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Geheimplan Wolfsburg: Schafft VW jetzt den Staatskonzern ab?

Дата публикации: 09-07-2026 18:27:00

Neuausrichtung bei VW. Der Automobilkonzern versucht sich aus der politischen Umklammerung des Landes Niedersachsen zu lösen.

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Im VW-Aufsichtsrat geht es um einen historischen Konzernumbau: Erstmals seit 65 Jahren will sich Volkswagen aus der politischen Umklammerung von Niedersachsen, Gewerkschaften und Betriebsrat lösen.

Es gibt Wochen, in denen Unternehmen Entscheidungen treffen. Und es gibt Wochen, in denen Unternehmen ihre Geschichte neu schreiben. Für Volkswagen könnte diese Woche zu der zweiten Kategorie gehören. Am Donnerstag, dem 9. Juli, tagt der Aufsichtsrat hinter verschlossenen Türen. Offiziell geht es um einen tiefgreifenden Konzernumbau. Inoffiziell könnte etwas anderes über der Tagesordnung stehen: nämlich das Ende eines Unternehmensmodells, das Deutschland seit Jahrzehnten für selbstverständlich hält.

Die Pläne zu Werksschließungen, der Stellenabbau und die neue Holding-Struktur sind dabei nicht die eigentliche Geschichte. Die eigentliche Geschichte dahinter lautet: Kann Volkswagen sich aus einer politischen Konstruktion lösen, die den Konzern seit seiner Gründung prägt?

Ein Konzern, der nie wirklich privat war

Volkswagen war nie ein normales Unternehmen. Der Konzern entstand 1937 als politisches Projekt des NS-Regimes. Adolf Hitler wollte mit dem „KdF-Wagen“ ein Auto für das Volk schaffen und zugleich die Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie demonstrieren. Träger des Unternehmens war nicht ein privater Unternehmer, sondern die Deutsche Arbeitsfront, die Massenorganisation der Nationalsozialisten. Aus dem geplanten Volkswagen wurde während des Krieges vor allem ein Rüstungsbetrieb. Kübelwagen, Schwimmwagen und andere Militärfahrzeuge liefen in Wolfsburg vom Band. Tausende Zwangsarbeiter mussten unter unmenschlichen Bedingungen in den Werkshallen arbeiten.

Neues Deutschland, gleiche Strukturen

Nach dem Krieg änderte sich das politische System – nicht aber die enge Verbindung zwischen Staat und Unternehmen. Zunächst führten die britischen Besatzungsbehörden den Konzern weiter. Als Volkswagen Ende der 1950er-Jahre privatisiert werden sollte, entschied sich die Politik bewusst gegen eine vollständige Loslösung. Mit dem Volkswagen-Gesetz von 1960 erhielt das Land Niedersachsen eine bis heute einzigartige Stellung. Obwohl das Land nur rund zwanzig Prozent der Stammaktien hält, verfügt es über eine Sperrminorität und kann grundlegende strategische Entscheidungen blockieren.

Damit wurde aus dem politischen Unternehmen der NS-Zeit ein politisch abgesicherter Konzern der Bundesrepublik. Kein anderer DAX-Konzern besitzt ein eigenes Bundesgesetz. Kein anderer Konzern hat den Ministerpräsidenten eines Bundeslandes kraft Amtes im Aufsichtsrat. Kein anderer wird gleichzeitig von Eigentümern, Landespolitik, Betriebsrat und Gewerkschaften gelenkt. Volkswagen ist bis heute kein gewöhnliches Privatunternehmen. Es ist ein Hybrid aus Kapitalgesellschaft und industriepolitischem Instrument.

Warum das Erfolgsmodell plötzlich zum Problem wird

Dieses Modell funktionierte erstaunlich lange. Solange Volkswagen in China Milliarden verdiente, konnte sich der Konzern hohe Personalkosten, komplexe Entscheidungsstrukturen und politische Rücksichtnahmen leisten. Der eigentliche Unternehmenszweck schien nicht die Gewinnmaximierung zu sein, sondern Beschäftigungssicherung. Die Gewinne aus China finanzierten den deutschen Apparat.

