Die Primarschule Wyden geriet im Frühling in die Schlagzeilen – wegen einer Handvoll Kinder, die andere Schüler und Lehrer terrorisierten. Die Schulleitung schaute lange zu. Doch jetzt gab es Konsequenzen.
Die Primarschule Wyden geriet im Frühling in die Schlagzeilen – wegen einer Handvoll Kinder, die andere Schüler und Lehrer terrorisierten. Die Schulleitung schaute lange zu. Doch jetzt gab es Konsequenzen.

Illustration Pauline Martinet / NZZ
Es müssen unhaltbare Zustände gewesen sein an der Primarschule Wyden in Winterthur Wülflingen. «Körperliche Gewalt gehört zum Alltag» an der Schule, heisst es in einem Brief, den «alarmierte Eltern» Anfang Jahr verfasst und der zuständigen Leiterin Bildung sowie der Stadträtin Martina Blum geschickt hatten, der damaligen Schulvorsteherin von den Grünen. Die Liste der aufgeführten Übeltaten hat es in sich: treten, würgen, Schläge ins Gesicht. Kinder würden regelmässig über längere Zeit in den Schwitzkasten genommen und die Treppe hinuntergestossen. Es komme auch zu Diebstählen und Sachbeschädigungen.
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Der Vater eines Fünftklässlers sagt im Gespräch mit der NZZ: Sein Kind sei geschlagen, mit Unihockeyschlägern verprügelt und mit Eisblöcken beworfen worden. Er und seine Frau haben das Schreiben mitunterzeichnet damals, genauso wie etwa 60 weitere Personen. In dem Primarschulhaus mit Kindergarten am Stadtrand gehen 240 Kinder zur Schule. Lehrerinnen und Lehrer bestätigten ihre Wahrnehmungen, schreiben die besorgten Eltern. Ihr Hilferuf dürfte breit abgestützt gewesen sein.
Die Winterthurer Schule setzt auf das Prinzip von altersdurchmischten Klassen: Erst- bis Drittklässler werden gemeinsam unterrichtet, Viert- bis Sechstklässler ebenso. Eltern berichten deshalb von einem «strukturellen Problem»: Jüngere Kinder beobachteten, dass Fehlverhalten älterer Schülerinnen und Schüler «ohne spürbare Konsequenzen» bleibe. Lehrpersonen verliessen aus Hilflosigkeit das Schulzimmer, viele Kinder hätten resigniert. Von der Schulleitung, die man bereits mehrfach auf das Treiben einzelner Unruhestifter hingewiesen habe, fühle man sich nicht ernst genommen.
Daher steht für die unterzeichnenden Eltern fest: «Handeln ist aus unserer Sicht dringend notwendig. Es brennt.»
Die Verantwortlichen reagierten. Im Februar teilte die Leiterin Bildung in einem Elternbrief mit, dass die Schule die Probleme mit externer Unterstützung in den Griff bekommen wolle. Die Angeschriebenen wurden gebeten, einen Fragebogen auszufüllen.
Das Ergebnis der Umfrage, das vor ein paar Wochen kommuniziert wurde: Auf dem Pausenplatz fühlen sich viele Kinder unwohl. Also wurde die Aufsicht verdoppelt. Für einzelne Schüler wurde zudem ein Sozialkompetenztraining angeordnet, Schüler und Eltern sollten einen «Wyden-Kodex» unterschreiben.
Hinweise auf die Lage an der Winterthurer Schule gibt es auch im Evaluationsbericht der kantonalen Fachstelle für Schulbeurteilung, die die Primarschule im vergangenen Schuljahr unter die Lupe genommen hatte. Bei der Frage, ob die Schüler «freundlich miteinander» umgingen, erzielte die Schule bei Viert- bis Sechstklässlern und Eltern unterdurchschnittliche Werte. Ebenfalls bemängelt wurde, dass es keine klaren Konsequenzen bei Regelübertretungen gebe. Eine einheitliche Durchsetzung dieser Regeln fehle häufig.
