Ein Anruf, ein Gefallen, ein Makel: Der US-Präsident drängt Fifa-Boss Infantino zur Rücknahme einer Roten Karte – ein Präzedenzfall.
Die Fußball-Weltmeisterschaft hat ihren ersten Fall, der größer ist als Fußball. Er beginnt mit einer umstrittenen Roten Karte gegen Folarin Balogun, den gefährlichsten Stürmer der US-Mannschaft. Er führt über einen persönlichen Anruf Donald Trumps bei Fifa-Präsident Gianni Infantino. Und er endet, vorerst, mit einer Entscheidung, die nach Sportrecht möglich sein mag, politisch aber stinkt wie ein Gefallen unter mächtigen Männern. Fakt ist: Die Fifa erklärte Balogun für das Achtelfinale gegen Belgien in der Nacht zu Dienstag spielberechtigt.
Der begnadigte Angreifer blieb aber praktisch wirkungslos. Die USA unterlagen 1:4 (1:2). Charles De Ketelaere (9., 33.), Hans Vanaken (57.) und Romelu Lukaku (90.+3) führten Belgien ins Viertelfinale, den zwischenzeitlichen Ausgleich markierte Malik Tilmann (11.). Balogun stand in der Startelf. Drei Tage zuvor war das noch undenkbar gewesen. Der Angreifer des AS Monaco, drei Tore in drei WM-Spielen, hatte beim 2:0 der USA gegen Bosnien-Herzegowina im Sechzehntelfinale nach Einschaltung des Tech-Schiedsrichter-Korrektorats VAR Rot gesehen.
Balogun war Bosniens Tarik Muharemović unglücklich, aber hart auf Knöchel und Achillessehne getreten. Der brasilianische Schiedsrichter Raphael Claus wertete die Szene als grobes Foulspiel. Eine Rote Karte zieht nach Fifa-Regeln automatisch eine Sperre für das nächste Spiel nach sich.
Dann rief Trump an. Per Präsident bestätigte, dass er Infantino angerufen und ihn „gebeten“ hatte, die Rote Karte überprüfen zu lassen. Vor Reportern im Weißen Haus sagte er: „Alles, was ich getan habe, war, um eine Überprüfung zu bitten. Ich habe nicht gesagt, ihr müsst das tun.“ Nach mehrtägigen Beratungen verkündete die Fifa dann die Entscheidung: „Gemäß Artikel 27 des Fifa-Disziplinarreglements wird die Vollstreckung der Spielsperre für eine Probezeit von einem Jahr ausgesetzt“, erklärte der Weltverband in einer Stellungnahme.
„Sollte Folarin Balogun während der Bewährungsfrist einen weiteren Verstoß ähnlicher Art und Schwere begehen, wird die Aussetzung aufgehoben und die Sanktion vollstreckt, unbeschadet etwaiger zusätzlicher Sanktionen, die für den neuen Verstoß verhängt werden.“
Trump bedankte sich am Sonntag umgehend öffentlich, ohne aber seinen Initiativ-Anteil zu erwähnen, ohne den diese Personalie nach Einschätzung von Sport-Experten in Washington nicht möglich gewesen wäre: „Danke an die Fifa, dass sie das Richtige getan und eine große Ungerechtigkeit rückgängig gemacht hat!“
Damit steht ein Verdacht im Raum, der für die Fifa gefährlicher ist als jede Schiedsrichterdebatte: Wurde hier ein sportliches Verfahren durch extreme politisch-geschäftliche Nähe beschleunigt? Infantino und Trump pflegen seit Jahren ein penetrant warmes Verhältnis. Ende 2025 schuf Infantino eigens einen Fifa-Friedenspreis und überreichte ihn Trump, der bis heute darüber klagt, dass ihm der echte Friedensnobelpreis versagt bleibt, im Kennedy-Center in Washington.
Nun profitiert ausgerechnet die Mannschaft des wichtigsten WM-Gastgebers USA von einer außergewöhnlichen Disziplinarentscheidung, nachdem der Präsident des Landes persönlich beim Fifa-Chef vorstellig wurde.
