Sardinen enthalten viele Nährstoffe, etwa Omega-3-Fettsäuren. Was im Körper passiert, wenn man 1000 Stück in 30 Tagen isst, hat ein Harvard-Forscher getestet.
Sardinen gelten als Superfood – sie enthalten viele Nährstoffe, etwa Omega-3-Fettsäuren. Was passiert, wenn man nur noch Sardinen zu sich nimmt, hat Harvard-Forscher Nick Norwitz getestet.
Sardinen in Dosen waren lange das, was man Notproviant nennt: praktisch, günstig, eiweißreich – aber wenig glamourös. Doch was jahrzehntelang in Vorratskammern verstaubte, gilt heute als Delikatesse in Spitzenrestaurants. In sozialen Netzwerken avancierten sie zeitweise sogar zum viralen Trend – #Sardinesummer. Die Nachfrage ist stark gestiegen – und trifft mittlerweile auf ein schrumpfendes Angebot: Vor Marokko sind die Fangmengen eingebrochen, das Land hat den Export weitgehend gestoppt. Bei Aldi, Lidl und anderen Lebensmittelketten stehen Kunden derzeit regelmäßig vor leeren Regalen – Lidl bestätigte der Deutschen Presseagentur: „Aktuell kann es aufgrund einer steigenden Nachfrage nach Sardinen punktuell zu Verfügbarkeitseinschränkungen kommen.“ Schuld seien rückläufige Fangmengen.
Was den Hype trägt, ist vor allem die Idee vom schlichten, gesunden Leben – befeuert durch den Ruf der Sardine als Superfood. Denn die kleinen Fische sind ein kompaktes Nährstoffpaket – reich an Omega-3, Eiweiß und Mineralstoffen.
Wie weit sich dieser Kult treiben lässt, zeigt ein Selbstexperiment von Harvard-Forscher Nick Norwitz: Er lebte einen Monat lang fast nur von Sardinen, einem „natürlichen Proteinriegel und Multivitaminpräparat in einem“, wie er sagt. Was das mit seinem Stoffwechsel, seiner Fett- und Muskelmasse und den Blutwerten machte, hat er in einem YouTube-Video dokumentiert – genauso wie die erstaunlichen Nebenwirkungen.
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Norwitz' Ansatz war recht simpel: Für 30 Tage aß er täglich 100 Gramm Sardinen pro 50 Pfund (etwas über 22 Kilogramm) Körpergewicht. Zusätzlich trank er Wasser und ergänzte die etwas einseitige Ernährung mit Elektrolyten. In der Ernährungsszene ist das bekannt als Sardinen-Fasten. Fans erhoffen sich davon die Vorteile des klassischen Fastens, ohne aber dabei Muskelmasse zu verlieren. Denn durch die Sardinen bekomme der Organismus genügend essenzielle Aminosäuren und Mikronährstoffe, um Muskelabbau zu begrenzen – bleibe aber hormonell in einem Zustand, der Prozesse wie Autophagie, den zellulären „Recyclingmechanismus“, aktiviert.
Bereits in der ersten Woche verlor Norwitz tatsächlich nach eigener Aussage fast drei Kilogramm Körpergewicht, ohne an Kraft einzubüßen. „Ich fühle mich großartig, energiegeladen, stark und während des Trainings wirklich leicht. Außerdem fühle ich mich ziemlich gut in Form“, beschreibt er die erste Woche.
Doch das Experiment brauchte schnell eine Korrektur. Gegen Ende der ersten Woche merkte Norwitz, dass seine Leistungsfähigkeit drastisch nachließ. Die vermutete Ursache: Die Diät lieferte zwar Protein und Omega-3-Fettsäuren, aber zu wenig Gesamtfett. Erst als er begann, seine Mahlzeiten mit einigen Teelöffeln Olivenöl, etwas Kokosöl oder MCT-Öl (Extrakt aus Kokosöl) zu ergänzen, stabilisierte sich sein Energielevel spürbar.
Deswegen warnt er Personen mit ohnehin geringem Körperfettanteil davor, das Experiment ohne zusätzliche Fette durchzuführen. Der Körper signalisiere dann: „Hey, hör zu. Ignoriere die Internet-Influencer. Du hast bereits wenig Energiereserven und gespeichertes Fett, und evolutionär gesehen ist das nicht gut.“ Das schade mehr, als dass es nützt.
Nicholas Norwitz hat zu Stoffwechselwissenschaften an der Universität Oxford promoviert und hat Medizin an der Harvard Medical School studiert. Auf YouTube teilt er extreme Selbstexperimente. Wichtig dabei: Norwitz ernährt sich auch abseits der Experimente streng kohlenhydratarm und besonders fettreich. Er zählt zu den sogenannten „Lean Mass Hyper Respondern“, wie er selbst berichtet. Diese reagieren auf eine ketogene Ernährung mit ungewöhnlichen Cholesterinwerten, was die Ergebnisse seiner Ernährungsexperimente nicht immer auf andere Menschen übertragbar macht.
Ernährungsphysiologisch haben die kleinen Fische tatsächlich einiges zu bieten. Da sie meist mit Haut und Gräten gegessen werden, liefern sie nicht nur hochwertiges, gut verwertbares Protein, sondern auch eine ungewöhnlich hohe Dichte an Nährstoffen. Das zeigt zum Beispiel eine große Übersichtsarbeit aus Brasilien. Demnach sind ganze Sardinen reich an:
Auch Vitamin B12, Vitamin D, Selen und das Coenzym Q10 sind enthalten. „Sardinen sind so etwas wie das natürliche Kind eines Proteinriegels und eines Multivitamins, das im Meer lebt“, fasst Norwitz zusammen.
