Seit Jahren gibt es Diskussionen um die fünf Fußball-Regionalligen und deren Aufstiegsregel. Nun wurde über Reformpläne abgestimmt – mit Uneinigkeit als Ergebnis. Das nächste Kapitel einer unendlichen Geschichte.
Reformvorschläge gescheitert Die unendliche Geschichte der ungerechten Regionalligen
Knapp 50 Jahre ist es her, dass der Schriftsteller Michael Ende mit einer – zumindest dem Namen nach – unendlichen Geschichte einen Klassiker der deutschen Literatur schuf. Theoretisch unendlich, wohlgemerkt… Schließlich endet die Geschichte praktisch je nach Ausgabe nach 400 bis 500 Seiten. Dann muss man sich anderweitig nach der Unendlichkeit umschauen.
Zum Beispiel im Fußball – genauer gesagt in den deutschen Regionalligen. In dieser verwobenen Welt an der Grenze zum Profisport wurde Anfang dieser Woche in Form einer Abstimmung das nächste traurige Kapitel einer jahrelangen Reformgeschichte geschrieben. Ein Kapitel, das die anvisierten Veränderungen rund um eine gerechte Aufstiegsregelung in wieder weitere Ferne rücken lässt.
Fünf Regionalligen, aber nur vier Aufsteiger
Knapp ein Jahr lang hatten die Landesverbände des Deutschen Fußballbunds (DFB) zuletzt offiziell diskutiert, was seit Jahren auf den Regionalligaplätzen, an Stammtischen und in Kommentarspalten besprochen wird. Die sogenannte 'AG Regionalliga Reform' des DFB beschäftigte sich mit der Frage, wie man den semiprofessionellen Fußball in Deutschland und allen voran den Aufstieg in den Profifußball fairer gestalten kann. Das Problem ist dabei ebenso schnell erklärt, wie es alt ist.
Seit 14 Jahren bilden fünf Regionalligen – Nord, Nordost, West, Südwest und Bayern – den Unterbau der 3. Liga. Fünf Ligen für vier Aufstiegsplätze. Einzig die Meister aus dem Westen und Südwesten steigen stets direkt auf. Ein jährliches Rotationsprinzip entscheidet, wer aus dem Norden, dem Nordosten und aus Bayern als Dritter direkt aufsteigt – und welche zwei Meister sich um den vierten Aufstiegsplatz streiten müssen.
Seit Jahren nährt die Ungleichheit dieses Systems einen Boden, aus dem erst regelmäßiger Protest zahlreicher Regionalligisten wuchs, dann die Initiative "Meister müssen aufsteigen" und schließlich die erwähnte Arbeitsgruppe des DFB. Auch die kam in den vergangenen Monaten zu dem Konsens, dass es Reformen bedarf. Die Frage nach dem "Wie" sollte zuletzt die erwähnte Abstimmung klären.
Philip Türpitz von der VSG Altglienicke | Bild: IMAGO/Matthias Koch
"Kompassmodell" versus "Regionenmodell"
In den vergangenen Wochen haben die fünf Trägerverbände der fünf Regionalligen – darunter zum Beispiel der Nordostdeutsche Fußballverband - alle ihre Regionalligisten und Oberligisten befragt. Genau wie den aktuellen Drittligisten wurden ihnen im Kern zwei Modelle vorgelegt: das sogenannte "Kompassmodell" und ein "Regionenmodell".
Beide Modelle schlugen eine Reduktion auf künftig vier Regionalligen vor. Beim Kompassmodell wären die vier Regionalligen künftig jeden Sommer gemäß der geografischen Verteilung der Klubs angepasst worden. Das Regionenmodell sah hingegen vier Ligen mit festen regionalen Grenzen vor. Einzig die Regionalliga Südwest wäre unverändert geblieben.
Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig überraschend, dass die Vereine aus dem Südwesten sich zu rund 93 Prozent für das Regionenmodell aussprachen. Im Nordosten, dem Norden und Westen hingegen stimmten die Vereine jeweils mehrheitlich für das Kompassmodell. Und in Bayern? Da sprach man sich mit einer Mehrheit von rund 52,5 Prozent dafür aus, keinen der beiden Vorschläge in die Tat umzusetzen und stattdessen noch einmal über neue Modelle und Möglichkeiten nachzudenken.
Einigkeit ist eine unerfüllte Grundvoraussetzung
Das Problem bei alldem: Die Voraussetzung für das weitere Vorantreiben der Reform war, dass sich alle fünf Regionalverbände für dasselbe Modell aussprechen. Dass bundesweit insgesamt eine Mehrheit der Vereine für das Kompassmodell stimmte, ist irrelevant. In anderen Worten: Die Reformpläne sind – zumindest für den Moment – ein weiteres Mal gescheitert. Die Arbeitsgemeinschaft des DFB wird unvollendet eingestellt.
Was bleibt, ist der Frust, in dem die fünf Verbände ungleich vereinter sind als in ihren Strukturplänen. NOFV-Präsident Hermann Winkler beispielsweise sagte am Montagabend in einer Pressemitteilung, dass die Vereine weiterhin "auf Veränderungen drängen." Auch sein bayerisches Pendant Christoph Kern war hörbar frustriert angesichts des Abstimmungsergebnisses – wenngleich das "genau so zu erwarten war".
Tatsächlich wirkt es, als wären sich sowohl die Verbände als auch ihre Vereine schlichtweg uneinig. Uneinig und nicht gleichermaßen gewillt, Abstriche zu machen. Während die Vereine im Nordosten für ein reformiertes Aufstiegsrecht sogar die Auflösung ihrer Regionalliga in Kauf nehmen würden, bestehen die im Südwesten auf so wenig Veränderung wie möglich. Wieder andere Klubs bestehen darauf, dass die bei einer Reform verbliebenen vier Ligen zumindest auf 20 Mannschaften aufgestockt werden.
Initiative moniert Taschenspieler-Tricks
Das stand ursprünglich übrigens genau so in den Plänen zum Kompassmodell - bis dort in den Abstimmungsunterlagen auf einmal nur noch von 18 Teams pro Liga die Rede war. Tommy Haeder - der Sprecher der Initiative "Meister müssen Aufsteigen" - nannte dies im Anschluss "Taschenspieler-Tricks". Haeder ist nicht der Einzige, der mittlerweile das Gefühl hat, dass manche Vereine und Verbände die Reformen mit aller Kraft vorantreiben, während andere sie lieber so lange wie möglich hinauszögern würden.
Der Nordostdeutsche Fußballverband gehört hierbei klar in die erste Kategorie. Er geht davon aus, dass seine Vereine den Reformdruck aufrechterhalten werden. Folglich wolle man nun zeitnah das Gespräch mit dem DFB suchen, um das weitere Vorgehen zu planen. Präsident Hermann Winkler will dabei "die deutliche Mehrheit" für das Kompassmodell "mit in die weiteren Gespräche nehmen". Unendliche Gespräche in einer unendlichen Geschichte.
Sendung: rbb|24, 30.06.2026, 16:26 Uhr
Audio: rbb|24, 30.06.2026, Jakob Lobach