Beim deutschen Eisschnelllauf-Verband gibt es erneut Unruhe. Der Verband will in Zukunft vor allem auf die Standorte Berlin und Inzell setzen - in Thüringen befürchtet man deshalb Schließungen. Schon im Frühjahr hatte es Streit im Verband gegeben.
Streit um Eisschnelllauf-Standorte Thüringer Landesverband fordert Rücktritt von Berliner DESG-Chef Große
Bei der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) mit Sitz in Berlin gibt es erneut Unruhe. Auslöser der Debatte ist ein Strukturkonzept der DESG-Spitze um den Berliner Präsidenten Matthias Große. Die Verbandsführung plant, in Zukunft stärker auf die Trainingsstandorte in Berlin und Inzell zu setzen. Bisherige Stützpunkte in Erfurt und Chemnitz sollen für den Seniorenbereich an Bedeutung verlieren und insbesondere für die Jugendarbeit genutzt werden.
Thüringens Eisschnelllauf-Verband spricht davon, dass dieses Vorgehen nicht abgesprochen gewesen sei. Außerdem sollen Sportler angeblich dazu gedrängt worden sein, von Erfurt nach Berlin und Inzell zu wechseln. Der Landesverband fordert Große zum Rücktritt auf.
Präsidium sieht "notwendige Entscheidungen"
Das Präsidium der DESG reagierte gelassen und verteidigte die geplanten Veränderungen. "Der Präsident und das Präsidium der DESG werden der Rücktrittsforderung nicht nachkommen", teilte Große auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur über eine Anwaltskanzlei mit.
Das amtierende Präsidium habe den Verband in den vergangenen Jahren aus einer wirtschaftlich und strukturell äußerst schwierigen Situation herausgeführt, seine Förderfähigkeit gesichert, tragfähige Strukturen aufgebaut und die Teilnahme am internationalen Wettkampfbetrieb gewährleistet.
"Unterschiedliche Auffassungen über sportpolitische oder strukturelle Entscheidungen sind legitim. Sie rechtfertigen jedoch keine Rücktrittsforderung gegen ein demokratisch legitimiertes Präsidium, nur weil dieses notwendige, möglicherweise auch unbequeme Entscheidungen trifft", hieß es.
Sportler unter Druck gesetzt?
Der Thüringer Eis- und Rollsportverband hatte seine Rücktrittsforderung unter anderem mit einem Vertrauensverlust begründet und in einem Schreiben an das DESG-Präsidium formell sein Misstrauen erklärt.
Hintergrund ist eine Strukturreform. Diese sieht eine Konzentration der Bundeskader auf die Standorte Inzell für Mehrkampf und Langstrecke sowie Berlin für Sprint vor.
"Sie haben zu einem bestimmten Zeitpunkt beschlossen, nur noch die Bundesstützpunkte Berlin und Inzell weiterzuführen und Erfurt sowie Chemnitz quasi zu schließen", schrieb der Thüringer Landesverband und beklagte mangelnde Kommunikation durch den Dachverband. Überdies wirft der Thüringer Verband der DESG vor, "massiven Druck" auf die Sportler für einen Wechsel nach Inzell oder Berlin ausgeübt zu haben.
Athletenverband unterstützt Kritik
Der DESG-Chef widersprach. "Diese Bündelung bedeutet ausdrücklich nicht, dass andere Standorte aufgegeben oder aus der Verbandsarbeit ausgeschlossen werden. Ziel ist vielmehr eine klare Aufgabenteilung zwischen den Standorten und eine effizientere Nutzung der vorhandenen personellen, sportfachlichen und infrastrukturellen Ressourcen", ließ Präsident Große mitteilen. Und weiter: "Erfurt und Chemnitz bleiben wichtige Bestandteile des Strukturkonzeptes der DESG. Beide Standorte sollen insbesondere im Nachwuchsbereich eine zentrale Rolle übernehmen."
Kritik an der DESG-Spitze kam auch von der Vereinigung Athleten Deutschland und dem für Sport zuständigen Chef der Thüringer Staatskanzlei, Stefan Gruhner (CDU). Er zeigte sich in einem Schreiben an den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) beunruhigt von den Signalen der geplanten Strukturänderungen. Durch die Verlagerung des Trainings nach Inzell und Berlin würde der Standort Erfurt erheblich geschwächt und faktisch entwertet.
Von einer Sprecherin der Sportministerin Christiane Schenderlein (CDU) heißt es ebenfalls, man nehme die Kritik "ernst". Man habe der DESG ferner "keinerlei Vorgaben zur Schließung von Stützpunkten gemacht, auch nicht den Stützpunkt Erfurt bzw. Chemnitz betreffend." Festgelegt ist allerdings, dass der Status als Olympiastützpunkt bedingt, dass an diesem auch Bundeskaderathleten trainieren. Dies wäre entsprechend nicht mehr der Fall, wenn diese nach Inzell oder Berlin wechseln.
Unruhe bereits im Frühjahr
Es ist nicht das erste Mal in diesem Jahr, dass es innerhalb der DESG zu Streitigkeiten kommt. Im Frühjahr hatte es Vorwürfe einer intransparenten Führung zulasten der Athleten gegeben, die durch einen ARD-Bericht [sportschau.de] öffentlich wurden.
Konkret ging es damals darum, dass die DESG Haushaltspläne zurückgehalten und versprochene Prämien nicht an Vereine und Sportler ausgezahlt haben soll.
Sendung: rbb|24, 23.06.26, 10:15 Uhr
Audio: rbb|24, 23.06.26, Antonia Kurzhals
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