Heute funktioniert dieses Modell nicht mehr. Der Konzern verkauft zwar noch immer knapp neun Millionen Fahrzeuge im Jahr. Seine Werke sind jedoch auf rund zwölf Millionen Fahrzeuge ausgelegt. Gleichzeitig hat sich der operative Gewinn dramatisch verschlechtert. Die Marge liegt nur noch bei 2,8 Prozent. Nicht die Nachfrage ist das Kernproblem. Das Problem sind die Kosten.

Jedes andere Unternehmen hätte seine Überkapazitäten längst reduziert. Volkswagen kann das nur eingeschränkt. Denn jede größere Entscheidung ist zugleich eine politische Entscheidung.

In Wolfsburg entscheidet die Kultusministerin mit

Der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies sitzt kraft Amtes im Aufsichtsrat. Schon kurz nach seinem Amtsantritt machte der SPD-Politiker deutlich, dass Niedersachsen seine Rolle nicht verändern wolle. Das Land werde „weiter Verantwortung bei Volkswagen übernehmen“, erklärte Lies. Als zuletzt Berichte über mögliche Werksschließungen aufkamen, legte er gemeinsam mit seiner Stellvertreterin Julia Willie Hamburg nach. Beide erklärten, Niedersachsen werde „keiner Entwicklung zustimmen, die auf Werksschließungen als vermeintlich einfache Lösung setzt oder die bewährte Mitbestimmung infrage stellt“.

Dass neben dem Ministerpräsidenten auch Julia Willie Hamburg im Aufsichtsrat sitzt, zeigt die Sonderrolle Volkswagens besonders deutlich. Hamburg ist Kultusministerin, stellvertretende Ministerpräsidentin – und kommt am liebsten mit dem Fahrrad zur Arbeit. Eigentlich verantwortet sie Schulen, Bildung und Kulturpolitik. Zugleich entscheidet sie als Vertreterin des Landes über Milliardeninvestitionen, Produktionsstandorte und die strategische Ausrichtung des größten europäischen Automobilherstellers.

Oliver Blumes riskantester Plan

Diese Konstruktion gerät nun unter Druck. Der Konzern muss seine Entscheidungsstrukturen verändern, um sich schneller an den Markt anzupassen. Nach allem, was bislang aus Wolfsburg bekannt geworden ist, soll die Kernmarke Volkswagen dazu in eine eigenständige Gesellschaft überführt werden. Offiziell dient das einer höheren Effizienz und einer besseren Bewertung an der Börse. Tatsächlich hätte dieser Schritt aber noch einen zweiten Effekt.

Operative Entscheidungen würden künftig auf der Ebene der neuen Gesellschaft getroffen und nicht mehr unmittelbar auf Ebene des Gesamtkonzerns. Damit verlören das Volkswagen-Gesetz und die politischen Entscheidungsmechanismen zwar nicht ihre Gültigkeit, ihr unmittelbarer Einfluss auf das operative Geschäft würde jedoch geringer. Genau darin könnte der eigentliche strategische Sinn des Umbaus liegen: nicht den politischen Einfluss offen anzugreifen, sondern ihn organisatorisch zurückzudrängen. Für Oliver Blume wäre das vermutlich der einzige Weg, den Konzern grundlegend umzubauen, ohne einen offenen Machtkampf mit Niedersachsen und den Arbeitnehmervertretern zu provozieren.

Was am Donnerstag wirklich auf dem Spiel steht

Deshalb geht es am Donnerstag um weit mehr als nur ein Sparprogramm. Es entscheidet sich, ob Volkswagen beginnt, den Staatskonzern hinter sich zu lassen und die Macht von Gewerkschaft und Betriebsrat zu beschneiden. Es geht um die Zukunft von Mitbestimmungsstrukturen. Sie schützen oft Bestehendes und machen es Unternehmen schwer, Neues aufzubauen. Dieses Modell wird soziale Marktwirtschaft genannt, und die Deutschen sind stolz darauf. Nun sieht es so aus, als müsste auch das renoviert werden.

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