Zurück zum Experiment: Auch den Rest des Monats hat sich Norwitz nach eigenen Angaben gut gefühlt. Nach einigen Wochen beobachtete er noch einen bemerkenswerten Effekt an sich selbst: „Ich bin kälteresistent. Mir ist einfach nicht mehr kalt, besonders draußen“, berichtet er im Video – selbst bei Temperaturen von -1 Grad Celsius. Hinter dem Effekt vermutet er die hohen Mengen an Omega-3-Fettsäuren, die er durch die Sardinen-Diät zu sich nahm.
Sein Bluttest zeigte tatsächlich einen erhöhten Omega-3-Index – der Wert gibt an, wie hoch der Anteil dieser Fettsäuren in den roten Blutkörperchen ist. Der Referenzbereich für eine optimale Versorgung eines Erwachsenen liegt bei etwa acht bis elf Prozent. Norwitz hingegen lag nach seinen Angaben bei rund 16 Prozent: „Meine Werte waren buchstäblich jenseits der Skala“, sagt er.
Bei Großen Tümmlern liegt der Index laut einer Studie tatsächlich eher bei etwa 20 Prozent. Ob sich die von Norwitz gefühlte Kälteresistenz darauf zurückführen lässt, ist unklar. Allerdings gibt es tatsächlich Studien, die darauf hinweisen, dass Omega-3-Fettsäuren Einfluss auf die Wärmeentstehung im Körper nehmen.
Ernährungsexperten sehen das Sardinen-Fasten mit gemischten Gefühlen. Die Vorteile der Fische – insbesondere ihr hoher Omega-3-Gehalt und ihre Nährstoffdichte – sind gut belegt. Gleichzeitig warnen Fachleute vor extrem einseitigen Diäten. Wer über Wochen nur ein Lebensmittel isst, riskiert Mängel bei
Hinzu kommen die Gefahren einer Überdosierung mit Omega-3-Fettsäuren – dieser Fall ist von Nahrungsergänzungsmitteln, etwa in Form von Fischölkapseln, bekannt. Die europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA sah etwa in einer Stellungnahme von 2012 die Aufnahme von bis zu fünf Gramm der Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA (in Kombination) für gesunde Erwachsene als unbedenklich an.
Bei der Empfehlung von täglich 100 Gramm Sardinen pro 50 Pfund Körpergewicht ist also schon Vorsicht geboten: Bei einem durchschnittlichen Omega-3-Gehalt von etwa 1,5 Gramm auf 100 Gramm, würde die EFSA-Grenze bei einer 80-Kilogramm-Person überschritten werden.
Bei einer dauerhafte Überdosierung können laut EFSA folgende Probleme auftreten:
Bei Menschen mit Vorerkrankungen können noch viel weitreichendere Folgen auftreten. Es gibt Studien die darauf hinweisen, dass eine gesteigerte Omega-3-Aufnahme durch Nahrungsergänzungsmittel mariner Herkunft mit einem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern einhergeht. Unter der höchsten getesteten Dosis von vier Gramm pro Tag war das Risiko am größten.
So positiv die gesundheitlichen Effekte für Norwitz zunächst ausfielen, so unangenehm war eine Begleiterscheinung. Norwitz berichtet, dass er im Laufe des Experiments zunehmend nach Fisch roch – selbst Stunden nach dem Essen.
Er habe den Geruch regelrecht über die Haut abgegeben: „Ich verströmte sogar dann noch eine Sardinen-Aura, wenn ich nüchtern war und mir die Zähne putzte, bis mein Zahnfleisch um Gnade winselte“, berichtet er. Das habe nicht nur für irritierte Reaktionen in seinem Umfeld gesorgt, sondern auch für Spannungen in seiner Beziehung – für ihn eine unerwartete, aber sehr reale Konsequenz der extremen Ernährung.
Norwitz selbst empfiehlt daher eher kurze, zwei- bis dreitägige Fastenphasen. Damit das gelingt, hat er konkrete Tipps:
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Dadurch, dass Norwitz den Sardinen das Öl hinzugefügt hat, folgte er beinahe den Prinzipien der sogenannten „Keto-Diät“. Durch den nahezu vollständigen Verzicht auf Kohlenhydrate geriet Norwitz’ Körper während des mehrwöchigen Experiments in den Zustand der Ketose. Anstelle von Kohlenhydraten zieht er dann sogenannte Ketonkörper als Energiequelle heran. Diese bildet die Leber aus Fettreserven und Nahrungsfetten.
Dieser Stoffwechselmodus wird mit einer
in Verbindung gebracht. Dadurch, dass der Körper seine Kohlenhydratspeicher leert, wird auch Wasser frei. Genau wie Norwitz verlieren viele in den ersten paar Tagen etwa zwei bis drei Kilogramm Körpergewicht.
Als langfristige Ernährungsform wird sie abgesehen von Ausnahmefällen jedoch nicht empfohlen, da häufig wichtige Nährstoffe fehlen. Im Übrigen droht auch hier Gestank: Die Ketonkörper, die über Urin, Stuhl, Atem und die Schleimhäute abgegeben werden, sorgen bei vielen für einen acetonartigen Körpergeruch.
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