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Mit 20 zum Tode verurteilt, mit 50 hingerichtet? Der US-Gliedstaat Tennessee will erstmals seit 200 Jahren wieder ein Todesurteil gegen eine Frau vollstrecken

Дата публикации: 30-09-2026 20:29:00

Christa Pike ermordete 1995 eine Klassenkameradin. Nach 30 Jahren im Todestrakt soll sie nun per Giftspritze hingerichtet werden. Die Tat ist unbestritten. Dennoch wirft der Fall grundsätzliche Fragen auf.

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Mit 20 zum Tode verurteilt, mit 50 hingerichtet? Der US-Gliedstaat Tennessee will erstmals seit 200 Jahren wieder ein Todesurteil gegen eine Frau vollstrecken

Christa Pike ermordete 1995 eine Klassenkameradin. Nach 30 Jahren im Todestrakt soll sie nun per Giftspritze hingerichtet werden. Die Tat ist unbestritten. Dennoch wirft der Fall grundsätzliche Fragen auf.

30.09.2026, 22.29 Uhr

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Christa Pike nach ihrer Verurteilung im März 1996. Damals war sie 20 Jahre alt.

Christa Pike nach ihrer Verurteilung im März 1996. Damals war sie 20 Jahre alt.

AP

Soll Christa Pike hingerichtet werden? Über diese Frage diskutieren die USA seit Tagen. Am Mittwoch wollte der Gliedstaat Tennessee die 50-Jährige per Giftspritze hinrichten. Pike sitzt seit über 30 Jahren im Todestrakt. Es wäre die erste Hinrichtung einer Frau in Tennessee seit mehr als 200 Jahren. Gouverneur Bill Lee lehnte am Montag ihr letztes Gnadengesuch ab. Ihre Anwälte kämpften dennoch um einen weiteren Aufschub. Zunächst mit Erfolg.

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Kurz vor der geplanten Tötung funkte am Mittwochmorgen ein Berufungsgericht dazwischen. Es ordnete einen «kurzfristigen Aufschub» der Hinrichtung an. Einen konkreten Zeitrahmen nannte das Gericht nicht. Die zum Tode verurteilte Pike habe Zweifel an der Rechtmässigkeit des vorigen Verfahrens dargelegt, die nun geprüft werden müssten, entschied das Gericht. Zentraler Punkt dabei ist die gerichtliche Würdigung der Traumata, die Pike laut eigenen Angaben als Kind erlitt. Die Generalstaatsanwaltschaft legte umgehend Berufung beim Obersten Gerichtshof ein. Dieses gab dem Bundesstaat noch am Mittwoch recht und setzte den Vollstreckungsstopp ausser Kraft. Damit darf die Hinrichtung Pikes vollzogen werden.

Der Fall Pike ist einer der umstrittensten Kriminalfälle der jüngeren amerikanischen Geschichte. Die Tat ist unbestritten, und sie war brutal. Doch über die angemessene Strafe gehen die Meinungen weit auseinander.

Kopf eingeschlagen und ein Pentagramm in die Brust geritzt

1996 verurteilte ein Gericht die damals 20-Jährige wegen Mordes zum Tod. Im Januar 1995 hatte sie gemeinsam mit ihrem damals 17-jährigen Freund ihre Klassenkameradin Colleen Slemmer getötet. Slemmer besuchte wie Pike das Knoxville Jobs Corps Center, ein Berufsausbildungsprogramm für junge Erwachsene aus schwierigen Familienverhältnissen. Zwischen Slemmer und Pike herrschten Spannungen. Pike beschuldigte Slemmer, sie wolle ihr den Freund ausspannen.

Am Abend des 12. Januar 1995 lockten Pike, ihr damaliger Freund Tadaryl Shipp und ihre beste Freundin Shadolla Peterson Slemmer in ein abgelegenes Waldstück. Dort wollten sie Marihuana rauchen und Frieden schliessen. Stattdessen misshandelten und ermordeten Pike und Shipp Slemmer, während Peterson Schmiere stand. Die Tat sorgte wegen ihrer Brutalität für Aufsehen. Pike und Shipp ritzten ein Pentagramm, ein sternförmiges Symbol satanischer Rituale, in die Brust des Opfers. Schliesslich schlug Pike Slemmer mit einem Stück Asphalt auf den Kopf und tötete sie. Ein Bruchstück des Schädels nahm sie als Trophäe in ihrer Jacke mit.

Pike prahlte später gegenüber Bekannten mit der Tat und zeigte ihnen das Schädelstück. Die Polizei nahm die drei Verdächtigen daraufhin rasch fest. Zwei Tage nach dem Mord legte Pike ein umfassendes Geständnis ab. Sie habe Slemmer lediglich verängstigen wollen, sagte sie. Dann sei die Situation «ausser Kontrolle geraten».

Im März 1996 fand der Prozess statt. Das Gericht verurteilte die damals 20-jährige Pike wegen Mordes zum Tode. Damit gehörte sie zu den jüngsten Frauen, die in den USA eine solche Strafe erhielten. Seither befindet sie sich im Gefängnis in Nashville in Einzelhaft unter Hochsicherheitsbedingungen.

