Trifft ein unerfahrener Gast auf einen unerfahrenen Guide, sind die Risiken hoch. Gefragt ist mehr Eigenverantwortung.
Trifft ein unerfahrener Gast auf einen unerfahrenen Guide, sind die Risiken hoch. Gefragt ist mehr Eigenverantwortung.
Stephanie Geiger16.08.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

PD
Es ist der Albtraum jedes Bergsteigers: erschöpft oder hilflos an einem Berg zurückzubleiben. Vielleicht sogar an einem hohen Berg, wo die Temperaturen oft weit unter dem Gefrierpunkt liegen und es unerlässlich ist, viel Flüssigkeit zu sich zu nehmen, um der Höhenkrankheit vorzubeugen. Wenn zudem der Flaschensauerstoff zur Neige geht, kann die Lage in der Höhe schnell lebensgefährlich werden.
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Hillary Dawa Sherpa hat genau das erlebt. Der 52-Jährige war in diesem Frühjahr zum ersten Mal am Mount Everest. Ursprünglich wurde er als Koch für das Lager 2 engagiert. Dann sollte er aber einen erkrankten Climbing-Sherpa ersetzen. Ende Mai machte sich Hillary Dawa Sherpa mit zwei Männern aus Polen und Grossbritannien sowie einem weiteren Sherpa auf den Weg Richtung Everest-Gipfel. Den Gipfel erreichten sie nicht. Beim Abstieg kam Hillary Dawa Sherpa in Schwierigkeiten und blieb oberhalb von 7400 Metern zurück.
Im Lager 2, in dem sie zum ersten Mal Funkkontakt ins Basislager hatten, meldeten sich die zwei ausländischen Bergsteiger bei ihrer Agentur und erklärten, dass von Hillary Dawa Sherpa jede Spur fehle. So erzählen sie es im Nachhinein. Doch niemand kümmerte sich um den verschwundenen Sherpa. Es vergingen sechs Tage, bis ein Heli-Suchflug gestartet wurde.
Es grenzt an ein Wunder, dass eine Gruppe von Einheimischen, die den Müll der Expeditionen wegräumte, den zurückgelassenen Sherpa, eine Woche nachdem er zuletzt gesehen worden war, in einem zerschlissenen Daunenanzug, ohne Stiefel und mit Erfrierungen an den Fingern unterhalb des gefährlichen Khumbu-Eisbruchs fand.

Navesh Chitrakar / Reuters
Anderer Berg, ähnlicher Fall: Südöstlich des Mount Everest liegt der 8485 Meter hohe Makalu. Der technisch anspruchsvolle, fünfthöchste Berg der Welt sollte der erste Achttausender von Konstantin Smirnow werden. Der Russe war mit dem Nepali Bhajuram Gurung unterwegs. In einem Bericht des Portals Explorersweb schildert Smirnow, dieser habe auf ihn den Eindruck eines Trekking-Guides gemacht und nicht den eines Guides für hohe Berge.
Sämtliche Finger der linken Hand müssen amputiert werdenGemeinsam stiegen sie auf den Gipfel. Mehr als eine Stunde blieb Smirnow dort oben, deutlich länger als normal. Erst dann begann er gemeinsam mit seinem Guide den Abstieg. Doch Smirnow kam nur langsam voran. Weil offenbar der Sauerstoff zur Neige ging, verliess ihn der Guide, um schneller zum Lager 3 in 7500 Metern Höhe abzusteigen. Dass sein Kunde noch weiter oben ist, berichtete er aber niemandem, auch bat er nicht um Hilfe.
Bis zum Lager schaffte Smirnow es nicht. Die Nacht verbrachte er unter freiem Himmel. Am frühen Morgen drückte er den SOS-Knopf an seinem Satelliten-Kommunikationsgerät und setzte so die Rettungskette in Gang. Die Folgen dieser Nacht sind gravierend: Sämtliche Finger an Smirnows linker Hand sind erfroren. Sie mussten amputiert werden.
Vorfälle wie diese werfen Fragen auf: Wieso sind am Mount Everest die ausländischen Bergsteiger und die einheimischen Begleiter nicht als Gruppe zusammengeblieben? Wieso hat die Expeditionsagentur nach dem Verschwinden von Hillary Dawa Sherpa nicht umgehend einen Sucheinsatz in Gang gesetzt? Und wieso hat der Guide am Makalu niemanden darüber verständigt, dass sein Kunde in Schwierigkeiten geraten sein könnte?

