In der Kirche Wipkingen werden Kinder und Jugendliche bald zu Mittag essen und Bücher wälzen. Ein Augenschein im umgebauten Gotteshaus.
In der Kirche Wipkingen werden Kinder und Jugendliche bald zu Mittag essen und Bücher wälzen. Ein Augenschein im umgebauten Gotteshaus.

Andreas Becker / Keystone
«Ich lebe noch!», sagt Balthasar Glättli, als er nach seiner ersten Pressekonferenz als Schulvorsteher der Stadt Zürich nach seinem Befinden befragt wird. Der grüne Stadtrat muss lachen dabei. Es ist weiterhin heiss am Dienstag, dem zweiten Tag nach dem Ende der mehrtägigen Hitzewelle vom Juni 2026. Glättli steht mit Strohhut im neuen «Sommersaal» der Kirche Wipkingen, auf einem Parkett aus massiver Fichte. Im Sommer nicht klimatisiert, im Winter nicht beheizt – man weiss grad nicht, welches Szenario mehr Durchhaltewillen erfordert.
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Der Boden liegt auf halber Höhe des Kirchenschiffs, das Deckengewölbe ist ungewohnt nah. Hier – auf einer zusätzlichen Etage, die man kurzerhand eingebaut hat – könnte tatsächlich entstehen, was die Vertreter der Stadt an diesem Medientermin immer wieder betonen: ein neues Raumgefühl im reformierten Gotteshaus, das seit 2019 profanen Zwecken dient. Gepredigt wird in der Kirche Wipkingen nicht mehr.
Zu steil die Treppe hinunter zur Rosengartenstrasse. Und ja: zu wenige Gläubige, die den Gottesdienst hoch über der lärmigen Verkehrsachse besuchten, hiess es am Dienstag von Vertretern der reformierten Kirche Zürich. Aber keine Sorge: Man habe mehr als genug Kirchen in der Stadt. Und so sind Stadt und reformierte Kirche bereits seit Jahren dabei, «Projekte von allgemeinem Nutzen» gemeinsam zu fördern, wie es das städtische Amt für Hochbauten etwas verklausuliert formulierte.

Andreas Becker / Keystone
Konkret heisst das: Die Kirche Wipkingen stellt ihren einstigen Sakralbau der benachbarten Schule Waidhalde zur Verfügung. Nach den Sommerferien werden in der umgebauten Kirche eine Bibliothek, Verpflegungs- und Betreuungsräume für die Tagesschule, ein Mehrzwecksaal im Erdgeschoss und darüber – im «Sommersaal» – ein weiterer offener Raum für Veranstaltungen der Schule und der Bevölkerung in Betrieb gehen.
Die Bauarbeiten dauerten knapp eineinhalb Jahre. Die Stadt investierte rund 9,3 Millionen Franken. Kredit und Zeitplan dazu konnten eingehalten werden, wie die Verantwortlichen am Dienstag weiter mitteilten. Der Mietvertrag zwischen Stadt und Kirche gilt vorerst für fünfzehn Jahre mit Option auf Verlängerung von zweimal fünf Jahren.
Das Ziel des Vorhabens: Dank den zusätzlichen Räumlichkeiten in der Kirche sollen auf dem eigentlichen Schulgelände drei Klassenzimmer frei werden für ordentlichen Unterricht. In der Waidhalde gehen über sechshundert Kinder und Jugendliche zur Schule. Die Schule bietet Morgentische, Mittags- und Abendhorte an. Dort wurden die Schülerinnen und Schüler bisher «eng» betreut – diese räumliche Situation dürfte sich nun merklich entspannen, wie Gabriela Rothenfluh (SP) sagte, die Präsidentin der Kreisschulbehörde Waidberg.
Besprechungen mit dem Personal der Schule hätten bisher in der Turnhalle stattgefunden – im Winter hätten die Mitarbeitenden mitunter in Daunenjacken ausharren müssen, so Rothenfluh weiter. Solche Szenen sollen sich im neuen Mehrzwecksaal nicht wiederholen. Man wähnt sich in einem Holzwürfel: Täfer an den Wänden, Täfer an der Decke. Hier soll im Sommer niemand schwitzen und im Winter niemand frieren müssen.

Andreas Becker / Keystone

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Dass man sich tatsächlich in einer Kirche befindet, ist kaum auszumachen. Wäre da nicht eine Glastür hinter dem Podium mit den beiden Stadträten Tobias Langenegger (Hochbau, SP) und dem bereits erwähnten Mann mit Strohhut, Balthasar Glättli (Grüne). Hinter dieser Tür steht, für alle Anwesenden der Pressekonferenz gut sichtbar: die Kanzel. Die Botschaft, so muss man unweigerlich denken – besser zuhören, was die Herren Neo-Stadträte zu verkünden haben.
Glättli sagte: «Zürich ist noch nicht gebaut.» Gefragt seien Lösungen nicht aus Beton, sondern solche «mit Hirn: Wir müssen phantasievoll bauen.» Was der Schulvorsteher damit unterstreichen wollte: Der Umbau der Kirche Wipkingen zu einem weiteren Schulgebäude ist reversibel. Sollten die Schülerzahlen den «Anbau» im Gotteshaus einst obsolet machen, könnte man ihn wieder entfernen, ohne die Bausubstanz in Mitleidenschaft zu ziehen. Aber: In Wipkingen und in der umliegenden Nachbarschaft sei mittelfristig mit steigenden Zahlen zu rechnen. Schulraumplanung habe von Quartier zu Quartier zu erfolgen – nicht pauschal mit Blick auf die ganze Stadt.
Langenegger betonte: «Wir müssen Schule neu denken – und unkonventionell bauen.» Der neue Hochbauvorsteher hielt ein kleines Plädoyer für «kreative Umnutzungen» bestehender Bauten. Und für «nachhaltige» Bauweisen. Ein passendes Beispiel dazu: Das Holz der nicht mehr verwendeten Kirchenbänke wurde benutzt, um die Nebenräume der künftigen Tagesschule zu täfern. Und, ein kleiner Seitenhieb an starre Vorgaben, die allzu viele Bauprojekte in der Stadt Zürich im Keim ersticken: «Denkmalschutz schützt nicht vor Nutzung», sagte Langenegger. Will heissen: Die Kirche Wipkingen wird eine neue Bestimmung erhalten – trotz schützenswertem Äusseren.
Michael Hauser von der reformierten Kirchgemeinde wagte gar einen missionarischen, wenn auch nicht ganz ernst gemeinten Ausblick: Die Mitgliederzahlen der Reformierten würden ansteigen, wenn Schülerinnen und Schüler in der Waidhalde in einem solchen Gebäude sozialisiert würden.
Auch sonst gaben sich die Beteiligten locker, demütig gar. Auf die Frage, was er zu diesem Projekt beigetragen habe, sagte Glättli ohne Umschweife: «Nichts.» Aber als Grüner freue er sich trotzdem darüber. Und: Gross werde man bekanntlich auf den Schultern von Riesen. Als neuer Schulvorsteher der Stadt Zürich trete er in grosse Fussstapfen – aber auch in bequeme, die er eines Tages auszufüllen gedenke. Die Einführung der Tagesschulen dürfte hier noch einiges zu tun geben. In allen städtischen Schulen ausgerollt sein soll das neue Betreuungskonzept erst im Jahr 2030.

Andreas Becker / Keystone