Das 2:4 des 1. FC Union Berlin gegen Ipswich Town zeigt in Ansätzen, was sich Mauro Lustrinelli vorstellt, aber auch, dass Union noch nicht bundesligareif ist.
Hier und da ließ der 1. FC Union Berlin am vergangenen Sonnabend Kombinationen aufblitzen, die schon nach so etwas wie einer Spielidee aussahen. Zu Beginn der zweiten Halbzeit etwa erhielt Livan Burcu, der von der linken Seite etwas nach innen gezogen war, ein Zuspiel. Er ließ den Ball über die Hacke nach außen rollen und Linksverteidiger Tom Rothe durfte plötzlich komplett frei in den Strafraum flanken. Es fiel zwar kein Tor, aber die Szene zeigte doch, wie der Fußball in Köpenick künftig aussehen könnte.
Ja, Ansätze waren zu erkennen. Das ist vielleicht die positive Nachricht für Fans des 1. FC Union Berlin nach der 2:4-Niederlage gegen Ipswich Town bei der Saisoneröffnung im Stadion An der Alten Försterei.
Einer davon führte sogar zum Tor. Nach einer einstudierten Freistoßvariante traf Zeno Van Den Bosch zum 1:0. Auch das zwischenzeitliche 2:3 war das Resultat aus dem Fußball, den Lustrinelli sehen will: Eine Balleroberung in der gegnerischen Hälfte, dann spielte Rani Khedira einen diagonalen Chipball auf Josip Juranovic, der per Lupfer traf. „Ein wunderschöner Pass“, lobte Juranovic hinterher.
Trotzdem musste er, und das ist die schlechte Nachricht, nach dem Spiel in der Mixed-Zone eine am Ende verdiente, deutliche Niederlage analysieren. „Wir haben einige Fehler gemacht – vor allem im Strafraum. Wir dürfen nicht zulassen, dass dort Gegenspieler frei stehen“, monierte Juranovic.
Vier Gegentore, dazu mussten sowohl Carl Klaus in der ersten Hälfte als auch Matteo Raab, der in der zweiten Hälfte sein Comeback nach Verletzung gab, noch weitere Paraden zeigen, um eine höhere Niederlage zu verhindern.
Josip Juranovic verkürzte gegen Ipswich zwischenzeitlich auf 2:3.
© Sebastian Räppold/Matthias Koch/imago
Und klar, Marvin Friedrich und Van Den Bosch, die das Duo in der Innenverteidigung bildeten, sind beides Neuzugänge und können daher kaum eingespielt sein.
Zudem mussten beide lange in der prallen Sonne bei 35 Grad Celsius stehen, als vor der Partie alle Spieler vorgestellt wurden und nach ihrer Rückennummer sortiert auf den Rasen traten. Mit den Nummern vier und fünf waren Friedrich und Van Den Bosch mit die Ersten, die aufs Feld liefen.
Vielleicht hatte sie diese Aktion etwas mitgenommen. Doch die fehlende Zuordnung im Sechzehner war nicht der einzige Mangel in der Defensive der Eisernen.
„Im Moment schaffen wir es nicht, unsere Spiele über 90 Minuten auf den Platz zu bringen. Wir bekommen die Tore zu einfach. Da sind wir aber noch nicht so, wie wir es uns wünschen“, kritisierte auch Trainer Mauro Lustrinelli.
Eines der Probleme: Die große Stärke des Systems, das mit offensiv ausgerichteten Außenverteidigern attackieren will, ist gleichzeitig eine Schwäche in der Defensive.
Juranovic, der in der Vorsaison kaum eine Rolle gespielt hatte, bekommt unter Lustrinelli eine neue Chance und scheint derzeit als Rechtsverteidiger gesetzt zu sein. Trotz seines Tores offenbarte er gegen Ipswich aber auch seine Schwächen. Der Kroate ist weder schnell noch kopfballstark und hatte so in mehreren Situationen das Nachsehen, wenn Ipswich über seine Seite angriff.
Dara O’Shea von Ipswich Town erzielt das Tor zum 1:3.
© Sebastian Räppold/Matthias Koch/imago
Das 1:1 fiel etwa, nachdem Ipswichs Linksverteidiger Leif Davids an Juranovic vorbeilief, dann den Ball erhielt und frei in den Strafraum spielen konnte. Der im neuen System ziemlich offensiv ausgerichtete Rechtsaußen Woo-yeong Jeong bot dabei wenig Unterstützung in der Verteidigung.
Tom Rothe hatte als Linksverteidiger ähnliche Probleme. Zwar besitzt er physisch größere Vorteile als Juranovic, für seine Zweikampfstärke ist aber auch Rothe nicht bekannt. So kam es, dass Union vier Gegentore kassierte, denen allen eine Flanke von außen vorausging.
Unterstützt wurden die Angebote, die Union den Gästen über die Flügel anbot, von einem riesigen Loch im Mittelfeld, das den gegnerischen Mittelfeldspielern Zeit bot, sich ihre Anspielstationen gemächlich auszusuchen.
Dieses Loch entstand, weil Rani Khedira offenbar den Auftrag hatte, im Pressing zu den Stürmern hochzuschieben, und sein Mittelfeldpartner Aljoscha Kemlein sich tief fallen ließ, um näher am Tor zu verteidigen.
Trotz der offensichtlichen Probleme im Spiel blieb Trainer Lustrinelli nach dem Spiel positiv. „Es war wirklich ein geiler Test für uns. Es war schön zu wissen, wo wir stehen. Wir haben viel gut gemacht. Einige Sachen sind noch zu verbessern.“
Doch um diese Dinge zu verbessern, bleibt ihm nicht mehr viel Zeit. Schon am kommenden Sonntag tritt Union zum ersten Pflichtspiel der Saison beim Zweitligisten Eintracht Braunschweig im DFB-Pokal an.
Reicht eine Woche zwischen dem Testspiel und dem Pokal-Duell, um die Schwächen zu beheben? „Wer weiß“, sagte Lustrinelli. „Wir werden intensiv arbeiten. Wir wissen genau, was wir gut machen. Wir wissen genau, an was wir arbeiten können. Da sind wir dran.“
Besonders viel Mut für die neue Saison dürfte der Auftritt der Eisernen den Fans nicht gemacht haben. Ob diese Aussagen des Trainers ihre Sorgen besänftigen, darf bezweifelt werden. Denn nachdem die Sommervorbereitung mit dem letzten Testspiel ihren Abschluss gefunden hat, sieht die Unioner Mannschaft nicht so aus, als wäre sie bereit für die Bundesliga.
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