Der Ifo-Chef warnt im Gespräch mit dem Handelsblatt vor einer Verschärfung der Anleihekrise und erwartet eine Rückkehr der Euro-Krise.

Ifo-Präsident Clemens Fuest Foto: dpa
Herr Fuest, die Anleihemärkte sind in Aufruhr, weltweit ziehen die Renditen kräftig an. Ist das der Beginn einer neuen Ära, einer neuen Zinswelt?
Ja. Die Phase extrem niedriger Zinsen, die mit der Finanzkrise begann, ist meines Erachtens vorbei. Hohe öffentliche und private Kreditnachfrage, Angebotsverknappung bei Energie und anderen Gütern, aber auch der KI-Boom treiben derzeit gleichermaßen Inflation und Zinsen. Der Realzinsanstieg ist allerdings deutlich geringer als der Nominalzinsanstieg, weil die Inflation zunimmt.
Was bedeutet der Renditeanstieg für die Schuldenentwicklung in den großen Industriestaaten? Sind die Schulden in den USA, Frankreich, Großbritannien und Italien noch tragbar? Und wie lange noch?
Die Schulden sind so lange tragbar, wie die Investoren das Vertrauen nicht verlieren. Dieses Vertrauen erodiert derzeit aber. Dauerhaft ist die Fortsetzung der aktuellen Verschuldungspolitik nicht durchzuhalten.
Wie schätzen Sie die Lage in Europa ein? Droht eine Rückkehr der Euro-Krise?
Ja, aber es wird eine andere Euro-Krise sein als beim letzten Mal. Dieses Mal steht Frankreich im Mittelpunkt. Wenn die Zinsen auf französische Staatsanleihen weiter steigen, wird die EZB intervenieren. Da die Inflation derzeit anders als in der letzten Euro-Krise hoch ist, sind die Spielräume der EZB geringer.
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