Es ist ein kleines Wunder, dass der mythische Tessiner Dorfklub auch 2026 noch in der National League spielt. Aber die finanzielle Lage ist prekär, die Lizenzkommission der Liga ist besorgt. Der neue Präsident Davide Mottis versucht, Optimismus zu versprühen.
Es ist ein kleines Wunder, dass der mythische Tessiner Dorfklub auch 2026 noch in der National League spielt. Aber die finanzielle Lage ist prekär, die Lizenzkommission der Liga ist besorgt. Der neue Präsident Davide Mottis versucht, Optimismus zu versprühen.
13.09.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

Andrea Branca / Ti-Press / Keystone
Es gibt sie, die ermunternden Augenblicke. Der Aufmarsch am 29. August, als 3500 Menschen zur traditionellen Präsentation der Mannschaft nach Ambri fuhren. Aber vor allem, um sich selbst und den Mythos HC Ambri-Piotta zu feiern. Wer im Leben nicht mehr viel spürt, sollte ebenfalls dahin reisen und sich davon betören lassen, wie die Curva Sud «La Montanara» intoniert, die Berglerhymne, die seit Jahrzehnten bei jedem Sieg des ewigen Underdogs erklingt.
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Die Gelegenheiten, die «Montanara» zu singen, sind selten geworden. Ambri ist ein Modernisierungsverlierer, eigentlich ist es ein Wunder, dass der Klub im Jahr 2026 noch in der höchsten Liga spielt. Die Dörfer Ambri und Piotta zählen je weniger als 200 Einwohner; die letzte gewonnene Play-off-Serie datiert aus der Saison 1999/2000 als die grösste Sorge der Welt darin bestand, dass es zum Millenniumssilvester möglicherweise zu einer Computerapokalypse kommen könnte. Seit 2007 hat Ambri die Play-offs noch zwei Mal erreicht. Es ist eine desillusionierende Bilanz.
Trotzdem haben wieder mehr als 5000 Menschen ein Saisonabonnement gekauft, für viel Geld – Ambri verlangt mit die höchsten Preise der National League. Sie eilen aus der Deutschschweiz herbei, aus Italien, und natürlich aus der Leventina – der Klub ist der Stolz dieser strukturschwachen Region. Ambri ist ein Kulturgut, ein Pilgerort für Romantiker mit sagenumwobenem Ruf weit über die Landesgrenzen hinaus. In der Fankurve wehen die Konterfeis von Geronimo, von Che Guevara. Es ist ein Ort für Träumer, für Rebellen, für Unangepasste. Auch wenn der Charme unter dem Umzug aus der Trutzburg Valascia in die sterile, stromlinienförmige Gottardo-Arena gelitten hat.
«Besorgniserregend» findet die Lizenzkommission Ambris finanzielle SituationDas von Mario Botta konzipierte, 2021 eröffnete Stadion hätte Ambris Transformationsprozess in die Moderne beschleunigen sollen. Aber fünf Jahre nach dem Einzug ist der Bau vor allem: ein Klotz am Bein. 22 Millionen Franken betragen die Hypothekarschulden, Zweit- und Fremdveranstaltungen gibt es praktisch nicht. Es ist sehr herausfordernd, die Arena kostendeckend zu bewirtschaften.
Die neue Führung um den Präsidenten Davide Mottis hat kürzlich die Modalitäten mit den vier involvierten Banken nachverhandeln müssen. Denn der Klub ächzt unter akuten Liquiditätsproblemen. Die Lizenzkommission der National League hat in der Kommunikation mit dem Verein das Wort «besorgniserregend» verwendet.
Denn Ambri muss nicht nur die Hypothek abbezahlen. Die drängendsten Verbindlichkeiten waren Ausstände bei den Sozialversicherungen – sie sind im Sommer beglichen worden. Offen sind knapp drei Millionen Franken an Covid-Krediten an den Bund. Dazu gibt es etliche Privatpersonen, die ihre Darlehen zurückfordern, unter ihnen auch der ehemalige Präsident Filippo Lombardi, bei dem die Rede von 750 000 Franken ist. Die Familie eines ehemaligen Verwaltungsratsmitglieds drängt ebenfalls auf eine Rückzahlung. Insgesamt belaufen sich die Schulden auf etwas weniger als 30 Millionen Franken. Es ist unklar, wie Ambri diesen Betrag je abzahlen soll. Die sportlich arg enttäuschende Saison 2025/26 schloss die HCAP-Gruppe mit einem konsolidierten Verlust von 848 093 Franken ab.
