Sechs Mannschaften im Viertelfinale, mindestens drei im Halbfinale. Die WM wird von den europäischen Teams bestimmt. Warum bei den anderen Kontinenten die Entwicklung stagniert.
Die USA träumten vom Titel, Kap Verde schockte Spanien, Marokko glänzte bis zum Viertelfinale - doch in der Crunchtime der Fußball-WM dominieren einmal mehr die europäischen Mannschaften. Warum ist das so? Und haben die anderen Konföderationen aufgeholt?
Die asiatischen Mannschaften sind sicherlich die größte Enttäuschung. Von neun gestarteten Teams erreichten nur zwei, Japan und Australien, das Sechzehntelfinale, wo dann Schluss war. Gerade bei Japan vermisst man die Weiterentwicklung. Bei der Heim-WM 2002 erreichten man erstmals die K.-o.-Phase, doch dort hat man immer noch kein Spiel gewonnen. Brasilien im Sechzehntelfinale zu bekommen, mag Lospech gewesen sein, doch Japan führte und spielte danach ängstlich.
Auf Clubebene ist die Entwicklung längst weiter, viele Japaner sind Führungsspieler in ihren Teams von der Bundesliga bis zur Premier League. Umso erstaunlicher ist es, dass die Nationalmannschaft es einfach nicht umsetzen kann.
Neun von zehn afrikanischen Mannschaften überstanden die Gruppenphase. Ein afrikanischer Weltmeister „ist nur noch eine Frage der Zeit“, sagte Südafrikas Trainer Hugo Broos. Im Achtelfinale standen allerdings nur noch Ägypten und Marokko, für Letztere war im Viertelfinale gegen Frankreich das Turnier zu Ende.
Es stellt sich also die Frage, warum die afrikanischen Teams den Schwung aus der Gruppenphase nicht mitnehmen konnten. Eine klare Antwort gibt es nicht. Was auffällt: Das Aus ereilte die Mannschaften oft in der Schlussphase. Kap Verde (an Argentinien) und der Senegal (Belgien) scheiterten erst in der Verlängerung. Südafrika (Kanada) und Ägypten (Argentinien) kassierten das entscheidende Tor kurz in der Nachspielzeit und die DR Kongo (England) sowie die Elfenbeinküste (Norwegen) weniger als fünf Minuten vor Ende der regulären Spielzeit.
Marokko ist die einzige afrikanische Mannschaft, für die mehr möglich ist. Vor vier Jahren war das Team im Halbfinale, nun scheiterte es am Top-Favoriten. Allerdings sind hier die Verbindungen nach Europa eng. 18 der 26 Spieler in Marokkos Kader wurden in Europa geboren. Selbst der Trainer Mohamed Ouahbi lebte die ersten viereinhalb Jahrzehnte seines Lebens in Brüssel. Die Hälfte oder mehr der Kader von Kongo, Algerien, Kap Verde und Tunesien wurde ebenfalls in Europa geboren.
Titelverteidiger Argentinien ist mit etwas Glück noch dabei, der Rest ist eine Enttäuschung. Brasilien schied erstmals seit 1990 im Achtelfinale aus, die Arbeit von Trainer Carlo Ancelotti fruchtet bislang nicht. Paraguay wird womöglich eher für die Tritte und Schläge gegen Frankreich in Erinnerung bleiben, als für den Sieg im Elfmeterschießen gegen Deutschland. Uruguay versank unter dem knorrigen Trainer Marcelo Bielsa in der völligen Bedeutungslosigkeit.
Von den drei Gastgebern übererfüllte lediglich Kanada mit dem Erreichen des Achtelfinals die Erwartungen. Das wäre womöglich auch für die USA eine realistische Zielsetzung gewesen, doch nach dem Start mit zwei Siegen träumte man allzu schnell vom Titel. TV-Experte Zlatan Ibrahimovic befeuerte den Höhenflug, in dem die Sturm-Ikone mehrmals beim übertragenden Sender Fox verlauten ließe, er glaube an einen Weltmeister namens USA. Belgien holte das Team und das Land schließlich auf den Boden der Tatsachen zurück.
Mexiko spielte ein starkes Turnier - und womöglich hätten sie gegen jede andere englische Mannschaft außer der von Thomas Tuchel trainierten Version das Viertelfinale erreicht. Eine Schande ist das Aus nicht. Die weiteren drei Teilnehmer (Haiti, Panama, Curacao) scheiterten jeweils als Gruppenletzte.
Mindestens drei der vier Halbfinalisten werden aus Europa kommen. Die Gruppenphase überstanden 13 der 16 Teilnehmer. Und eine Großmacht wie Italien war gar nicht dabei. Stattdessen treten neue Player wie Norwegen oder die Schweiz mit einer goldenen Generation auf. Tuchel hat es geschafft, aus der schon lange mit viel Talent gesegneten englischen Mannschaft einen ernsthaften Titelkandidaten zu formen. Und Frankreich sowie Spanien ragen bisher derart heraus, dass es fast schon eine Ungerechtigkeit ist, dass sich die beiden bereits im Halbfinale treffen könnten.
Von den anderen Konföderationen hat nur Afrika wirklich aufgeholt. In Südamerika herrscht Stagnation, in Asien ein Niedergang und in Nordamerika sollte man vor allem in den USA einen realistischeren Blick auf die eigene Stärke haben.
© dpa-infocom, dpa:260710-930-362704/1
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