Die einstige Empörung gegen Unternehmen, die Jobs durch eine KI ersetzen, schwindet rapide. Doch wie eine Harvard-Studie zeigt, sind einige Berufe für Kunden sakrosankt. Wer sie abschaffen will, schadet sich womöglich.
Nur menschlich: In Berufen, die Menschen durch Ausnahmesituationen begleiten, zum Beispiel Geistliche, aber auch Aufgaben, die stark von körperlicher Präsenz geprägt sind, etwa Erzieher, sollten einer Umfrage zufolge keine KI eingesetzt werden
Foto: Maskot / Digital Vision / Getty ImagesDass künstliche Intelligenz (KI) manche Berufe überflüssig macht, kommt so langsam im Bewusstsein der Menschen an. Bislang war die Empörung darüber noch groß – doch nun beginnt sie zu schwinden, wie zwei Wissenschaftler der Harvard Business School in einer Studie mit 2357 US-Bürgerinnen und -Bürgern herausgefunden haben. Die Teilnehmenden würden nach eigener Aussage bei rund 30 Prozent aller Berufe keinen Widerwillen empfinden, wenn sie durch KI verloren gehen sollten. Stellten sich die Befragten zudem vor, dass eine KI in der Zukunft besser und billiger als Menschen arbeiten könne, stimmten sie einer Automatisierung beinahe doppelt so häufig zu: nämlich bei 58 Prozent aller Berufe.
Für einen kleinen Teil der 940 abgefragten Professionen jedoch – 12 Prozent – lehnten die Studienteilnehmer einen Ersatz durch KI aus moralischen Gründen vehement ab. Dazu gehörten vor allem Berufe, die Menschen durch Ausnahmesituationen begleiten, zum Beispiel Geistliche, Familientherapeutinnen und Bestatter, aber auch Aufgaben, die stark von körperlicher Präsenz geprägt sind, etwa bei Erzieherinnen, Polizeibeamten und Schauspielerinnen. Tatsächlich gibt es längst KI-Gottesdienste und Segensroboter, „Griefbots“, die mithilfe von durch künstliche Intelligenz erzeugter Synchronstimmen beim Trauern helfen. So richtig gut klappt das jedoch nicht: Die Nutzer berichten von Irritation und Störgefühlen beim Verwenden entsprechender Hilfsangebote. Offenbar gibt es „eine soziale und moralische Grenze, die festlegt, was wir als Spezies Mensch weiterhin selbst tun müssen“, erklärt Assistant Professor James W. Riley. „Wir brauchen eine nüchterne Diskussion auf Basis tiefgründiger Analysen darüber, wo diese Grenzen liegen und warum.“
Führungskräfte sollten in ihrer kurzfristigen KI-Strategie daher zunächst solche Aufgabenbereiche aussparen, bei denen Kunden starke moralische Bedenken haben könnten, empfehlen die Autoren. Wenn Unternehmen längerfristig dennoch kritische Berufe automatisierten, sei es entscheidend, dass sie gegenüber Stakeholdern klar kommunizierten, wie und warum sie genau hier KI einsetzten. „Es gibt einfach Produkte oder Marktsegmente, in denen es den Menschen sehr wichtig ist, wie etwas gemacht wird“, sagt James W. Riley, „und nicht nur, dass es wenig kostet.“ © HBm 2026
Quelle: Simon Friis, James W. Riley: „Performance or Principle: Resistance to Artificial Intelligence in the U.S. Labor Market“, Harvard Business School Working Paper, Oktober 2025
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