Kammerata Luxembourg ist ein Ensemble in wechselnden Besetzungen. Ist es nicht manchmal schwierig, für die jeweiligen Produktionen die passenden Musikerinnen und Musiker zu finden? Die variable Besetzung ist für uns zugleich Chance und Herausforderung. Sie erlaubt uns, jedes Projekt auf das jeweilige Repertoire, den Spielort und die künstlerische Idee zuzuschneiden. Je nach Programm reicht das […]
Kammerata Luxembourg ist ein Ensemble in wechselnden Besetzungen. Ist es nicht manchmal schwierig, für die jeweiligen Produktionen die passenden Musikerinnen und Musiker zu finden?
Die variable Besetzung ist für uns zugleich Chance und Herausforderung. Sie erlaubt uns, jedes Projekt auf das jeweilige Repertoire, den Spielort und die künstlerische Idee zuzuschneiden. Je nach Programm reicht das Spektrum von einer kleinen kammermusikalischen Formation bis hin zu größeren Besetzungen.
Zum Glück verfügt Luxemburg ebenso wie die Großregion über ein ausgesprochen dichtes Netzwerk hervorragender Musikerinnen und Musiker. Im Laufe der Jahre sind zudem enge künstlerische Beziehungen entstanden, die von gegenseitigem Vertrauen geprägt sind. Dadurch können wir auch sehr spezifische Besetzungen zusammenstellen und Projekte realisieren, die jenseits der üblichen Formate liegen.
Natürlich kann die Terminplanung manchmal zum regelrechten Puzzle werden – insbesondere dann, wenn mehrere Institutionen ihre Spielzeiten auf dieselben Zeiträume konzentrieren. Damit müssen wir umgehen. Letztlich gehört diese Flexibilität aber zu unserer Identität. Sie ermöglicht uns, ungewöhnliche Besetzungen auszuprobieren, unterschiedliche musikalische Persönlichkeiten zusammenzubringen und Repertoire zu entdecken, das man vielleicht nicht unbedingt erwartet.
Wie würden Sie die Situation der Kammermusik in Luxemburg beschreiben?
Ich finde sie ausgesprochen spannend – auch weil Kammermusik längst nicht mehr nur in der Hauptstadt stattfindet. Inzwischen gibt es ein gut ausgebautes Netzwerk aus Sälen, Kulturzentren und Partnerinstitutionen, das es ermöglicht, Kammermusik im ganzen Land zu präsentieren.
Für uns ist das zentral. Kammermusik lebt von Nähe. Ob wir in einem Schloss, einem Museum, einem Kulturzentrum oder einem kleinen, intimen Saal spielen, macht einen großen Unterschied. Jeder Ort schafft eine andere Beziehung zum Publikum und damit auch einen anderen Zugang zur Musik.
Hinzu kommt Luxemburgs Lage im Herzen der Großregion. Für Musikerinnen und Musiker sind die Grenzen sehr durchlässig, und dadurch können wir mit Künstlerpersönlichkeiten aus ganz unterschiedlichen Ländern und musikalischen Kontexten arbeiten. Diese Offenheit möchten wir fördern, gleichzeitig aber auch den Künstlerinnen, Künstlern und Kulturschaffenden, die hier in Luxemburg leben und arbeiten, eine wichtige Rolle geben.
Ich glaube, die besondere Stärke der Kammermusik in Luxemburg liegt genau darin, Brücken zu bauen: zwischen Institutionen und Generationen, zwischen Künstlerinnen und Künstlern aus Luxemburg und solchen aus dem Ausland – und nicht zuletzt zwischen unterschiedlichen Publikumsgruppen.
Kammerata Luxembourg (c) Bohumil KostohryzSie veranstalten klassische Konzerte, engagieren sich aber ebenso für das junge Publikum. Was bedeutet diese Arbeit für Sie?
Das junge Publikum ist für uns ein eigenständiger künstlerischer Schwerpunkt und keineswegs nur ein pädagogisches Zusatzprogramm zu den „eigentlichen“ Konzerten. Im Gegenteil: Aus der Begegnung mit Kindern können wir selbst sehr viel lernen. Sie zwingt uns dazu, unmittelbarer und spontaner zu sein und unsere Art, Musik zu vermitteln und Geschichten zu erzählen, immer wieder neu zu hinterfragen.
