Schock für die Autobranche: Deutsche Zulieferer machen nur 1,7 Prozent Marge – Japan dreimal so viel. Wie die Krise jetzt gelöst werden muss.
Deutsche Autozulieferer in der Krise: Während Japan dreimal so viel verdient und China boomt, stürzt die deutsche Marge auf 1,7 Prozent. Die Berylls-Studie zeigt den Ausweg.
2025 wurden weltweit mehr Autos gebaut als im Vorjahr. Trotzdem ist der Umsatz der 100 größten Zulieferer gesunken. Mehr Autos, weniger Geld.
Am härtesten trifft es die Deutschen. 17 deutsche Firmen stehen in den Top 100, zusammen Platz 2 nach Umsatz. Und trotzdem haben sie die dünnste Marge aller großen Zuliefernationen.
Philipp Raasch (10 Jahre Mercedes) analysiert jeden Sonntag, warum deutsche Autobauer gegen Tesla und China den Anschluss verlieren – sein Newsletter Der Autopreneur erreicht 45.000+ Abonnenten, hier kostenlos abonnieren. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Noch verkaufen sie viel, fast mehr als alle anderen. Sie verdienen nur kein Geld mehr. Und wenn sie ihr Geschäft jetzt nicht umbauen, sind sie bald wirklich weg.
Ich habe mir die neue TOP-100-Zulieferer-Studie von Berylls by AlixPartners angeschaut und mit Jürgen Simon gesprochen. Er ist einer der Autoren.
Heute schauen wir uns an:
Das ist kontraintuitiv. Zum ersten Mal seit mehreren Jahren verdient ein Zulieferer im Schnitt mehr als der Hersteller, den er beliefert:
Dahinter stecken zwei ganz unterschiedliche Geschichten:
1) Den Herstellern geht es besonders schlecht. Weltweit herrscht ein harter Preiskampf. Dazu kommen geopolitische Spannungen und Zölle. Und gleichzeitig müssen sie Milliarden in Zukunftstechnologien investieren
2) Zulieferer ist nicht gleich Zulieferer. „Zulieferer” ist nur ein Sammelbegriff, vom Chiphersteller bis zum Sitzbauer. Ein paar verdienen richtig gut und ziehen den Schnitt nach oben. Andere verdienen kaum etwas.
Was unterscheidet also die Gewinner von den Verlierern? Nicht wer am meisten verkauft. Sondern vor allem:
Und genau hier stehen die Deutschen schlecht da:
So bleiben einem typischen deutschen Zulieferer (im Median) unterm Strich nur 1,7 Prozent Marge übrig. Woran das genau liegt, schauen wir uns jetzt an.
Wie groß der Unterschied wirklich ist, zeigt die typische Marge je Segment:
Manche Segmente verdienen richtig gut. Eins verbrennt wirklich Geld. Und das ist ausgerechnet die Batterie. Also das Segment, das alle für die Zukunft halten.
Das Interessante: Beim Umsatz wächst kein Segment schneller als die Batterie, +27,9 Prozent pro Jahr seit 2020. Bei der Marge steht keines schlechter da.
Wie kann das sein, obwohl jedes Jahr mehr E-Autos verkauft werden?
Wer Batterien baut, steckt zuerst Milliarden in riesige Fabriken. Die sind aber nicht voll ausgelastet. Die Nachfrage nach E-Autos ist 2025 langsamer gewachsen als geplant.
Dazu drückt der Preiskampf die Zellpreise. Viele verkaufen also immer mehr und verdienen trotzdem nichts. Jürgen sagt: Felder wie Batterie und Elektronik liefen sehr gut, das heißt aber nicht automatisch Profitabilität.
Was das heißt, sieht man in Korea. Die kommen nur auf 2,9 Prozent Marge, weil die großen Batteriehersteller tief im Minus stehen.
In China ist es anders: Marktführer wie CATL melden keine Margen, gelten aber als klar profitabel.
Heißt: Wer aufs falsche Segment setzt, zieht den Schnitt seines ganzen Landes mit runter.
Am deutlichsten zeigt sich das in Deutschland:
Der schlechteste Wert aller großen Zuliefernationen.
Man sieht das an Bosch. Mit fast 56 Milliarden Euro Umsatz der mit Abstand größte Autozulieferer der Welt. Und trotzdem bleiben am Ende nur 1,8 Prozent Marge.
Der Hauptgrund ist das Segment. Die großen deutschen Zulieferer hängen stark am klassischen Antrieb, also an allem rund um den Verbrenner. Und genau dieses Segment schwächelt. 5 der 10 Firmen mit der schwächsten Marge der Top 100 sind deutsch.
Dass vor allem das Segment entscheidet, zeigen zwei deutsche Firmen nebeneinander:
Dazu kommt aber auch der teure Standort. Die Erzeugerpreise steigen in Deutschland rund 6,7 Prozent pro Jahr, in China nur 0,8 Prozent.
Was das konkret heißt, sieht man an den Werken. 2025 wurden in Deutschland zehn Werke geschlossen und nur eines neu eröffnet. Damit ist Deutschland die einzige große Region, in der mehr Werke schließen als öffnen.
Die dünne Marge wird für viele zum Problem. Um zu überleben, müssen die Firmen ihr Geschäft umbauen. Das kostet enorm viel Geld. Aus dem laufenden Geschäft kommt es nicht, dafür verdienen sie zu wenig. Bleibt nur: Schulden machen.
Doch wer kaum verdient und schon hoch verschuldet ist, bekommt von den Banken kaum noch frisches Geld:
Ausgerechnet jetzt, wo sie das Geld am dringendsten brauchen, ist es am teuersten.