Der Vater des Fünftklässlers beschreibt es so: Ihnen sei immer wieder gesagt worden: Man habe es im Griff. Oder: Die Möglichkeiten der Schulleitung seien erschöpft. Man solle Anzeige bei der Jugendpolizei der Stadt einreichen.
Mit solchen Erklärungen indes wollten sich die Urheber des elterlichen Hilferufs nicht abfinden. Und so kam es, wie es in verfahrenen Situationen häufig kommt: Der Brief wurde den Medien zugespielt. Die Lokalausgabe der Tamedia-Zeitungen schrieb von der «Problemschule in Winterthur». «Schläge, Vandalismus, Todesdrohungen» lautete die Schlagzeile bei «20 Minuten».
Dem Nachrichtenportal lag Mitte April auch eine Stellungnahme von Eltern vor. Die Vorfälle an der Schule seien «nicht oder nur lückenhaft» aufgearbeitet worden, heisst es darin. Auch sei man über die Zustände am Schulhaus Wyden nicht ausreichend informiert worden. Das Winterthurer Schuldepartement versuchte zu beschwichtigen: «Wo nötig, wurden disziplinarische Massnahmen angeordnet», liess man «20 Minuten» damals wissen.
Zu Fragen der NZZ wollten die Schulleitung, die Leiterin Bildung und die neue Schulvorsteherin, Romana Heuberger von der FDP, in der vergangenen Woche keine Stellung nehmen. Gewalt an Schulen sei ein relevantes Thema. Aber es betreffe die ganze Gesellschaft, nicht nur eine einzelne Winterthurer Schule, teilte das Schuldepartement mit.
Gleichwohl gibt es Anzeichen dafür, dass die Schule Wyden den Tiefpunkt dieser Krise hinter sich haben könnte. Der Vater des Fünftklässlers sagt im Gespräch: Seit den Frühlingsferien habe sich die Lage beruhigt. Einer der Unruhestifter sei Ende April an eine andere Schule versetzt worden. In den vergangenen Wochen kamen weitere Strafversetzungen hinzu. Das hat die NZZ von verschiedenen Seiten erfahren. Die Stadt Winterthur wollte sich auch dazu nicht äussern, dies nicht zuletzt aus Gründen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes, wie eine Sprecherin des Schuldepartements betonte.
Fest steht: Einer der beiden Leiter der Primarschule ist derzeit abwesend. Er könne seine Funktion «vorübergehend» nicht ausüben, heisst es in einer weiteren Mitteilung der zuständigen Leiterin Bildung an Eltern von vergangener Woche. Der Mann war vor Jahren schon einmal für längere Zeit ausgefallen. Seit Anfang Juni stand ihm eine neue Co-Leiterin zur Seite. Bei ihr habe er ein gutes Gefühl, sagt der erwähnte Vater zur NZZ, auch mit Blick auf das neue Schuljahr nach den Sommerferien. Sie höre einem nicht nur zu, sondern lasse Worten auch Taten folgen.
Eine weitere Erklärung für die schwierige Lage der Schule Wyden könnte sein, dass die von Eltern lange als untätig kritisierte Schulleitung seit der Abschaffung der Schulkreise in Winterthur vor vier Jahren deutlich mehr zu tun hatte als früher – und sich ihrerseits von der städtischen Bildungsverwaltung alleingelassen fühlte.
Beim früheren Schulkreispräsidenten habe man einfach ins Büro laufen im Quartier oder ihm schnell eine E-Mail schreiben können, sagt ein Klassenlehrer, der die Winterthurer Schule vor einem Jahr verlassen hat. In den neuen, zentralisierten Strukturen mit einer Anlaufstelle für alles im sogenannten Superblock im Stadtzentrum sei das nicht mehr ohne weiteres möglich. Kurze Wege; ein Schulpräsident, der sich um «seine» Schulen kümmere und die Schulleitungen vor fragwürdigen Verwaltungsaufgaben von oben schütze – das sei vorbei in Winterthur. Und das sei schade, sagt der Lehrer.
Mehrere seiner früheren Kolleginnen und Kollegen taten es ihm gleich: Sie haben ihre Stelle an der Schule Wyden per Ende Schuljahr gekündigt.