Das Gefühl der Scham kann bei Radikalisierungsprozessen eine Rolle spielen, gerade wenn sie unbewusst bleibt. Ebenso ist die Abwehr beziehungsweise das Aushalten von Scham ein Thema, wenn sich Menschen von extremistischen Strukturen distanzieren wollen, wie Mitarbeitende des Projekts nexus immer wieder erleben. Dass die Scham gesellschaftliche Relevanz hat, beleuchtet die 77. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V. Die Tagung beginnt morgen in Lindau am Bodensee und dauert noch bis Sonntag an.
Das Gefühl der Scham kann bei Radikalisierungsprozessen eine Rolle spielen, gerade wenn sie unbewusst bleibt. Ebenso ist die Abwehr beziehungsweise das Aushalten von Scham ein Thema, wenn sich Menschen von extremistischen Strukturen distanzieren wollen, wie Mitarbeitende des Projekts nexus immer wieder erleben. Dass die Scham gesellschaftliche Relevanz hat, beleuchtet die 77. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V. Die Tagung beginnt morgen in Lindau am Bodensee und dauert noch bis Sonntag an.
Radikalisierung und die Hinwendung zu radikalen Ideologien werden eher mit Affekten wie Wut oder Hass verbunden. Doch auch dem „leisen“ Affekt der Scham kommt Bedeutung zu: „Scham wird von extremistischen Gruppen genutzt, um Mitglieder zu rekrutieren und die Bindung an die Gruppe zu stärken“, betont die Diplom-Psychologin Dorothee Warth, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt nexus an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. nexus ist das bundesweit erste Beratungsprojekt in der Extremismusprävention, das dezidiert psychotherapeutisch arbeitet und dabei auch den psychodynamischen Ansatz nutzt. „Im Prozess der Deradikalisierung taucht die Scham wieder auf, die vorher abgewehrt wurde“, so Warth. Scham beziehungsweise „Scham-losigkeit“ ist das große Thema der 77. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V., die dieses Jahr vom 24. bis zum 27. September in Lindau am Bodensee stattfindet.
„Nicht ich bin minderwertig, sondern die anderen“
Scham ist schwer auszuhalten – gerade wenn Menschen häufig Beschämungen ausgesetzt sind –, denn die Scham wird meistens nicht nur auf ein bestimmtes Verhalten, sondern auf die gesamte Person bezogen. „Scham erzeugt den Eindruck: Ich bin grundlegend falsch. Radikale Gruppen bieten in diesem Moment einen Bewältigungsmechanismus an, indem sie suggerieren: Nicht du bist falsch, sondern die anderen“, erklärt die Psychoanalytikerin Warth. Nun kann die Scham im Außen platziert werden, was Projektion genannt wird: Die anderen sollten sich schämen. Diese psychische Entlastung durch die Gruppe müssen Menschen, die aus der extremistischen Szene aussteigen wollen, aufgeben. Und damit kommt die Scham wieder zurück. Aussteiger*innen verlieren den Halt der Gruppe, der ihr Selbst stabilisiert hat. „Mechanismen wie Spaltung, Verleugnung, Omnipotenz müssen zugunsten einer Auseinandersetzung mit Scham und Schuldgefühlen weichen, was psychotherapeutisch gut begleitet werden kann“, so Warth. „Das kann auch einer erneuten Radikalisierung vorbeugen.“
Das Projekt nexus, das vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sowie von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt gefördert wird, berät bundesweit nicht nur Betroffene und deren Angehörige, sondern auch Fachkräfte. In einer Befragung des Universitätsklinikums Ulm von 364 Fachkräften – davon drei Viertel psychologische Psychotherapeut*innen und ein Viertel Ärzt*innen –, gaben mehr als die Hälfte an, schon mal Klient*innen mit extremistischer Einstellung begleitet zu haben. Wie können sie gut behandeln, auch wenn es Unsicherheiten oder Berührungsängste gibt? „Beratung, Supervision, Intervision, Netzwerke und Literatur können für Unterstützung sorgen“, sagt nexus-Mitarbeiterin Warth. „Für alle beteiligten Berufsgruppen ist es wichtig zu verstehen, warum diese Person den Weg der Radikalisierung gegangen ist.“
Scham in Film, Kultur und Kunst wird auf der DGPT-Jahrestagung beleuchtet, etwa im Werk des Dichters und Grafikers William Blake, in den Filmen von Fritz Lang und Stanley Kubrick oder im Bereich der Kriegsfotografie: Fotografien, die zeigen, was Menschen anderen Menschen antun, können bei uns Schamgefühle hervorrufen und sie verletzen die Schamgrenzen derjenigen, die in ihrer Not gezeigt werden. Weitere Themen: Scham bei exzessivem Alkoholkonsum, die Scham im Zusammenhang mit der Klimakrise, Herkunftsscham bei russischstämmigen Menschen, Schamkonflikte im Alter und zwischen den Generationen, die Abwehr von Scham im „Dialog“ mit der KI, Körperscham in der digitalisierten Moderne.
Das gesamte Programm ist einsehbar auf: https://dgpt.de/dgpt-jahrestagung-2026
Während des Kongresses ist die DGPT erreichbar unter Tel. 030 887163950
Hinweis zur Teilnahme:
Journalistinnen und Journalisten können gerne nach vorheriger Anmeldung kostenlos teilnehmen.
Anmeldung:
Mandy Zenkner, Tel. 030 887163930, mandy.zenkner@dgpt.de
Weitere Informationen:
Dr. Felix Hoffmann, Tel. 030 887163930, psa@dgpt.de
Während des Kongresses ist die DGPT erreichbar unter Tel. 030 887163950
Buchhinweis:
Beiträge der DGPT-Jahrestagung 2025 zum Thema „Einsamkeit“ erscheinen im Oktober 2026 im Psychosozial-Verlag:
Birgit Jänchen-van der Hoofd, Christine Bauriedl-Schmidt, Rupert Martin (Hg.): „Einsamkeit – Psychoanalytische Impulse für eine interdisziplinäre Diskussion.“ Psychosozial-Verlag 2026.
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Ernährung / Gesundheit / Pflege, Gesellschaft, Kulturwissenschaften, Medizin, Psychologie
überregional
Wissenschaftliche Tagungen
Deutsch
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