Berylls rechnet deshalb bis 2027/28 mit einer Welle aus Insolvenzen und Zusammenschlüssen.
Spannend ist der Vergleich mit Japan. Denn Japan ist Deutschland eigentlich sehr ähnlich: eine alte, starke Verbrenner-Nation mit starken eigenen Herstellern und Zulieferern. Japan hat 21 Zulieferer in den Top 100, Deutschland 17.
Und trotzdem verdient ein typischer japanischer Zulieferer 5,9 Prozent Marge. Mehr als dreimal so viel wie ein deutscher.
Wie kann das sein, bei so ähnlichen Voraussetzungen?
Der Unterschied liegt nicht im Produkt. Er liegt in der Beziehung zwischen Hersteller und Zulieferer.
In Japan arbeiten Hersteller und Zulieferer zusammen. Die Beziehungen sind eng und auf Augenhöhe. Oft halten beide sogar Anteile aneinander.
Der Hersteller drückt nicht nur den Preis. Krisen steht man gemeinsam durch.
In Deutschland ist es umgekehrt: friss oder stirb. Wer an Mercedes, VW oder BMW liefert, ist am Ende vor allem ein Kostenposten. Der Druck wird einfach nach unten durchgereicht. Ich bekomme dauernd Nachrichten von Zulieferern, die genau das erleben.
Und das ist gefährlich. So zerstören wir Stück für Stück unser eigenes Ökosystem. Wir brauchen diese Zulieferer für Entwicklung und Produktion im Land. Und genau sie drängen wir damit selbst aus dem Markt.
Gleiche Ausgangslage, aber eine ganz andere Beziehung zum Kunden. Genau das macht am Ende den Unterschied von Faktor drei. Und dieser Unterschied ist hausgemacht.
Und China? Da würde man erwarten: harter Preiskampf, keiner verdient Geld. Es ist genau umgekehrt:
Wichtig: Nur 7 der 15 chinesischen Firmen melden überhaupt ihre Margen. Große Player wie CATL fehlen hier beispielsweise.
Das eigentlich Beunruhigende ist aber nicht die Marge, sondern die Geschwindigkeit. Denn China wächst am schnellsten:
Bisher geht Chinas Wachstum vor allem auf Kosten von Japan. Seit 2020 hat Japan sechs Plätze in den Top 100 verloren, China hat acht dazugewonnen. Deutschland hat seine 17 im selben Zeitraum gehalten.
Die Frage ist nur, wie lange das so bleibt. Jürgen sagt: Die 17 Plätze zu halten, wird „sehr schwierig”.
Für die deutschen Zulieferer steht damit nicht mehr nur die Marge unter Druck, sondern das Geschäftsmodell selbst. Und das gleich von drei Seiten:
Billiger oder besser werden reicht also nicht mehr. Jürgen sagt: „Das alte deutsche Premium-Zuliefermodell muss schon ein Stück weit erneuert werden.”
Im Kern gibt es zwei Richtungen:
So sieht der Umbau konkret aus:
Der KI-Boom ist dabei Fluch und Segen zugleich: Die Rechenzentren kaufen gerade die Chips weg, die wir in der Autobranche brauchen. Aber dieselbe Welle ist auch eine Chance: Wer Teile für diese Rechenzentren liefert, profitiert überproportional.
Für mich entscheidet sich das alles nicht in den Zahlen. Sondern im Kopf.
Die deutschen Zulieferer hatten jahrzehntelang ein stabiles Geschäft. Gleiche Kunden, gleicher Markt. Unsere Branche ist zyklisch: Man läuft von einer Krise in die nächste. Aber jede war bisher nur temporär. Da kam man durch, indem man effizienter und günstiger wurde. Danach ging es wieder bergauf. Das eigentliche Geschäftsmodell stand nie infrage.
Diese Krise ist anders. Effizienter werden reicht diesmal nicht. Zum ersten Mal seit Generationen müssen diese Unternehmen überdenken, was sie überhaupt tun.
Dabei können sie das eigentlich. Bosch, Continental, ZF gibt es teils seit über 100 Jahren. Am Anfang stand immer eine Wette: Jemand ist ins Risiko gegangen und hat einen Markt gesehen, den es so noch nicht gab. Erst danach kamen die ruhigen Jahrzehnte. Die Aufgabe wurde eine andere: optimieren, verwalten.
Genau da müssen sie wieder hin: vom Verwalter zurück zum Gründer. Das Schwierige daran ist nicht die Analyse, welches Segment läuft. Das Schwierige ist dieser Wechsel im Kopf. Wieder neugierig werden, wieder mutig sein, wieder Wetten eingehen. Und vor allem wieder lernen, wie man lernt. Worauf setze ich? Was gebe ich auf? Wo will ich in zehn Jahren sein?
Jürgen hat es nüchtern gesagt: „der Kern ist nicht zwangsläufig das, was ich die letzten 100 Jahre gemacht habe.” Das hier ist „weit weg von einer vorübergehenden Delle”. Es ist „vielmehr eine neue Realität”.
Realistisch heißt das: In ein paar Jahren stehen vielleicht keine 17 deutschen Firmen mehr in den Top 100. Das muss nichts Schlechtes sein. Manche fehlen dann vielleicht nur, weil sie längst ein viel lukrativeres Geschäft außerhalb der Autobranche gefunden haben. Und die Firmen, die bleiben, verdienen wieder Geld. Nicht weil sie die Größten waren. Sondern weil sie rechtzeitig die richtige Wette gemacht haben.
„Die Zukunft wird woanders gestaltet”
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