heizöl geführt.
Wenn die Beschaffung von Kraftstoffen teurer wird, hat das für gewöhnlich (wenn auch mit etwas Verzug) direkte Auswirkungen auf die Preise an den Tankstellen. Die Tankpreise setzen sich aus den Beschaffungskosten, aus Steuern und Abgaben wie dem CO₂-Preis zusammen.
Wenn also der Rheinpegel die Großhandelspreise im Bereich Frankfurt hochtreibt, müssten die Tankstellenpreise steigen. „Frankfurt ist zwar teuer, aber dieser Abstand bestand schon vor dem Pegelabfall“, erklärt Oliver Wagner, Gründer der Spritpreis-App Benzin.jetzt.
Dieser Abstand ist „strukturell, nicht durch das Niedrigwasser verursacht“. Dafür aber sieht Wagner einen Niedrigwasser-Effekt in der Kölner Bucht.
Beim direkten Vergleich des Raums Köln-Düsseldorf-Duisburg mit dem Süden (München-Nürnberg-Stuttgart) liegt der Diesel-Aufschlag bis zum 21. Juli bei etwa drei Cent – und zwar stabil. Ab dem 22. Juli sieht Wagner aber einen enormen Sprung auf über acht Cent (5. August). „Jeder einzelne Tag ab dem 22. Juli liegt beim Diesel höher als jeder Tag zuvor. Das ist ein klarer Strukturbruch an einem konkreten Datum.“
„Belastbar ist die Aussage über den regionalen Unterschied: Der Aufschlag der Kölner Bucht gegenüber dem Süden hat sich ab dem 22. Juli mehr als verdoppelt, und der Kraftstoff, der am stärksten per Binnenschiff transportiert wird – Diesel – reagiert am klarsten. Das passt zum beschriebenen Mechanismus.“ – Oliver Wagner
Der ADAC wiederum gibt teilweise Entwarnung: Nur ein Teil des Öls wird per Binnenschiff transportiert, nicht alles. Es kann zu „leichten Preissteigerungen“ im einstelligen Centbereich kommen.
Je nachdem, wo Autofahrer tanken und wohin sie in den Urlaub fahren, kann dieser „Rhein-Effekt“ sich aber erheblich auf die Rechnung an der Tankstelle auswirken. Nehmen wir an, ein Beispiel-Autofahrer tankt vor dem 21. Juli in München auf. Der fiktive Dieselpreis liegt bei 2,05 Euro pro Liter, sein Auto fasst 50 Liter. Er zahlt 102,5 Euro für die Tankladung und fährt dann nach Frankfurt. Hier kostet der Liter Diesel 2,08 Euro, was am Ende 104 Euro macht.
Nach dem 21. Juli beträgt die Differenz acht Cent. Wenn er in München 102,5 Euro zahlt, sind es in Frankfurt jetzt 106,5 Euro.
Wie es weitergeht, hängt davon ab, wie sich der Rheinpegel entwickelt. „Stand heute sind die Kostensteigerungen nicht deutlich spürbar“, sagt ein Pressesprecher des Tankstellenverbands zu FOCUS online. „Wenn das Niedrigwasser anhält, sind allerdings Versorgungsengpässe und geschlossene Zapfsäulen wahrscheinlich.“
Ein Blick auf den Rhein zeigt: Der Pegel der Messstelle Kaub liegt bei etwa 23 Zentimetern (7. August). „Der Effekt dürfte sich also vorerst eher verstärken“, befürchtet Wagner.
Auf Bundesebene ist der Rheinpegel bereits ein Fall für den neuen Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU). „Wenn der Verkehr auf der Wasserstraße Rhein komplett zum Erliegen kommen sollte, dann müssen wir schauen, wie wir auf die Straße oder auf die Schiene ausweichen können“, zitiert die „Bild“ ihn. Unter anderem könnte das Sonn- und Feiertagsfahrverbot für Lastwagen vorübergehend fallen. Bilger dazu: „Das steht im Raum.“
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