Die gestiegenen Anleiherenditen zeigen, wie nervös die Finanzmärkte sind. Ludwig Straub nennt vor seinem Auftritt beim Deutschland-Gipfel die Gründe – und erklärt die Folgen.

Harvard-Professor Ludwig Straub kommt aus dem bayerischen Freising und forscht in den USA zur Staatsverschuldung. Foto: PR
WirtschaftsWoche: Herr Straub, die Finanzmärkte senden gerade einige Warnsignale. Die Renditen der Staatsanleihen steigen, der Euro hat an Wert verloren und der Ölpreis verharrt auf hohem Niveau. Fürchten Sie eine neue Eurokrise?
Ludwig Straub: Bedenklich finde ich vor allem die Situation in Frankreich. Die französische Regierung hat ihren fiskalischen Spielraum fast vollständig aufgebraucht und wird sich zunehmend schwerer tun, neue Schulden aufzunehmen. Denn jeder zusätzliche Euro Neuverschuldung, würde die Zinskosten für alle anderen Schuldpapiere in die Höhe treiben. Ab jetzt werden alle neuen Ausgaben von den Anleihemärkten bestraft.
Warum spitzt sich die Lage in der EU gerade jetzt zu?
Wenn die Wachstumsrate eines Landes unter das Zinsniveau fällt – also unter den Preis, zu dem sich die Regierung verschulden kann –, dann kann das zu einem Problem werden. Denn langfristige Haushaltsdefizite sind dann nicht mehr möglich.
Das ist besonders akut in Frankreich, wo die zehnjährigen Staatsanleihen mittlerweile Renditen von über 4,5 Prozent aufweisen, aber die nominale Wachstumsrate bei etwa zwei Prozent liegt. In Deutschland liegen die zehnjährige Anleiherendite und die nominale Wachstumsrate etwa gleichauf bei 3,5 Prozent. Aber selbst das ist eine enorme Veränderung im Vergleich zur Zeit vor der Coronapandemie, wo die deutschen Zinsen jahrelang bei null lagen.
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