Dawa Nurbu Sherpa harrt über 24 Stunden auf 7500 Metern aus – und verliert sieben Finger. Sein Schweizer Kunde appelliert an die Eigenverantwortung im Höhenbergsteigen.
Dawa Nurbu Sherpa harrt über 24 Stunden auf 7500 Metern aus – und verliert sieben Finger. Sein Schweizer Kunde appelliert an die Eigenverantwortung im Höhenbergsteigen.
Stephanie Geiger18.09.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

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Ein Bericht des «Everest Chronicle» hat in Nepal Empörung ausgelöst. Er beschreibt, wie der 26-jährige Dawa Nurbu Sherpa Mitte April gezwungen war, eine Nacht auf über 7500 Metern in einer Gletscherspalte an der Annapurna zu verbringen, nachdem er dem Schweizer Kunden seinen Sauerstoff überlassen hatte. Bei dem Kunden handelt es sich um den Glarner Bergführer Richard Bolt.
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Keystone
Laut dem Artikel wollte der nepalesische Guide ein früheres Wetterfenster nutzen, das auch andere Expeditionsgruppen gewählt hatten. Er hielt es für sicherer, an einem gefährlichen Achttausender wie der Annapurna mit anderen Bergsteigern unterwegs zu sein. Bolt jedoch habe darauf bestanden, einen Tag später, am 18. April, aufzusteigen. Der Schweizer habe «die Einsamkeit vorgezogen», ist zu lesen. Nachdem die beiden den Gipfel auf 8091 Metern erreicht hätten, sei Bolt beim Abstieg vorausgeeilt. Um seinen Begleiter habe er sich nicht gekümmert.
Wenig später bestieg Bolt einen weiteren AchttausenderFest steht, dass der Nepali beim Abstieg in Lebensgefahr geriet. Wegen der schlechten Sicht – und weil er einem Seil folgte, das er fälschlicherweise für ein Fixseil hielt. Das Wetter verschlechterte sich. Um sich vor dem Wind zu schützen, harrte er fast zwölf Stunden in einer Gletscherspalte aus. Insgesamt verbrachte er über 24 Stunden allein und orientierungslos auf 7500 Metern. Nach einem Hilferuf per Funk wurde er vom nepalesischen Bergführer Ashok Lama gefunden.
Dawa Nurbu mussten wegen starker Erfrierungen sieben Finger amputiert werden. Der im «Everest Chronicle» erhobene Vorwurf: Wären die beiden mit den übrigen Expeditionen und bei besseren Wetteraussichten aufgestiegen und wäre Bolt achtsamer unterwegs gewesen, wäre es nicht so weit gekommen.
Die Zeitung ordnet den Vorfall in eine grössere Entwicklung ein. Nepals Bergsteigerindustrie habe sich zu einem gut eingespielten Geschäft entwickelt, das in jeder Saison viel Geld einbringe und den Zugang zu den höchsten Gipfeln der Welt mit bemerkenswerter Effizienz verkaufe. Die Berge wüssten nicht, wer Kunde und wer Guide sei, schreibt die Zeitung. «Der Unterschied besteht darin, dass der eine in der Regel mit einem Gipfelfoto zurückkehrt. Der andere kehrt manchmal ohne sieben Finger zurück.»
Richard Bolts Ambitionen beschränkten sich nicht auf ein Gipfelfoto. Zurück im Annapurna-Basislager, machte er sich auf den Weg zum Makalu, mit 8485 m der fünfthöchste Berg der Welt. Am 3. Mai erreichte er den Gipfel. Zwei Tage später flog er mit dem Helikopter vom Makalu-Basislager nach Kathmandu. Dort schilderte er der Himalaja-Chronistin Billi Bierling von der Himalayan Database seine Sicht.
Der Nepali habe Fehler gemacht, sagt BoltBierling fasste seine Aussagen so zusammen: Am 18. April seien Bolt und Dawa Nurbu um 18 Uhr von Lager 3 aufgebrochen. Wetter und Bedingungen seien zu diesem Zeitpunkt gut gewesen. Beim Aufstieg sei Bolt seinem Guide etwas vorausgegangen. Als Dawa Nurbu den Gipfel erreicht habe, habe er weder Rucksack noch Sauerstoff bei sich getragen. Bierling schreibt: «Er hatte beides etwa 150 Höhenmeter unterhalb des Gipfels zurückgelassen, da es zu schwer war. Sie verbrachten etwa zehn Minuten auf dem Gipfel und begannen dann mit dem Abstieg.» Laut dem Bericht des «Everest Chronicle» standen die beiden circa um 7 Uhr auf der Annapurna.
Bolt sei vorangegangen und habe Dawa Nurbu schliesslich aus den Augen verloren, schreibt Bierling. Gegen Mittag habe er Lager 3 erreicht, doch Dawa Nurbu sei verschwunden geblieben: «Gegen 16 Uhr stieg Bolt etwa 500 Höhenmeter hinauf, um nach Dawa zu suchen, konnte ihn aber nicht finden. Er kehrte zum Lager zurück, wo er die Nacht verbrachte. Bolt hatte kein Funkgerät und konnte niemanden kontaktieren.»