Folarin Balogun, der beste Stürmer im US-Team, bei der Arbeit. Eigentlich hätte er am Montag gegen Belgien wegen einer Roten Karte pausieren müssen. Nach einer Intervention von Donald Trump darf er doch spielen. © IMAGO/Chris Arjoon
Die Belgier sind entsprechend empört. Der dortige Fachverband RBFA erklärte, man sei „erstaunt“ über die Entscheidung und legte dagegen Berufung ein, um „die legitimen Rechte aller teilnehmenden Mannschaften“ und „die grundlegenden Prinzipien des Fair Play“ zu schützen. Nationaltrainer Rudi Garcia wurde sarkastischer. Er sagte, er habe nicht gewusst, „dass in den Büros der Fifa der 5. Juli in Europa der 1. April ist“. Dann wurde er grundsätzlich: Belgien verteidige nicht nur sich selbst, sondern „die Integrität und Ethik“ des Fußballs.
Die Uefa teilte mit, es sei „eine rote Linie überschritten“. DFB-Chef Bernd Neuendorf forderte angesichts der auf der Hand liegenden Korrespondenz zwischen Trump und Infantino Aufklärung: „Der Eindruck, dass es hier eine aktive Einflussnahme der Politik auf den Sport gegeben hat, muss zügig und schlüssig ausgeräumt werden.“ Der frühere Fifa-Präsident Joseph Blatter (90), ganz sicher auch kein Kind von Traurigkeit, stellte die Zukunft des Weltverbands infrage. „Wenn ein US-Präsident beim Fifa-Präsidenten interveniert und danach ein Spieler vor einem WM-Achtelfinale begnadigt wird, stellt sich eine einfache Frage: Quo vadis, Fifa? Der Fußball darf nie zum Spielball der Politik werden.“
Der Fall ist deshalb so brisant, weil die Fifa jahrelang den Eindruck genährt hat, Rote Karten bei Weltmeisterschaften seien im Kern nicht verhandelbar. Artikel 66 Absatz 4 der Disziplinarordnung ist deutlich: „Ein Feldverweis zieht automatisch eine Sperre für das darauffolgende Spiel nach sich.“ Zusätzliche Sperren können verhängt werden. Die automatische Sperre müsse verbüßt werden, selbst wenn ein Spiel später abgebrochen, annulliert oder wiederholt werde. Genau diese Härte sollte verhindern, dass K.-o.-Spiele am grünen Tisch nachverhandelt werden.
Und dann kommt Artikel 27, plötzlich der berühmteste Paragraph dieser WM. Er erlaubt dem zuständigen Fifa-Rechtsorgan, „die Umsetzung einer Disziplinarmaßnahme vollständig oder teilweise auszusetzen“. Wer davon profitiert, wird einer Bewährungszeit von ein bis vier Jahren unterstellt. Begeht der Betroffene in dieser Zeit ein ähnliches Vergehen, wird die ausgesetzte Sanktion vollstreckt und eine neue Strafe kann dazukommen. Für Spielmanipulation gilt diese Möglichkeit ausdrücklich nicht.
Juristisch ist das der Rettungsring der Fifa. Sportpolitisch ist es der Sprengsatz. Artikel 27 ist kein Freispruch, sondern ein Gnadenmechanismus. Er sagt nicht: Die Rote Karte war falsch. Er sagt: Die Strafe wird vorläufig nicht vollzogen. Balogun ist also nicht rehabilitiert, sondern auf Bewährung begnadigt. Die Fifa hat damit einen Weg gefunden, ihre eigenen Regeln formal nicht zu brechen und ihren wichtigsten Gastgeber sportlich indirekt zu unterstützen, indem die Suspendierung eines wichtigen Stürmers aufgehoben wird.