In den vergangenen Jahren waren Den Aaron an d’Geheimnis vun der Fieder, D’Faarwemonster, Till Eulenspiegel einmal anders und Coppélia für uns besonders schöne Erfahrungen. Lesung, Komödie, Tanz und die jeweils ganz eigenen Welten dieser Projekte eröffnen einen sehr natürlichen Zugang zu Musik, Bewegung, Theater und Fantasie.
In dieser Saison stehen außerdem Kinnekskannerschoul in Vianden sowie Kichegerabbels auf dem Programm. Letzteres, das in Koproduktion mit der Tanz- und Theaterkompanie KoplaBunz entsteht, richtet sich gezielt an Menschen aus dem Autismus-Spektrum und verfolgt das Ziel, den Zugang zu Kultur barriereärmer und inklusiver zu gestalten. Gerade dieses Projekt liegt uns durch einen intensiven Kontakt mit den Kindern besonders am Herzen. Der direkte und unmittelbare Austausch mit den Kindern verändert die gesamte Dynamik der Begegnung.
Dabei geht es uns nicht darum, Musik für Kinder zu vereinfachen. Vielmehr suchen wir nach den richtigen Zugängen. Eine Geschichte, eine Figur, ein ungewöhnliches Instrument, Bewegung oder Humor können Türen zur Musik öffnen.
Das Schöne daran ist, dass dieser Prozess in beide Richtungen funktioniert: Wenn wir einen neuen Weg finden, Kindern Musik näherzubringen, entdecken wir oft selbst neue Facetten eines Werkes.
Ihre Saison führt an eine bemerkenswerte Vielfalt von Spielorten: Schloss Vianden, Schloss Bourglinster, Schloss Aspelt, das Musée municipal de Luxembourg, das CAPE in Ettelbruck, das Kulturhaus Niederanven, den Cube 521 und das Kinneksbond Mamer. Die Philharmonie fehlt in dieser Aufzählung. Ist das eine bewusste Entscheidung?
Ich würde nicht von einer bewussten Ausklammerung sprechen. Die Philharmonie ist selbstverständlich eine zentrale Institution der Luxemburger Musiklandschaft, und wir hatten bereits mehrfach die Gelegenheit, dort eigene Projekte zu präsentieren. Unser Jubiläumskonzert im September 2025 fand beispielsweise im Rahmen der Reihe Fräiraim statt – mit der Weltpremiere von Olivier Dartevelles Un certain Docteur Ox… und dem Nonett von George Onslow.
Gleichzeitig gehört es zu den Grundprinzipien von Kammerata, die eigene Tätigkeit nicht auf einen einzigen Ort zu konzentrieren. Unsere Identität ist wesentlich durch die Präsenz an unterschiedlichen Orten im ganzen Land geprägt, und diese geografische Vielfalt ist uns sehr wichtig.
Wir möchten nicht, dass Kammermusik ausschließlich mit einem bestimmten Saaltyp oder einem bestimmten Publikum verbunden wird. Jeder Ort hat seine eigene Akustik, Geschichte und Atmosphäre – und natürlich sein eigenes Publikum. All das beeinflusst sowohl unsere Interpretation als auch die Art und Weise, wie ein Werk wahrgenommen wird.
Unser aktueller Spielplan spiegelt diese Haltung wider: mit Projekten in Vianden, Bourglinster, Niederanven, Ettelbruck, Marnach, Mamer und Luxemburg-Stadt.
Und es gibt noch einen weiteren wichtigen Aspekt: Wir möchten zum Publikum gehen, anstatt immer darauf zu warten, dass das Publikum zu uns kommt. Gerade bei Projekten für Kinder und Jugendliche spielt das eine entscheidende Rolle.
Die Philharmonie und die anderen Kulturinstitutionen verstehen wir deshalb keineswegs als geografische Konkurrenz. Jede Institution hat ihre eigene Aufgabe und Identität. Wir möchten vielmehr unseren eigenen Akzent setzen und unseren Beitrag zur vielfältigen Musiklandschaft Luxemburgs leisten.