Anruf bei Mottis, 58, dem Tessiner Anwalt, der den ebenso rührigen wie umstrittenen Lombardi im Februar an der Spitze abgelöst hat. Er hat eine lange Vergangenheit im Eishockey. Er führte einst das Swiss-League-Team Ticino Rockets (heute: Bellinzona Snakes) und war zuletzt an der Spielervermittlungsagentur IQ Sports Management des Ex-Ambri-Trainers Serge Pelletier beteiligt. Mit dem Beginn seines Mandats in Ambri hat Mottis seine Aktien verkauft. Hinter ihm liegen bewegte Monate. Hat er sich die Aufgabe anders vorgestellt, einfacher? «Ich bin sicher ein bisschen überrascht, weil es mehr Probleme gibt, als ich dachte», sagt er. Und ergänzt: «Die Liquidität macht uns zu schaffen. Aber wir werden das unter Kontrolle bringen. Es gibt viel Leidenschaft, Energie und Zuversicht. Das macht Mut und gibt uns die Kraft, den Weg weiterzugehen.»
Mottis zerstreut auch die in letzter Zeit aufgetauchten Gerüchte, wonach Ambri manche Grosssponsoren brieflich darum gebeten habe, die vereinbarten Zahlungen doch bitte schon per Ende August zu begleichen. Und dass die aktuellen Mittel schon im November erschöpft sein könnten. «Stimmt beides nicht», sagt der Präsident.
Der Massnahmenkatalog des Verwaltungsrats umfasst unter anderem den über Nacht beschlossenen Rückzug des defizitären Frauenteams – der Sportdirektor Lars Weibel war die treibende Kraft hinter dem Entscheid. Weibel, 52, stand schon während seiner Tätigkeit als Director National Teams bei Swiss Ice Hockey nie im Verdacht, ein Förderer des Frauen-Eishockeys zu sein. Er drängt, das ist zu hören, darauf, dass die Mittel für die erste Mannschaft erhöht werden, am liebsten von neun auf elf Millionen Franken. Gemäss Mottis wird sie in der am Dienstag beginnenden Saison aber weniger kosten als im Vorjahr. Das ist den Sparzwängen geschuldet, dem Drang zur Sanierung. Und auch eine Spätfolge des Covid-Kredits, der an Auflagen geknüpft war. Vor wenigen Tagen verpflichtete Ambri mit dem schwedischen Verteidiger William Worge Kreü einen Ersatz für den verletzten Abwehrchef Jesse Virtanen. Der Vertrag ist auf drei Monate begrenzt, Mottis sagt: «Einen siebten Ausländer können wir uns nur temporär leisten.»
Irgendwer wird die Rechnungen schon bezahlenFinanzielle Linderung soll eine weitere Aktienkapitalerhöhung schaffen, sie ist in Ambri über die Jahre zu einem vertrauten Mechanismus geworden. Der treue, leidensfähige Anhang hat immer wieder tapfer Geld gesammelt. Cornelio Valsangiacomo, der Grossaktionär, Gönner und Inhaber des Kaffeegiganten Chicco d’oro, hat dem Klub oft aus der Patsche geholfen. Im 21. Jahrhundert war das de facto der Modus Operandi des Vereins: «Es wird schon gut kommen, irgendjemand wird die Rechnungen schon bezahlen.» Ambri lebte von der Hand in den Mund. Nicht zuletzt deshalb hat sich nun diese finanzielle Bugwelle aufgetürmt.
Was helfen würde, ist eine sportliche Hausse. Aber das Team befindet sich in einem Umbruch, die Abwehr ist miserabel besetzt. Es wäre ein Erfolg, könnte Ambri den neuerlichen Sturz in die Play-outs verhindern. Die Situation ist delikat, auch auf dem Transfermarkt. Die Hoffnungsträger Miles Müller und Manix Landry haben für 2027/28 bereits in Lausanne unterschrieben. Dario und Philip Wüthrich könnten dem Vernehmen nach die nächsten Abgänge werden. Mottis und seiner Crew geht die Arbeit nicht aus. «Dort, wo in blauen Fernen die Welten entschwinden, möcht’ ich dich wiederfinden, mein unvergessenes Glück», heisst es in der «Montanara» übersetzt. Die Hoffnung auf bessere Zeiten stirbt in Ambri zuletzt.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»