Russland verliert im Krieg gegen die Ukraine jeden Monat mehr Soldaten, als neue an die Front kommen. Beobachter halten eine neue Mobilmachung für möglich. Für den Kreml ist das ein Dilemma.
Russland verliert im Krieg gegen die Ukraine jeden Monat mehr Soldaten, als neue an die Front kommen. Beobachter halten eine neue Mobilmachung für möglich. Für den Kreml ist das ein Dilemma.
Russland könne seine materielle und personelle Überlegenheit derzeit nicht in einen taktischen oder operativen Vorteil ummünzen, sagt Militärexperte Gustav Gressel gegenüber dem Bayerischen Rundfunk im Format „Possoch klärt“. „Die Ukrainer haben sich eingestellt darauf, wie die Russen jetzt kämpfen und können damit umgehen.“
Das zentrale Rekrutierungsmuster Russlands wird als „Deathonomics“ bezeichnet. Dabei werden prekäre soziale Verhältnisse systematisch ausgenutzt. So erhalten Familien von gefallenen Soldaten eine Entschädigung von etwa 50.000 Euro. In armen Verhältnissen kann dies einen starken finanziellen Anreiz darstellen.
Russland setze bei der Rekrutierung auch Zwang ein. „Bei Inhaftierungen, Gefängnisverhören oder anderen Schwierigkeiten mit Behörden, die werden dann, nachdem es ja kein Rechtsstaat ist, hochgespielt um Leute in Lebensentscheidungs-Zwickmühlen zu bringen“, sagt Gressel. In solchen „Zwickmühlen“ würde nur ein Vertrag mit der Armee helfen.
Gleiches gelte auch für Wehrpflichtige, die formal nicht an die Front müssten. In der Praxis würden diese jedoch so lange schikaniert werden, bis sie einen Vertrag unterschrieben.
Insgesamt komme Russland auf diese Weise auf 25.000 bis 30.000 neue Soldaten pro Monat. Die Zahl der Verluste falle jedoch höher aus. Die neuen Rekruten sind bis zu 7000 weniger, als in den Kämpfen ausfallen oder sterben, berichtet der Bayerische Rundfunk.
Das liege auch an den neuen Drohnen der Ukraine. „Die Ukraine produziert so viele Drohnen, die hat für jeden Rekruten, der aus Russland kommt, 20 bis 30 Kamikaze-Drohnen bereit. Eine davon wird schon treffen“, sagt Sicherheitsexperte Nico Lange.
Eine neue Mobilmachung gelte daher als realistische Möglichkeit. Für Putin wäre das jedoch politisch gefährlich. Wie Sicherheitsexperte Nico Lange erklärt, habe die Teilmobilmachung von 2022 massive Unruhe bei der russischen Bevölkerung ausgelöst. Damals hätten viele Menschen das Land verlassen, darunter besonders gut Ausgebildete. Hinzu komme, dass eine Mobilmachung nicht gegen Russlands derzeit größtes Problem helfen würde: die ukrainischen Angriffe tief auf russisches Gebiet.
Während Russland mit Personalproblemen kämpft, setzt die Ukraine auf stärkere Anpassung. Präsident Wolodymyr Selenskyj korrigierte nach landesweiten Protesten seinen Kurs und tauschte den Armeechef aus. Neuer Oberbefehlshaber ist Generalmajor Mychajlo Drapatyj. „Das gibt der Ukraine nochmal eine Perspektive und eine Durchsetzungskraft, die die Kultur der Streitkräfte verändern kann“, sagt Sicherheitsexperte Nico Lange.
In der Ukraine führen Proteste und öffentliche Debatten zu Veränderungen. In Russland nicht. Gerade in einem langen Krieg kann das ein strategischer Vorteil sein. Die Ukraine verfüge über eine lebendige Zivilgesellschaft, Missstände könnten öffentlich benannt werden, und Kritik könne Folgen haben. In Russland dagegen blieben auch unfähige, aber loyale Funktionäre im Amt. Wer protestiere, riskiere Repression, Haft oder den Weg an die Front.
Aus der Kombination beider Entwicklungen ergibt sich eine ungünstige Lage für den Kreml. Russland gerät durch ukrainische Angriffe auf Versorgungswege, Raffinerien und Ölexportanlagen unter Druck. Gleichzeitig passt sich die Ukraine militärisch und organisatorisch weiter an.
Putin stehe damit zunehmend vor teuren und riskanten Optionen. Er könne noch weiter eskalieren, zusätzliche Kräfte mobilisieren oder wirtschaftliche Ressourcen noch stärker abschöpfen. Jede dieser Möglichkeiten sei jedoch mit neuen Risiken verbunden.
Das Video des BR24-Erklärformats Possoch klärt vom Bayerischen Rundfunk erschien am 30.07.26. Dieses und weitere Videos von Possoch klärt können jederzeit kostenfrei in der ARD Mediathek gestreamt werden.