Ein prominenter ARD-Journalist und ein hart-rechter „Compact“-Herausgeber erzählen zur Ceuta-Krise eine ähnliche Geschichte: Im Hintergrund ziehen Trump, Netanjahu und Marokko die Fäden. Nur eine Frage stört die Erzählung: Kann das eigentlich jemand beweisen?
Ein prominenter ARD-Journalist und ein hart-rechter „Compact“-Herausgeber erzählen zur Ceuta-Krise eine ähnliche Geschichte: Im Hintergrund ziehen Trump, Netanjahu und Marokko die Fäden. Nur eine Frage stört die Erzählung: Kann das eigentlich jemand beweisen?
Georg Restle und Jürgen Elsässer haben normalerweise nicht viel gemeinsam. Der eine ist öffentlich-rechtlicher Journalist und war langjähriger Chef der vom WDR produzierten Politsendung „Monitor“. Der andere ist „Compact“-Herausgeber und eher ein Rechtsaußen-Publizist. Politisch liegen Welten zwischen ihnen.
Bei Ceuta schrumpfen diese Welten plötzlich zusammen. Ceuta ist die spanische Exklave in Marokko, die in den vergangenen Tagen zum humanitären und politischen Hotspot aufstieg, weil Tausende von Migranten dort eingefallen waren und Einlass nach Europa suchten. Restle verbreitet auf X die These, die Vorgänge seien Teil der Bemühungen eines „wachsenden US-israelisch-marokkanischen Netzwerks“, um „eine progressive europäische Regierung zu schwächen, Europa zu spalten und das Völkerrecht zu untergraben“.
Elsässer weiß das natürlich auch ganz sicher und etwas handfester: Trump und Netanjahu hätten mithilfe Marokkos die „Invasion organisiert“. Zwei Männer, zwei politische Welten, eine ziemlich ähnliche Geschichte, die auch noch einen antisemitischen Touch hat. Nämlich den von der jüdischen Weltverschwörung. Nur: Wie kommen die darauf?
Bei Elsässer lässt sich die Frage schneller abhaken. Er ist nicht dafür bekannt, dass er vor einer steilen These erst drei Bestätigungen aus unabhängigen Quellen abwartet. Bei Restle ist das anders. Der Mann ist nicht irgendein Netzaktivist. Er war viele Jahre Leiter und Moderator bei „Monitor“, zuvor ARD-Korrespondent in Moskau, inzwischen leitet er das ARD-Studio in Nairobi. Der WDR führt ihn sogar als Trainer für investigativen Journalismus. Restle weiß also, wie Journalismus funktionieren soll.
Und er hat eine Quelle: „The Nation“. Das klingt zunächst einmal gut: „The Nation“ ist kein obskures Internetportal, sondern ein traditionsreiches amerikanisches Magazin. Allerdings eines mit sehr eindeutiger politischer Heimat. Das Blatt versteht sich selbst ausdrücklich als progressiv. Donald Trump und Benjamin Netanjahu gehören, vorsichtig formuliert, nicht zu seinen bevorzugten Politikern. Auch das ist nicht verwerflich. Zeitungen dürfen eine Haltung haben. Journalisten übrigens auch. Aber eine Haltung ist noch kein Beleg.
Was wissen wir? Wir wissen, dass Marokko Migration schon früher als politisches Instrument gegen Spanien benutzt hat. 2021 ließ Rabat Tausende Menschen Richtung Ceuta ziehen, nachdem sich Spanien den Zorn der marokkanischen Regierung zugezogen hatte. Das Europäische Parlament sprach damals vom Einsatz von Migration als politischem Druckmittel. Marokko ist also kein unbeteiligter Grenzwächter. Wir wissen auch, dass Rabat gute Beziehungen zu Washington und Israel pflegt. Was wir bislang nicht wissen: dass daraus ein „US-israelisch-marokkanisches Netzwerk“ geworden ist, welches Migranten losschickt, um Pedro Sánchez zu stürzen, Europa zu spalten und nebenbei noch das Völkerrecht zu erledigen.
Das wäre eine ziemlich große Geschichte. Für eine ziemlich große Geschichte brauchen Journalisten normalerweise ziemlich große Belege. Die fehlen. Es gibt Fakten. Es gibt Interessen. Es gibt Verdachtsmomente. Und dann gibt es eine Geschichte, die daraus gebaut wird. Genau an dieser Stelle sollte Journalismus eigentlich anfangen, nicht aufhören.
Die Öffentlich-Rechtlichen Sendemaschinen erklären uns seit Jahren, warum sie gerade im Zeitalter von X, Telegram und TikTok gebraucht würden: nämlich weil dort nur Gerüchte rasen, während bei ihnen professionelle Journalisten prüfen, abwägen und allen Seiten Gehör schenken. Weil die einen behaupten und die anderen verifizieren. Weil Vertrauen daraus entsteht, dass nicht jede Geschichte weitergereicht wird, nur weil sie wunderbar ins eigene Weltbild passt.
Restle macht das nicht. Er setzt die Behauptung in Anführungszeichen und verlinkt die Quelle. Formal ist damit klar: Das hat jemand anderes geschrieben. Journalistisch ist damit noch gar nichts klar. Denn natürlich weiß Restle, was passiert, wenn ein prominenter ARD-Journalist eine solche These seinen Followern präsentiert. Er verschafft ihr Gewicht.
Restle und Elsässer schöpfen aus der gleichen trüben Suppe. Ganz rechts weiß man schnell, dass Trump und Netanjahu hinter einer „Invasion“ stecken. Ganz links entdeckt man ein „US-israelisch-marokkanisches Netzwerk“. Im schmalen Spalt dazwischen steht die langweilige Frage des gewöhnlichen Journalisten: Können wir das eigentlich beweisen? Diese Frage ist weniger aufregend. Sie produziert schlechtere Tweets. Sie bringt weniger Empörung. Aber genau dafür machen wir Journalisten unseren Job. Und beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk werden sie dafür sogar von unser aller Geld fürstlich dafür bezahlt.
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