Vor dem Gesetz sind wir alle gleich und frei. Aber sind wir es wirklich? Nein. Wer hat Macht über uns und über wen haben wir Macht? Und ab wann wird soziale Macht zu Beherrschung und zu einem Problem? Ein Vortrag der Philosophin Tamara Jugov.
Vor dem Gesetz sind wir alle gleich und frei. Aber sind wir es wirklich? Nein. Wer hat Macht über uns und über wen haben wir Macht? Und ab wann wird soziale Macht zu Beherrschung und zu einem Problem? Ein Vortrag der Philosophin Tamara Jugov.
Eine Frau in einem sexistischen Gesellschaftssystem, die mit einem nicht-sexistischen Mann verheiratet ist, der ihr keine Grenzen setzt und sie machen lässt, was sie möchte – ist die wirklich frei? Und wie steht es um befristet angestellte Mitarbeitende eines Professors oder einer Professorin? Das sind zwei der Beispiele, an denen die Philosophieprofessorin Tamara Jugov soziale Macht und Beherrschung erklärt.
"Ist diese Macht, die ein Professor über eine befristet angestellte Mitarbeiterin hat, normativ gerechtfertigt oder nicht?"
Tamara Jugov, Philosophin
Dass Macht ungleich verteilt ist, ist allgegenwärtig: Eltern haben Macht über Kinder, Führungskräfte über Angestellte, Richter*innen über Angeklagte. Soziale Macht ist Teil unserer Gesellschaft und wird in bestimmten Bereichen akzeptiert.
Ab wann aber ist soziale Macht ein Problem, wann ist sie willkürlich und ungerecht? Ab wann wird sie normativ problematisch und zu Beherrschung? Oder einfacher gesagt: Welche Formen von Macht schränken unsere Freiheit und Gleichheit ein?
"Wir müssen uns das Gesamtbild dieser sozialen Regeln und Praktiken angucken, dann erst rückt die Unfreiheit in den Blick, der zum Beispiel eine bestimmte Gruppe unterworfen ist."
Tamara Jugov, Philosophin
Diesen Fragen geht Tamara Jugov in ihrem Vortrag nach. Sie erklärt dabei zunächst, was Macht überhaupt ist – so klar ist das nämlich gar nicht, in der Philosophie gab es schon immer Kontroversen darum – und was Beherrschung und Herrschaft sind.
"Wir als Gesellschaft reproduzieren bestimmte Normen zu Sexismus, zu Rassismus, zu Kapitalismus. Und das führt dazu, dass bestimmte soziale Gruppen eben unfrei sind."
Tamara Jugov, Philosophin
© Bernd Wannenmacher
Tamara Jugov, Professorin für Praktische Philosophie an der TU DresdenIm Weiteren schaut sie zum einen auf Machtbeziehungen zwischen Personen, also interpersonelle Macht, und zum anderen auf strukturelle Macht, also Macht, die durch die Strukturen unserer Gesellschaft entsteht. Hier geht es etwa um Sexismus, Rassismus oder Kapitalismus und wie diese zu illegitimer sozialer Macht, also zu Beherrschung und Unfreiheit führen.
"Wenn wir etwas an Beherrschung ändern wollen, dann müssen wir Strukturen ändern."
Tamara Jugov, Philosophin
Schließlich widmet sich die Philosophin und Politikwissenschaftlerin der Frage, was diese Überlegungen zu Macht, Beherrschung und Unfreiheit für die Demokratie bedeuten und was die Gesellschaft gegen ungerechte Macht tun könnte.
"Wenn wir in einer Beziehung von Beherrschung miteinander stehen, werden Gerechtigkeitspflichten notwendig."
Tamara Jugov, Philosophin
Tamara Jugov ist Professorin für Praktische Philosophie an der TU Dresden. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der analytischen politischen Philosophie und der Sozialphilosophie.
Ihren Vortrag "Macht, interpersonale und strukturelle Beherrschung. Eine philosophische Perspektive" hat sie am 20. April 2026 im Rahmen des Studium Generale der Universität Mainz innerhalb der Reihe "Wie wir miteinander umgehen. Macht, Fairness und soziale Beziehungen" gehalten.
Quellen aus der Folge:
Dahl, Robert A. 1957: The Concept of Power, in: Behavioral Science, 2(3), 201-215. Haslanger, Sally 2012: Resisting Reality. Social Construction and Social Critique, New York, NY: Oxford University Press. Jugov, Tamara: Geltungsgründe globaler Gerechtigkeit. Campus Verlag, 2024. Jugov, Tamara: Soziale Macht als Potentialität. In: Barbara Vetter/Christof Rapp: Potentialität, Philosophische Symposien der DFG, Vol. 2 (2023), 1-32, Fachinformationsdienst Philosophie. Petti, Philip 1997: Republicanism. A Theory of Freedom and Government, Oxford University Press
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