Die EU plant strenge Regeln fürs Netz. Was der Kids Act vorsieht, wie wirksam Altersgrenzen sind und was Sie als Eltern tun können.
Die EU plant strenge Regeln fürs Netz. Was der Kids Act vorsieht, wie wirksam Altersgrenzen sind und was Sie als Eltern tun können.
Wie von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen angekündigt, hat die EU-Kommission den sogenannten „Kids Act“ auf den Weg gebracht, der die Online-Sicherheit von Kindern in der Europäischen Union verbessern soll.
Damit setzt die EU um, was viele Eltern seit Monaten fordern, nämlich klare Altersgrenzen für soziale Netzwerke in der Europäischen Union.
Der Hintergrund ist ernüchternd: Nur etwa die Hälfte der neun- bis sechzehnjährigen Kinder in einer aktuellen europäischen Studie fühlt sich im Netz sicher. Cybermobbing, problematische Inhalte und manipulative Plattformmechanismen gehören zu den Risiken, denen Minderjährige dort begegnen.
Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker forscht und berät als Direktor des cyberintelligence.institute international zu Cybersicherheit, digitaler Resilienz sowie IT-Recht in China und den USA. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Nach den angekündigten Eckpunkten und dem bislang bekannt gewordenen Entwurf wird der Schutz nach Alter gestaffelt, statt pauschal zwischen Kindern und Erwachsenen zu unterscheiden.
Der eigentliche Kern liegt weniger in den Altersgrenzen als in Vorgaben zur Gestaltung der Dienste selbst. Nach dem bislang bekannt gewordenen Entwurf sollen Anbieter nachweisen, dass ihre Angebote für Minderjährige sicher sind. Empfehlungssysteme sollen sich an ausdrücklich geäußerten Interessen orientieren statt am Verhalten der Kinder, und endloses Scrollen sowie Belohnungen für häufiges Einloggen sollen untersagt werden.
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Käufe innerhalb von Apps sollen für Kinder klar erkennbar sein und dürfen nicht zu impulsivem Ausgeben verleiten. Diese Vorgaben würden unabhängig davon greifen, ob eine Altersprüfung zuverlässig funktioniert, und könnten deshalb mehr bewirken als die Altersgrenze allein.
Genau hier liegt die entscheidende Schwachstelle des Vorhabens. Australien hat im Dezember 2025 als erstes Land der Welt eine gesetzliche Altersgrenze von sechzehn Jahren für bestimmte soziale Netzwerke eingeführt, und die Bilanz ist ernüchternd, denn eine Studie der University of Newcastle kam im Juni 2026 zu dem Ergebnis, dass mehr als vier von fünf betroffenen Jugendlichen mindestens eine der betroffenen Plattformen weiterhin nutzten.
Dabei spielten unter anderem falsche Altersangaben, fremde Konten und andere Umgehungswege eine Rolle. Für jüngere Kinder, die solche Umwege seltener kennen, dürfte eine Altersgrenze dagegen wirksamer sein.
Auch Großbritannien zeigt, wie schwierig Alterskontrollen im Alltag umzusetzen sind. Seit dort im Sommer 2025 strengere Nachweispflichten für Erwachseneninhalte gelten, hat sich die Zahl der täglich aktiven Nutzer von VPN-Apps zunächst etwa verdoppelt.
Solche Dienste können Alterskontrollen umgehen, allerdings lässt sich bislang nicht zuverlässig feststellen, welcher Anteil dieses Anstiegs tatsächlich auf Jugendliche zurückgeht.
Um Altersgrenzen durchzusetzen, benötigen Plattformen verlässliche Nachweise, doch jede Altersprüfung wirft die Frage auf, wie viele persönliche Daten dafür nötig sind. Die EU will diesem Dilemma mit einem System aus zertifizierten Altersnachweisen begegnen, das mit der europäischen digitalen Identität kompatibel ist und auch über geprüfte unabhängige Anbieter funktionieren kann.
Die Plattform soll dabei nur erfahren, ob jemand eine Altersschwelle überschritten hat, nicht aber, wer die Person genau ist. Kritikerinnen und Kritiker aus mehreren Mitgliedstaaten warnen dennoch davor, dass mit dieser Infrastruktur schleichend Strukturen entstehen könnten, die sich später auch für andere Zwecke nutzen ließen.
Dem Entwurf zufolge müssten Eltern ihre Kinder kontrollieren und zugleich selbst einiges nachweisen – etwa, dass sie volljährig und sorgeberechtigt sind sowie wie alt ihr Kind ist.
Unabhängig davon, wann der Kids Act in Kraft tritt, müssen Sie als Eltern nicht auf Brüssel warten. Viele Plattformen bieten bereits heute Familienfunktionen, mit denen Sie Bildschirmzeiten begrenzen und Kontakte überprüfen können, und es lohnt sich, diese Werkzeuge aktiv einzurichten. Ebenso wichtig ist ein offenes Gespräch über die Risiken des Netzes, denn Australien zeigt, dass reine Verbote ohne Verständnis schnell umgangen werden.
Legen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind feste Zeiten fest, in denen Bildschirme tabu bleiben, besonders vor dem Schlafengehen und während der Schulzeit, und bleiben Sie im Gespräch darüber, was Ihr Kind online erlebt, ohne jeden Klick zu überwachen.
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