Sexueller Missbrauch und Traumata

Dass Pike seit 30 Jahren im Todestrakt sitzt, liegt daran, dass ihre Anwälte über Jahrzehnte hinweg sämtliche Rechtsmittel, Berufungen und Anträge ausgeschöpft haben. In den USA sind solche langen Verfahren üblich, weil Todesurteile zahlreiche Instanzen auf Gliedstaats- und Bundesebene durchlaufen. Bei Pike zog sich das Verfahren besonders lange hin.

Die für den 30. September angesetzte Hinrichtung sorgte in den USA für Proteste. Der Fall wirft grundlegende Fragen auf: Wo liegt die Altersgrenze für die Todesstrafe? Wie schwer wiegt eine traumatische Kindheit bei der Strafzumessung? Und kann sich ein Mensch nach 30 Jahren im Todestrakt grundlegend verändern?

Pikes Verteidiger stellen vor allem ihr Alter zum Zeitpunkt der Tat und ihre schwierige Kindheit ins Zentrum. Sie verweisen auf psychische Erkrankungen und darauf, dass ihre Mandantin als Kind vernachlässigt, schwer missbraucht und mehrfach vergewaltigt worden sei. Den damaligen Pflichtverteidigern werfen sie vor, diese Vorgeschichte im Prozess 1996 zu wenig berücksichtigt zu haben. Spätere Diagnosen stellten bei Pike eine bipolare Störung und eine posttraumatische Belastungsstörung fest.

In ihrem jüngsten Gnadengesuch erklärten Pikes Anwälte, ihre unbehandelte psychische Erkrankung und ihre Vorgeschichte hätten sie daran gehindert, die Kontrolle über die damalige Tat zu behalten. Sie suche keine Vergebung für ihre Taten. Vielmehr bitte sie aus Gnade darum, ihre Todesstrafe in eine lebenslange Haftstrafe umzuwandeln. Ihre Anwälte verweisen dabei auch auf den Mittäter Tadaryl Shipp. Er war zum Zeitpunkt der Tat 17 Jahre alt und erhielt deshalb eine lebenslange Haftstrafe.

Die Anwälte berufen sich zudem auf die Entwicklung der Rechtsprechung seit Pikes Verurteilung. 2005 verbot der amerikanische Supreme Court die Todesstrafe für Menschen, die bei ihrer Tat jünger als 18 Jahre waren. Das Gericht begründete den Entscheid unter anderem mit der geringeren Reife Jugendlicher und ihrer grösseren Fähigkeit zur Veränderung. Die Grenze zog es beim 18. Geburtstag.

Pike war bei ihrer Tat wenige Monate älter als Shipp. Er war 17 und konnte deshalb nicht zum Tode verurteilt werden. Pike war 18 und erhielt die Todesstrafe. Ihre Anwälte halten diese scharfe Altersgrenze angesichts neuer Erkenntnisse über die Entwicklung junger Menschen für überholt. Sie argumentieren, dass sich Reife, Impulskontrolle und Veränderungsfähigkeit nicht exakt mit dem 18. Geburtstag veränderten.

Die Mutter des Opfers will «Gerechtigkeit»

Pike äusserte sich im letzten Gnadengesuch reumütig. Sie sei «psychisch krank» gewesen. Es habe Jahre gedauert, bis sie das ganze Ausmass ihrer Tat begriffen habe. «Und es ging noch länger, bis ich akzeptierte, wie viele Leben ich beeinflusst hatte. Ich habe das Leben eines Kindes, einer Schwester, einer Freundin genommen. Es macht mich krank, wenn ich daran denke, dass ich zu einem solchen Verbrechen fähig war.» Sie würde alles ungeschehen machen, wenn sie könnte. «Ich bin nicht mehr annähernd dieselbe Person wie vor 30 Jahren.»

Die Mutter des Opfers hat Pike bis heute nicht verziehen. «Niemand könnte mich jemals davon überzeugen, dass sie sich verändert hat», sagte May Martinez der «New York Times». Ihre Tochter habe nie die Chance gehabt, erwachsen zu werden. Bereits 1996 sagte sie in amerikanischen Medien, man solle Pike «sofort töten».

Martinez will nach Tennessee reisen, wo Pike am Mittwoch um 10 Uhr hingerichtet werden soll. Die Argumente gegen die Vollstreckung des Urteils überzeugen sie nicht. Dazu gehört etwa der Hinweis, dass Pike ihre Familie nie mehr sehen oder gemeinsam mit ihr essen könne. Genau das habe auch ihre Tochter nicht mehr erleben können. Martinez wünscht sich deshalb die Hinrichtung per Giftspritze. Darauf habe sie jahrzehntelang gewartet. «Vielleicht erfahren wir nun endlich Gerechtigkeit.»

In den vergangenen Tagen hatten auch Amnesty International und ein Gremium von Uno-Menschenrechtsexperten Tennessee aufgefordert, die Hinrichtung zu stoppen. Der Staat habe Christa Pike als Kind nicht den Schutz gewährt, den sie gebraucht habe, heisst es in einer Petition. Pike ist laut Angaben der offiziellen Webseite der Regierung von Tennessee die einzige Frau, die derzeit im Todestrakt des Gliedstaates eine Strafe verbüsst.

In Nashville protestieren am 27. September Gegner der Todesstrafe.

In Nashville protestieren am 27. September Gegner der Todesstrafe.

George Walker IV / AP

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