Die Amerikaner nehmen das Geschenk dankbar an. US Soccer erklärte: „Wir akzeptieren die Entscheidung der Disziplinarkommission und freuen uns, dass Folarin Balogun morgen spielberechtigt ist.“ Christian Pulisic verteidigte seinen Teamkollegen: „Wenn man sich das Foul anschaut, war da überhaupt keine Absicht.“ Balogun selbst hatte bereits zuvor gesagt, Gelb wäre „fair“ gewesen. Fußballerisch ist die Sache klar: Ohne ihn hätte Trainer Mauricio Pochettino seine funktionierende Offensive umbauen müssen. Balogun „versetzt viele Verteidiger in Angst“, sagte Mitspieler Chris Richards.
Historisch erinnert der Fall an Garrincha 1962. Brasiliens Genie war im Halbfinale gegen Gastgeber Chile vom Platz gestellt worden und hätte das Finale gegen die Tschechoslowakei verpassen müssen. Nach politischem Druck durfte er doch spielen. Brasilien wurde Weltmeister. Damals gab es allerdings noch keine heutige Automatik der Sperren, kein VAR-Zeitalter, keine global durchleuchtete Sportjustiz. Dass die Fifa selbst den Garrincha-Fall als Vergleich nennt, macht die Sache nicht besser. Es zeigt, wie selten solche Eingriffe sind – und wie lange sie im Gedächtnis bleiben.
Donald Trump und Fifa-Boss Gianni Infantino schätzen sich spiegelbildlich. Im Sommer 2025 ließ der Fußballfunktionär den amerikanischen Präsidenten kurz den WM-Pokal betätscheln. © AFP | Caballero-Reynolds
Es ist nicht das erste Mal, dass die WM-Veranstalter Artikel 27 anwenden, um einen hochkarätigen Spieler vor einem Ausschluss zu bewahren. Im November 2025 erhielt Superstar Cristiano Ronaldo im vorletzten Qualifikationsspiel Portugals eine Rote Karte, weil er einen irischen Spieler absichtlich mit dem Ellbogen gestoßen hatte – was eine Sperre von drei Spielen nach sich gezogen und ihn zwei Spiele der WM-Gruppenphase gekostet hätte. Innerhalb weniger Tage milderte die Fifa-Disziplinarkommission seine Strafe auf eine einjährige Bewährungsfrist ab. Aber das war vor der WM.
Der Präzedenzfall während des Turniers liegt nun auf dem Tisch. Wenn ein Präsident beim Fifa-Chef anruft und kurz darauf ein Starspieler des Gastgeberlandes frei wird, wird jede künftige Entscheidung dieser Art unter Verdacht stehen. Vielleicht hatte Balogun Glück. Vielleicht war Rot tatsächlich zu hart. Vielleicht hat die Fifa ausnahmsweise Augenmaß gezeigt. Aber das Verfahren wirkt nicht wie nüchterne Sportjustiz, sondern wie eine Hintertür mit VIP-Zugang.
Trump könnte seinem Team damit sogar einen Bärendienst erwiesen haben. Sportlich hilft Balogun den USA enorm. Moralisch nimmt er ihnen eine gewisse Unschuld. Sollte er gegen Belgien treffen, wird nicht nur über ein Tor geredet werden, sondern über den Anruf. Sollte Belgien ausscheiden, wird der Verdacht mitreisen. Sollte Balogun selbst erneut hart einsteigen, hängt Artikel 27 wie ein Fallbeil über ihm. Und sollte Amerika weit kommen, wird diese WM nicht nur als Sommer der Heim-Euphorie erzählt werden, sondern als Turnier, in dem der Präsident persönlich bei der Fifa um einen großen Gefallen bat.
So wird aus einer Roten Karte ein politischer Lackmustest. Aber die einfachste Frage bleibt unbeantwortet: Hätte ein anderer Verband, ohne Präsident im Weißen Haus und ohne direkten Draht zu Infantino, dieselbe Gnade bekommen? Und noch was: Was wäre Infantino widerfahren, hätte er Trumps unsittlichen Antrag höflich, aber bestimmt abgewiesen?
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