Privat
Nachfrage bei Ralf Dujmovits. Der Deutsche gehörte als Gründer von Amical alpin zu den ersten Anbietern von kommerziellen Expeditionen weltweit. Wie müssen Kunden und Guides in solchen Fällen agieren? «Bei gefährlichen Bedingungen oder wenn die körperliche Sicherheit des Gastes gefährdet erscheint, auch wegen eines zu langsamen Aufstiegstempos oder wegen ausgehenden Sauerstoffs als Folge, ist der Bergführer verpflichtet, rechtzeitig umzukehren oder die Tour abzubrechen.»
Den Bergführer und erfahrenen Höhenbergsteiger Dujmovits entsetzt in diesem Zusammenhang besonders, wie uneinsichtig der Russe offensichtlich ist. Der will nämlich gegen den nepalesischen Expeditionsveranstalter und den einheimischen Guide eine Klage anstrengen. Dabei, sagt Dujmovits, sollte jeder Teilnehmer einer Achttausender-Expedition nicht nur in der Lage sein, selbständig vernünftige Entscheidungen zu treffen, sondern er bleibe zudem für seine körperliche Verfassung, seine Ausrüstung und sein Verhalten mitverantwortlich. Und schon gar nicht dürfe er die Rettung als selbstverständlich voraussetzen. «Konstantin Smirnow hatte mit seiner fragwürdigen Vorerfahrung am Makalu nichts verloren.»
Dass einem in einem solchen Ausmass wie Smirnow die Finger erfrören, könne man als erfahrener Expeditionsteilnehmer mit mehr Eigenverantwortlichkeit und umfangreicher Erfahrung weitestgehend ausschliessen. Smirnow habe das Risiko komplett an den ebenfalls unerfahrenen Sherpa-Guide delegiert.
Je günstiger, desto gefährlicherEin unerfahrener Gast trifft auf einen unerfahrenen Guide. Beim Höhenbergsteigen ist das eine toxische Allianz. Lukas Furtenbach sieht darin ein strukturelles Systemversagen. Der Expeditionsveranstalter aus Innsbruck sagt: «Wenn wir ehrlich sind, sagen uns Fälle wie der am Makalu und der am Everest, dass bei nepalesischen Billiganbietern genau so etwas immer wieder passiert. Manchmal sterben Menschen, manchmal verlieren sie nur ihre Finger, manchmal haben sie Glück. Aber es passiert laufend und ausschliesslich bei diesen Veranstaltern. Betroffen sind deren Kunden wie auch deren Sherpas.»
Billi Bierling, Bergsteigerin und Leiterin der Himalayan Database, bestätigt das. Wenn ein besonders günstiger Expeditionsanbieter gewählt werde, komme es deutlich häufiger zu derartigen Problemen. «Ich denke, dass sich Kunden vor der Expedition ehrlich fragen sollten, welche Fähigkeiten sie selbst mitbringen und wie viel Unterstützung sie am Berg tatsächlich benötigen.» Es mache eben einen Unterschied, ob eine Expedition 35 000 oder 70 000 Dollar koste.
«Natürlich werden in solchen Fällen die Veranstalter zur Verantwortung gezogen. Gleichzeitig tragen aber auch die Kunden Verantwortung. Sie sollten sich nicht nur ehrlich einschätzen, sondern sich auch erkundigen, wie erfahren ihr Climbing-Sherpa tatsächlich ist», sagt Bierling. Viele gingen fälschlicherweise davon aus, dass in Nepal jeder Guide automatisch auch ein guter Bergsteiger oder gar ein ausgebildeter Bergführer sei. Das sei jedoch längst nicht immer der Fall.
An diesem Problem dürften auch die neuen Regeln für den Mount Everest nichts ändern. Nepal plant im Rahmen einer Reform des Tourismusgesetzes drastische Verschärfungen für den Mount Everest hinsichtlich der Erfahrung der Expeditionsteilnehmer. Jeder, der ein Everest-Permit beantragt, muss vorher einen 7000er bestiegen haben.
Gegenüber den einheimischen Expeditionsagenturen bleibt der Gesetzesvorschlag aber vage. Statt einheimische Agenturen mehr in die Pflicht zu nehmen, werden die Hürden für ausländische Veranstalter und Bergführer erhöht, die mit höheren Sicherheitsstandards zu Werk gehen. So wird überlegt, dass künftig sämtliche Funktionen einer Expedition – von Guides über Expeditionsärzte bis hin zu Fotografen und weiterem Personal – ausschliesslich von nepalesischen Staatsbürgern ausgeübt werden. Gleichzeitig wird vorgeschlagen, dass Expeditionen ihre Versicherungen über lizenzierte nepalesische Versicherungsunternehmen abschliessen müssen.
Eine Lösung, die die Sicherheit an den Achttausendern in Nepal wirklich verbessert, scheint nicht in Sicht.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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