Jeder Schüler sollte im eigenen Takt fürs Abitur lernen, fordert die SPD-Politikerin Dora Heyenn. Der Koalitionsvertrag sieht ein Pilotprojekt vor. mehr...
Jeder Schüler sollte im eigenen Takt fürs Abitur lernen, fordert die SPD-Politikerin Dora Heyenn. Der Koalitionsvertrag sieht ein Pilotprojekt vor.
Der Weg zum Abschluss soll mit dem eigenen Tempo möglich sein: Zwei Abiturientinnen freuen sich
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Ulrich Perrey/dpa
taz: Frau Heyenn, warum braucht Hamburg eine flexible Oberstufe?
Dora Heyenn: Das bräuchte man nicht nur Hamburg, sondern überall in Deutschland. Verglichen mit dem europäischen Ausland sind unsere Oberstufen sehr starr.
taz: Was wäre denn eine flexible Oberstufe?
Heyenn: „Die“ flexible Oberstufe gibt es nicht, sondern unterschiedliche Modelle. Es geht darum, die Verweildauer in der Oberstufe an die Bedürfnisse der Schüler anzupassen. Jugendliche haben in dem Alter Probleme und Anforderungen, die sie am Lernen hindern. Lernen im eigenen Takt kann ermöglichen, dass sie trotzdem Abitur machen.
Im Interview: Dora Heyenn
76, ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Bildung (AfB) der Hamburger SPD und pensionierte Gymnasiallehrerin für Biologie und Chemie. Von 2008 bis 2015 war sie Fraktionschefin der Linken in der Hamburger Bürgerschaft
taz: Was wäre das zeitliche Maximum?
Heyenn: Ein Abitur nach zehn Jahren – ein G 10. Aber das kann sehr flexibel gestaltet werden. Es kann sein, dass Schüler:innen in Mathematik schon nach acht Jahren das Abitur ablegen und in Englisch nach neun, je nach individuellen den Bedürfnissen und Kompetenzen.
taz: Gibt es solche Oberstufen schon irgendwo?
Heyenn: Ja, es gibt Modellschulen. Aber nur in Hamburg gibt es eine Landesregierung, die sagt: Wenn der Bedarf da ist und es genug Schulen gibt, legen wir ein Pilotprojekt auf.
taz: Braucht die Oberstufe eine neue Lernkultur?
Heyenn: Ja, das sehen wir an den hohen Abbruchzahlen bei den Studierenden. Und viele Firmen beschweren sich über mangelnde Kompetenzen der Schulabgänger. Die Zeiten ändern sich ja stark, aber in den Schulen hält man damit nicht Schritt. Da gibt es eine Kluft. Schüler müssen ihre Lernprozesse selbst steuern und lernen, in Teams zu arbeiten. Das ist heute in Firmen normal.
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Wir arbeiten immer auf ein Zentralabitur hin, das vergleichbar sein soll. Aber das halte ich für einen Irrglauben. Schon die Abiturnoten an einer Schule sind nicht vergleichbar
Taz: Gibt noch viel Bulimie-lernen?
Heyenn: Nach dem, was ich höre, ja. Deshalb braucht es eine neue Lernkultur, eine individuelle Schwerpunktsetzung, dann ist das Lernen nachhaltiger.
taz: Warum hinkt die Oberstufe bei der Lernkultur so hinterher?
Heyenn: Weil das Abitur immer noch so einen Nimbus in Deutschland hat. Wir arbeiten immer auf ein Zentralabitur hin, das vergleichbar sein soll. Aber das halte ich für einen Irrglauben. Schon die Abiturnoten an einer Schule sind nicht vergleichbar, je nachdem, welche Lehrkräfte unterrichtet haben.
taz: Was ist das Ziel Ihres Fachtags?
Heyenn: Ganz einfach. Wir als Arbeitsgemeinschaft für Bildung in der SPD hatten 2024 auf dem Landesparteitag beantragt, dass ein Pilotprojekt zur flexiblen Oberstufe ins Wahlprogramm für 2025 aufgenommen wird. Die Grünen forderten das auch. Es steht jetzt im rot-grünen Koalitionsvertrag. Somit gibt es ein Versprechen und das unterstützen wir mit diesem Fachtag.
taz: Wie realistisch ist das Pilotprojekt?
Heyenn: Das Interesse scheint groß zu sein. Aufgrund unserer Einladung haben sich bei uns schon Schulen gemeldet. Sie warten die Fachtagung ab. Dort wird die Bandbreite vorgestellt, wie man flexible Oberstufe gestalten kann. Zum Beispiel leben in Hamburg ja viele Schüler, die Deutsch nicht als Muttersprache haben. Für die gibt es das Modell einer längeren Eingangsphase, um dort Deutsch als Fachsprache zu erlernen. Ich weiß als Lehrerin, wie sprachlastig zum Beispiel Fächer wie Biologie sind.
taz: Gibt es auch Bedenken?
Heyenn: Ja, es gibt von den Hamburger Stadtteilschulen die Sorge, dass eine flexible Oberstufe den Gymnasien den Weg für ein neunjähriges Gymnasium, ein G 9, durch die Hintertür öffnet.Aber genau das ist nicht der Fall. Es geht um eine individuelle zeitliche Streckung, aber nicht pauschal um ein Jahr.
taz: Wann kann das Pilotprojekt starten?
Heyenn: Die Schulbehörde sagt, Schulen, die sich für dieses Projekt entscheiden, können sich auf dem Dienstweg an sie wenden. Dort müssen dann ein Konzept erarbeitet und eine wissenschaftliche Begleitung sichergestellt werden. Wenn man sich beeilt, könnte die Umsetzung im nächsten Jahr beginnen.
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