Poliça aus Minneapolis sind eine ungewöhnliche Band. Zwei Schlagzeuger. Sieben Alben mit düster, verspieltem Goth-Pop in nur 13 Jahren. Und aus traurigem Anlass ohne Bass auf Tour. Die Messlatte lag hoch für ihr erstes Berliner Konzert seit sechs Jahren.
Konzert Poliça in Berlin "Jetzt aber weiter mit Musik"
Zumindest auf den ersten Blick ist Poliça eine sehr ernste Band. Punkt 21 Uhr kommen sie wortlos auf die Bühne des Peter Edel in Berlin-Weißensee, richten sich ein. Fast wie bei einem klassischen Konzert. Nur dass die Leute im Publikum mit Drinks in der Hand aufgeregt tuscheln statt verhalten zu hüsteln. Dann geht es los und Poliça fällt regelrecht in die Songs. Konzentriert, total bei der Sache sind sie. Für Show, Quatsch oder Gimmicks ist da kein Platz. Es würde auch gar nicht zur kühlen Anmutung der Band passen. Und auch nicht zu diesem ambitionierten, flirrenden Art-Pop, den sie spielen.
Sängerin Channy steht als einzige vorne, singt oft zur Seite gelehnt, über einen kleinen, schwarzen Synthi-ähnlichen Kasten gebeugt. Flüchtig wirkt das, als sei sie gar nicht ganz da, als schwebe sie da so rum, als ein Körper in der Musik, der jederzeit verschwinden könnte.
Hinter der Sängerin steht und sitzt die dreiköpfige Band. Bassist Chris Bierden ist wegen einer schweren Krebserkrankung nicht mehr mit auf Tour, für ihn gibt es nach einer kleinen Ansage extra Applaus. Statt Bass stehen da allerlei Soundkästen, aus denen Kabel herausschauen auf einem großen Tisch. Sodass es aussieht, als könnte der Soundtüftler dahinter zur Not auch Operationen am offenen Herzen darauf durchführen. Und dann sind da natürlich die beiden Schlagzeuger Drew Christophersen und Ben Ivascu. Seit kurz nach der Bandgründung 2011 sind sie Markenzeichen von Poliça. Und optisch und akustisch natürlich ein Alleinstellungsmerkmal.
Welch Schauspiel den beiden Drummern zuzusehen. Beide spielen elektronische Schlagzeuge, die auf unterschiedliche Sounds programmiert werden können. Mal treiben sie unisono scheppernd den Beat voran, mal ergänzen und erweitern sie sich zisselnd, hallig und fein. Spielen abwechselnd, spielen wie ein gemeinsamer Herzschlag, ohne sich auch nur anzuschauen. Die spüren sich, die brauchen keine Blicke oder Worte. Stark.
"2020 waren wir das letzte Mal in Berlin", sagt Sängerin Channy, "damals sahen wir noch viel jünger aus". Dramturgische Pause…"ihr aber auch". Haben sie also doch ein bisschen Humor hinter der dramatischen Strenge? Gelächter im Publikum. "Danke, dass ihr möglich macht, dass wir hier sein dürfen, jetzt aber weiter mit Musik", sagt die Sängerin. Und weiter geht´s. Und viel mehr passiert auch leider nicht. So begeistert Teile des Publikums vor allem die Leute weiter vorne sind: hinten stehen nach einer halben Stunde etliche Leute, die sich ganz offensichtlich ein bisschen langweilen, Bier holen gehen, rauchen, auf ihre Handys gucken und sich das alles offenbar etwas spannender vorgestellt haben. Irgendwie hebt der Abend nicht ab, fliegt die Musik nicht. Alles bleibt etwas zu eng, zu angespannt, zu kontrolliert.
Liegt es am fehlenden Bassisten? Oder kann man das live nicht noch besser umsetzen, was Poliça seit rund 15 Jahren auf insgesamt sieben starke Alben gepresst haben? Schwer zu sagen. Live hat die Musik jedenfalls deutlich weniger Tiefgang und Anmut als auf den Studioaufnahmen. Trotzdem war das natürlich ein anständiges Konzert. Die Messlatte hing nur sehr hoch für diese außergewöhnliche Band. Und für die echten Fans war es, dem Jubel nach, ein schönes Wiedersehen mit einer sehr speziellen Band.
Das Peter Edel ist übrigens ein wirklich toller, 100 Jahre alter, restaurierter Saal direkt neben dem Weißensee, in dem viel öfter solche Konzerte stattfinden sollten. Gute Akustik, entspannter Einlass, viel Platz. Poliça jedenfalls passten mit ihrer ganz in Schwarz gekleideten etwas strengen Artyness sehr gut in das neobarocke Gemäuer. Davon gerne mehr.
Sendung: rbb24 Inforadio, 26.08.2026, 06:40 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 26.08.2026, Sabine Dahl / Hendrik Schröder
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