In seinem Roman „Liefern“ erzählt Tomer Gardi von Menschen, die unsere Städte in Bewegung halten. Bei seinem Auftritt im Hauptmann-Haus wurde deutlich, wie lustig das sein kann.
Düsseldorf · In seinem Roman „Liefern“ erzählt Tomer Gardi von Menschen, die unsere Städte in Bewegung halten. Bei seinem Auftritt im Hauptmann-Haus wurde deutlich, wie lustig das sein kann.
Tomer Gardi betritt das Gerhart-Hauptmann-Haus und wirkt wie die Verkörperung seines eigenen Romans. Der in Berlin lebende Autor ist aus dem österreichischen Linz angereist. Eine dreistündige Bahnverspätung bringt ihn erst wenige Minuten vor Beginn der Lesung an den Düsseldorfer Hauptbahnhof. Unter Applaus kommt er dennoch pünktlich auf die Bühne – in Shorts, Sommerlatschen und rot-schwarzem Hawaiihemd. Er wirkt so unbeschwert, als hätte er nichts als Sommerlaune im Gepäck.
Die gemeinsame Veranstaltung der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus und des Literaturbüros NRW hätte kaum passender beginnen können. Denn in seinem Roman „Liefern“ erzählt Gardi von Mobilität. Konkret von den Menschen, die unsere Städte in Bewegung halten, selbst aber meist unsichtbar bleiben.
Während der Pandemie, berichtet Gardi im Gespräch mit Moderatorin Maren Jungclaus, habe er sich gefragt, wer die Menschen hinter den Lieferdiensten seien. Sein Ziel: Das Wahrgenommene sichtbar machen und den Menschen, die unser Essen bringen, ein Gesicht zu geben. Dafür reiste er nach Delhi, Istanbul, Tel Aviv, Berlin, Buenos Aires und Kenia, sprach mit Fahrern, recherchierte bei NGOs und Gewerkschaften über Arbeits- und Lebensbedingungen. Aus diesem Stoffwechsel, in dem reale Geschichten zu Literatur werden, entstand ein vielstimmiges Epos über Migration, Arbeit und Zugehörigkeit. Jede Stadt erzählt ihre eigene Migrationsgeschichte, jede trägt ihren eigenen Sound.
Gardi öffnet damit ein außergewöhnliches Fenster auf eine globalisierte Welt. Seine Figuren eint die Erfahrung von Fremdsein, prekärer Arbeit und der Suche nach einer Perspektive. Zugleich zeigt er ihre Solidarität, ihren Witz und ihre Lebensfreude. Da heißen Lieferdienste „Ratzfatz“ oder „Indigo“, ein Dichter und ein Jurymitglied eines Literaturwettbewerbs handeln in einer Berliner Kneipe einen Deal um eine Haartransplantation in Istanbul aus, während auf Rosenfarmen in Kenia Arbeiterinnen Blumen ernten, die in der Pinte am kalten Valentinstag für wenige Euro verkauft werden. Solche scheinbar beiläufigen Szenen erzählen von globalen Zusammenhängen eindringlicher als jede Statistik.
Auch Gardis Lesung lebt von diesem Wechsel zwischen Ernst und Humor. Langsam, Satz für Satz, mit präzisen Pausen und einem schelmischen Blick über den Brillenrand sucht er immer wieder den Kontakt zum Publikum. Selbst ein schlichter Satz wie „So war der Miele-Geschirrspüler ins Haus gekommen“ wird zum Lacher. Noch größer ist die Resonanz, als Gardi den „gezähmten Monsun made in Germany“ aus indischer Perspektive erläutert.
Immer wieder wird gelacht und applaudiert, obwohl es um Ausbeutung und ungleiche Arbeitsverhältnisse geht. Doch gerade darin liegt die Stärke dieses Romans: Er macht die Verlorenheit der Abgehängten sichtbar, ohne sie auf ihre Opferrolle zu reduzieren. Stattdessen erzählt Tomer Gardi von Menschen, die sich in einer globalisierten Welt ihren Humor, ihre Gemeinschaft und ihre Würde bewahren.
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