Jahrestagung der Gesellschaft für Evolutionsmedizin und öffentliche Gesundheit (ISEMPH) an der CAU
Jahrestagung der Gesellschaft für Evolutionsmedizin und öffentliche Gesundheit (ISEMPH) an der CAU zu evolutionsbiologischen Grundlagen in medizinischen Anwendungsfeldern wie Antibiotikaresistenzen, Tumorevolution und chronischen Krankheiten.
Einmal im Jahr kommt die umfangreiche Gemeinschaft der internationalen Evolutionsforschenden zusammen, um aktuelle Entwicklungen und neue Ergebnisse auf dem noch jungen wissenschaftlichen Feld der Evolutionsmedizin zu diskutieren: 2026 wird die Jahrestagung der Internationalen Gesellschaft für Evolutionsmedizin und öffentliche Gesundheit (Englisch: International Society for Evolutionary Medicine and Public Health, ISEMPH) vom 28. bis 31. Juli an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) stattfinden. Über 200 Forschende aus der ganzen Welt nehmen an dieser hochrangigen Tagung teil, die sich um die grundlegende Frage dreht, wie sich die Prinzipien der Evolution auf die Krankheitsentstehung, mögliche Behandlungsansätze und die öffentliche Gesundheit auswirken. In Zusammenarbeit mit der ISEMPH organisiert ein Team des Kiel Evolution Centers (KEC) im Rahmen des CAU-Forschungsschwerpunkts Kiel Life Science (KLS) um Professor Hinrich Schulenburg und Professor John Baines das diesjährige Meeting in der Landeshauptstadt.
Dabei bietet die Konferenz ein besonders breites Themenspektrum an vier Tagen an, das zum Beispiel die Resistenzevolution von bakteriellen Krankheitserregern, die Mechanismen der Tumorevolution, die Pathogendynamik bei der Ausbreitung von Infektionskrankheiten oder das evolutionäre Zusammenspiel von vielzelligen Lebewesen und Mikroben in einem gemeinsamen Metaorganismus umfasst. Besonders hervorzuheben sind die Tagungsbeiträge von Professor Randolph Nesse vom Center for Evolution and Medicine der Arizona State University, der als einer der Gründer des Forschungsfelds der Evolutionsmedizin gilt und mit einem speziellen Symposium zur Bedeutung von evolutionären Prozessen einerseits in der Medizin und andererseits im technischen Design neue Impulse setzen wird. Daneben werden Professor Charles Nunn von der Duke University als Präsident der Gesellschaft sowie Professorin Nicole Bender von der Universität Zürich als ISEMPH-Vorstandsmitglied die Tagung durch ihre Beiträge mitgestalten. Professorin Jessica Metcalf von der Princeton University und Professor Brendan Bohannan von der University of Oregon, die beide als Mercator-Fellows eng mit der CAU und der Kieler Evolutionsforschung verbunden sind, werden beide Plenarvorträge halten.
Unter dem Begriff Evolutionsmedizin versteht man die Anwendung der modernen Evolutionstheorie auf Erkrankungen beim Menschen, um sowohl Krankheitsbilder als auch Konsequenzen einer Behandlung besser zu verstehen und darauf aufbauend Therapieansätze zu verbessern. Viele Erkrankungen haben einen evolutionsbiologischen Ursprung. Viele Behandlungsansätze üben direkt Selektion aus und können darüber auch Erkrankungen in einem zweiten Schritt beeinflussen. Die Übertragung evolutionsbiologischer Prinzipien erlaubt bei dieser vergleichsweise neuen medizinischen Auffassung wichtige Fortschritte zum Beispiel im Verständnis der Krebsentstehung, von Autoimmunerkrankungen oder der Bildung von Behandlungsresistenzen.