Sandrine CantoreggiAuf den ersten Blick scheint Ihre Programmgestaltung vor allem von Vielfalt geprägt zu sein. Eine eindeutige programmatische Linie ist nicht sofort erkennbar. Wie entsteht eine Kammerata-Saison?
Das ist eine interessante Beobachtung, denn tatsächlich ist die Vielfalt bei uns selbst eine Art roter Faden. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir wahllos programmieren.
Wir suchen vor allem nach Begegnungen: zwischen Werken und Epochen, zwischen Instrumenten und Künstlerpersönlichkeiten, aber auch zwischen Künstlern und Publikum. Genau in diesem Sinne sind auch die vier Gäste dieser Saison zu verstehen, die ganz unterschiedliche musikalische Welten repräsentieren: Carolina Eyck am Theremin, Hany Heshmat an der Gitarre, Guilhaume Santana am Fagott und Andreas Mader am Saxophon.
Diese vier Künstler zeigen sehr gut, wie wir eine Saison denken. Theremin, Gitarre, Fagott und Saxophon eröffnen jeweils ganz unterschiedliche Klangwelten und führen zu verschiedenen Repertoires. Gleichzeitig erlauben sie uns, den manchmal etwas vorhersehbaren Rahmen der klassischen Kammermusik zu verlassen und die Neugier des Publikums zu wecken.
Wir versuchen außerdem, Bekanntes mit Entdeckungen zu verbinden. Ein Werk von Schubert kann neben einer zeitgenössischen Uraufführung stehen. Ein Instrument, das vielen noch wenig vertraut ist, kann zum Ausgangspunkt eines ganzen Programms werden. Und ein Projekt wie Coppélia führt uns wiederum zu Tanz, Bewegung und zum jungen Publikum.
Wir suchen also nicht unbedingt nach einem einzigen großen Thema, das über der gesamten Saison steht. Uns geht es eher um eine innere Verbindung – um die Neugier, die die einzelnen Projekte miteinander verbindet.
Jedes Konzert soll seine eigene Identität haben. Gleichzeitig soll die gesamte Saison Lust darauf machen, von einer Entdeckung zur nächsten weiterzugehen. Vielleicht ist genau das unser eigentlicher roter Faden: nicht stehen zu bleiben, weiterzusuchen, zu überraschen – und uns dabei auch selbst immer wieder überraschen zu lassen.
Welche Botschaft möchten Sie dem Publikum vor allem mitgeben?
Dass Kammermusik eine lebendige, offene und zugängliche Kunstform ist.
Sie schafft eine außergewöhnliche Nähe zwischen den Musikerinnen und Musikern, den Werken und dem Publikum. Jeder Atemzug, jede musikalische Geste, jede Interaktion zwischen den Ausführenden kann unmittelbar wahrgenommen werden. Diese Nähe schafft etwas ganz Besonderes, beinahe Intimes – und genau das steht im Zentrum unserer Arbeit.
Man muss weder Musikgeschichte studiert haben noch über eine musikalische Ausbildung verfügen, um sich auf ein Konzert einzulassen. Manchmal genügt es, neugierig zu sein und sich überraschen zu lassen.
Auch deshalb sind uns die Vielfalt der Spielorte, der Künstlerinnen und Künstler und der Projekte so wichtig. Ein Kind in Vianden, ein Publikum in einem Schloss, ein Besucher im Museum, ein Mensch mit besonderen Bedürfnissen oder ein erfahrener Konzertgänger – sie alle sollen ihren eigenen Zugang zur Musik finden können.
Und wir möchten daran erinnern, dass klassische Musik nicht einfach ein Repertoire der Vergangenheit ist. Sie wird bis heute geschaffen, weiterentwickelt, verändert und tritt immer wieder in einen Dialog mit anderen Kunstformen und musikalischen Welten.
Unser Anspruch ist letztlich ganz einfach: Jede Begegnung mit Kammerata Luxembourg soll zu einer Entdeckung werden können – eines Werkes, eines Instruments, einer Künstlerin oder eines Künstlers oder manchmal einfach einer neuen Art zuzuhören.
Darum geht es uns: Bewegung zu schaffen.