Auf die telefonische Anfrage, ob er dem Bericht noch etwas hinzufügen wolle, antwortet Bolt knapp: «Dazu gibt es nichts zu sagen.» Nach einigem Insistieren äussert er sich doch: «Im Nachhinein sind da immer viele, die wissen, was war. Schlussendlich hat jeder Eigenverantwortung. Doch wenn etwas passiert, sind immer die anderen schuld. Dabei gibt es nicht immer einen Schuldigen. Es kann mal etwas schiefgehen. Es läuft nicht immer alles nach Plan.» Er bestreitet, Dawa Nurbus Sauerstoff genutzt zu haben: Er habe während der Expedition darauf verzichtet.
«Der Nepali hat Fehler gemacht», sagt Bolt. «Im Höhenbergsteigen ist jeder für sich selbst verantwortlich. Man braucht Erfahrung, um richtige Entscheidungen zu treffen. Fehler können sich auswirken.» Und er betont: «An der Annapurna I war ich als zahlender Gast der nepalesischen Agentur 8K unterwegs. Dabei wurde mir von der Agentur die Begleitung durch einen erfahrenen und gut ausgebildeten Sherpa zugesichert.»
Der Retter wollte beinahe aufgebenAshok Lama hat Dawa Nurbu Sherpa am 20. April gerettet. In der Himalayan Database steht, dass er zuerst per Funk versuchte, Dawa Nurbu die Abstiegsroute zu erklären, was misslang. Deshalb wurde Ashok von einem Helikopter, der aus Kathmandu geschickt wurde, zum Lager geflogen. Ashok Lama sei von dort aus weiter aufgestiegen, um nach Dawa Nurbu zu suchen. Er wollte beinahe aufgeben. Da kam der vermisste Sherpa von oben auf ihn zu. «Er war sichtlich verwirrt, und seine Hände waren stark erfroren», zitiert der Bericht Ashok Lama. Gemeinsam stiegen sie zum Lager 3 ab.
Den weiteren Ablauf schildert Ashok Lama so: «Als ich Dawa Nurbu oberhalb von Lager 4 gefunden hatte, begleitete ich ihn hinunter zu Lager 3. Am nächsten Tag holte ihn der Helikopter ab und flog ihn zum Basislager und nach Pokhara. Es bedurfte keiner Hilfe mehr durch Richard.»
Bevor er nach Dawa Nurbu gesucht habe, habe er Bolt angetroffen, sagt er: «Er war in Lager 3, als ich mit dem Helikopter abgesetzt wurde. Er wartete auf Dawa.» Hat der Schweizer nach dem Sherpa gesucht? «Nicht, als ich ihn dort traf. Ich habe ihm etwas Saft und einen Apfel gegeben und ihm gesagt, er solle zum Basislager absteigen.» Daraufhin verliess Bolt das Lager.
Viele Kunden sind unerfahrenDer Fall ruft die Frage nach der Eigenverantwortung in den hohen Bergen auf. «Am Berg sollte man als Team unterwegs sein. Selbst wenn ein Kunde seinem Climbing Sherpa nicht unmittelbar helfen kann, sollte er zumindest ein Funkgerät dabeihaben, um im Notfall Hilfe zu rufen», sagt Bierling.
Das Problem sei jedoch oft, dass viele der Kunden in den Bergen unerfahren seien und ihrem Climbing Sherpa nicht helfen könnten, sollte dieser in Schwierigkeiten geraten. Und: «Viele gehen davon aus, dass Sherpas unerschöpflich belastbar sind und keine Hilfe benötigen. Dabei geht vergessen, dass auch sie an ihre körperlichen Grenzen stossen oder in Not geraten können.»

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Richard Bolt schreibt: «Er hat sieben Finger verloren, aber er lebt. Ich bin froh, dass das Leben von Dawa Nurbu Sherpa gerettet werden konnte. Seit der Expedition im Frühling 2026 war ich regelmässig im Kontakt mit Dawa Nurbu. Im Oktober werde ich wieder nach Nepal reisen und mich mit Dawa Nurbu Sherpa und seiner Familie treffen. Dabei ist das Ziel, die Zukunft von Dawa Nurbu und seiner Familie zu sichern. Zusammen mit der Agentur 8K übernehmen wir Verantwortung. Wir werden ein Unterstützungsprogramm erarbeiten, damit die Familie und Dawa Nurbu trotz seinem Handicap ein gutes Leben haben werden.»
Schon in der Schweiz, wo der Sozialstaat gut ausgebaut ist, ist es eine Herausforderung, plötzlich nur noch drei Finger zu haben. In Nepal ist die Situation ungleich schwieriger.
In einer früheren Version des Artikels hiess es, Dawa Nurbu habe Rucksack und Sauerstoff 1500 Höhenmeter unter dem Gipfel liegen lassen. Gemäss der Chronistin Billi Bierling tat er das 150 Höhenmeter unter dem Gipfel. Wir haben das Zitat korrigiert.