„Aus historischen Gründen spielen evolutionäre Perspektiven in der medizinischen Ausbildung und Praxis nach wie vor nur eine untergeordnete Rolle. Infolgedessen berücksichtigt die Medizin nicht immer in vollem Umfang die evolutionären Prinzipien, die Aufschluss darüber geben, warum Menschen überhaupt anfällig für bestimmte Krankheiten sind oder wie sich Krankheitserreger im Laufe der Zeit weiterentwickeln. Dabei haben diese Prozesse tiefgreifende Auswirkungen sowohl auf die Entwicklung wirksamer Therapien als auch auf die Ausbreitung von Infektionskrankheiten auf Bevölkerungsebene“, betont Baines, Leiter der Sektion für Evolutionäre Medizin an der Medizinischen Fakultät der CAU.
„Gemeinsam mit unseren internationalen Partnerinnen und Partnern streben wird daher danach, diese grundlegend wichtige Perspektive aus der Evolutionsforschung vermehrt auch in die medizinische Anwendung zu übertragen. Diesen Ansatz verfolgen wir seit vielen Jahren auch an der CAU und im Verbund mit unseren Kooperationspartnern vor Ort, was sich in zahlreichen evolutionsbiologisch ausgerichteten Forschungsverbünden in Kiel und Umgebung ausdrückt“, betont Mit-Organisator Schulenburg, der an der CAU neben dem KEC auch das Graduiertenkolleg (GRK) Translationale Evolutionsforschung (TransEvo) leitet.
Einen besonderen Fokus der diesjährigen Tagung bildet zudem ein spezielles Symposium, das sich der evolutionsmedizinischen Ausbildung und damit der mittelfristigen Etablierung ihrer Prinzipien in der klinischen Praxis widmet. Dabei strebt die CAU neben anderen Wissenschaftsstandorten danach, eine grundlegende evolutionäre Perspektive bereits früh in die Ausbildung zu integrieren: Dies kann zum Beispiel bereits in den Lehrplänen der weiterführenden Schulen beginnen, umfasst die wissenschaftliche Ausbildung während des Studiums und kann auch die gezielte Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten umfassen.
„Dazu arbeiten wir unter anderem mit dem Kiel Science Communication Network zusammen, das den wissenschaftlichen Outreach und die Zusammenarbeit mit den Schulen verbessert,“ betont Schulenburg. „Weiterhin gibt es in Kiel das Clinician Scientist in Evolutionary Medicine (CSEM)-Programm an der Medizinischen Fakultät der CAU und dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, das eine evolutionsbiologische Zusatzqualifikation für Medizinerinnen und Mediziner anbietet - eine in Norddeutschland einzigartige Initiative“, ergänzt Baines.
Die Evolutionsmedizin bildet dabei nur einen Teil eines größeren Wissenschaftsgebiets, das als translationale Evolutionsforschung bezeichnet wird und allgemein auf eine Übertragung evolutionsbiologischer Erkenntnisse in diverse Anwendungsfelder abzielt. An der CAU arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Beispiel im Rahmen des GRK TransEvo daran, evolutionsbiologische Strategien zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen einerseits in der Medizin aber zum Beispiel auch in Umweltschutz und Landwirtschaft zu entwickeln. Diese sind häufig durch dramatische, vom Menschen verursachte Umweltveränderungen gekennzeichnet, die beispielsweise durch intensive Landwirtschaft, Industrialisierung, umfassende medizinische Behandlungen und den aktuellen Klimawandel entstehen.
„Wie genau sich diese schädlichen anthropogenen Eingriffe auf die natürliche Selektion auswirken, wollen wir künftig besser verstehen. Damit wollen wir Stück für Stück evolutionsbiologische Lösungsstrategien entwickeln, die in Zukunft zum Beispiel der Bekämpfung der Antibiotikakrise, der Erhaltung natürlicher Ressourcen und der Sicherung der Nahrungsmittelproduktion dienen können", betont CAU-Professorin Olivia Roth, Ko-Sprecherin des GRK TransEvo und Teil des Organisationsteams der ISEMPH-Tagung in Kiel.