Die staatlich subventionierten Tourismusförderer versprechen eine bessere Verteilung der Besuchermassen. Den Beweis dafür bleiben sie aber bisher schuldig.
Die staatlich subventionierten Tourismusförderer versprechen eine bessere Verteilung der Besuchermassen. Den Beweis dafür bleiben sie aber bisher schuldig.

muri30 / iStockphoto
Der Dichtestress in den Bergen ist zum Politikum geworden: Im Alpstein hat der Kanton Appenzell Innerrhoden die Parkgebühren drastisch erhöht, um die Touristenmassen zu bändigen. Die Stadt Luzern schränkt Airbnb ein. Grindelwald will keine neuen Hotels mehr zulassen.
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Studien prognostizieren auch künftig ein starkes Wachstum des globalen Tourismus. Trotzdem investiert die Schweiz weiterhin Millionen in die Anwerbung zusätzlicher Gäste. Der Bund zahlte allein vergangenes Jahr 60 Millionen Franken an Schweiz Tourismus. Die Marketing- und Verkaufsorganisation hat den gesetzlichen Auftrag, zusätzliche Gäste ins Land zu locken. Sie beschäftigt 280 Angestellte in 22 Ländern.
Früher bejubelten die Tourismusverantwortlichen fast jedes Jahr neue Übernachtungsrekorde. Doch inzwischen kämpft Schweiz Tourismus um seine Daseinsberechtigung. Aufgrund der zunehmenden Skepsis in der Bevölkerung – Stichwort Overtourism – hat die Organisation ihre Strategie angepasst, und vor allem auch ihre Kommunikation.
Das neue Credo lautet: «Wir bringen die richtigen Gäste zur richtigen Zeit an die richtigen Destinationen.» Das versprach der Direktor Martin Nydegger Anfang 2024. Zweieinhalb Jahre später ist klar, dass dieses Ziel bisher verfehlt wurde. Eine Analyse der «NZZ am Sonntag» zeigt: In der Logiernächte-Statistik sind keine Hinweise auf eine bessere Verteilung erkennbar – weder räumlich noch zeitlich.
Das wirft die Frage auf, ob die Branche die Besucherströme tatsächlich steuern kann, oder ob die neue Strategie vor allem eine Illusion ist und eine Rechtfertigung für staatliche Subventionen darstellt. Für Schweiz Tourismus ist das auch politisch heikel. Der Bund knüpft seine Millionen an klare Bedingungen. Eine davon: Die Besucher sollen sich besser über das Land verteilen.
Die Leistungsvereinbarung des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) verlangt, dass kleinere und mittlere Destinationen gegenüber den 50 grössten Destinationen Marktanteile gewinnen oder zumindest halten. Doch passiert ist seit der Einführung der neuen Strategie das Gegenteil: Die Grossen haben ihren Vorsprung weiter ausgebaut. Sie steigerten die Übernachtungen gegenüber 2023 um 1,7 Millionen Logiernächte, ein Plus von über 6 Prozent. Die rund 130 kleineren Destinationen verzeichneten dagegen weniger als 2 Prozent Wachstum – lediglich 129 000 zusätzliche Logiernächte.
Anteilsmässig haben die Kleinen also an Boden verloren. Und auch zeitlich verteilt sich der Tourismus nicht besser. Der Bund verlangt, dass Frühling und Herbst Marktanteile gewinnen – oder sie zumindest halten. Doch 2025 entfielen 54,8 Prozent der Logiernächte auf die Hauptsaison. Das ist etwa gleich viel wie in früheren Jahren, tendenziell sogar etwas mehr.
Schweiz Tourismus räumt ein, dass sich die Besucherströme bisher nicht verlagert haben. Die Organisation ist jedoch der Meinung, dass es noch zu früh sei für eine Bilanz. «Das Reiseverhalten ändert sich nicht von einem Jahr aufs andere, sondern träge über die Zeit», sagt der Sprecher Jean-Claude Raemy. Gerade die Saisonalität sei in der Reisebranche teilweise strukturell bedingt, etwa durch Schulferien und Feiertage.
Schweiz Tourismus sieht die Verantwortung nicht allein bei sich: «Grössere Destinationen und Städte betreiben auch eigenes Marketing und profitieren eher von globalen Trends, die über unseren Einfluss hinausgehen.» Gerade deshalb brauche es eine nationale Organisation, die kleinere und mittlere Destinationen international sichtbar mache.
Doch es gibt auch andere Meinungen. Das Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern stellt die staatliche Tourismusförderung ganz grundsätzlich infrage: «Ökonomisch sind Subventionen in der Regel nur dann überzeugend nachvollziehbar, wenn sie ein klar identifizierbares Marktversagen korrigieren», sagt Simon Schmitter, Forscher im Bereich Fiskalpolitik.
Es sei nicht ersichtlich, warum ein solches Marktversagen im Tourismus stärker zutreffen sollte als in anderen Branchen. Ein grosser Teil der Erträge falle zudem bei Hotels, Bergbahnen und Reiseanbietern an, während die lokale Bevölkerung die Folgekosten trage, wie etwa den zusätzlichen Verkehr.
Weniger kritisch ist Florian Eggli, Leiter des Instituts für Tourismus und Mobilität der Hochschule Luzern. Er findet die neue Strategie von Schweiz Tourismus grundsätzlich sinnvoll, lässt aber durchblicken, dass es schwierig werden könnte, eine Verhaltensänderung herbeizuführen. Internationale Marken wie Davos, St. Moritz oder Zermatt hätten sich als Sehnsuchtsorte etabliert. «Dies lässt sich nicht von heute auf morgen durch die kleineren Destinationen wettmachen – auch nicht mithilfe von Schweiz Tourismus.»
Kritiker werfen Schweiz Tourismus zudem vor, die staatlichen Fördergelder nach dem Prinzip «Use it or lose it» Jahr für Jahr bis auf den letzten Franken auszugeben – oder zumindest den Anschein zu erwecken, dass jeder Franken unentbehrlich sei. Jüngst kritisierte ein ehemaliger Manager auf dem Finanzportal «Inside Paradeplatz» die «Finanz-Akrobaten» der Organisation.
Tatsächlich weist Schweiz Tourismus seit Jahren «auffällig ausgeglichene Jahresergebnisse» vor, konstatiert Andreas Bergmann, Professor für öffentliche Finanzen an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. 2025 betrug der «Minderaufwand» 25 133 Franken, im Vorjahr 17 524 Franken – und das bei einem Gesamtbudget von knapp 100 Millionen Franken. Andere Organisationen wagen nicht einmal davon zu träumen, so nahe an eine schwarze Null zu kommen.
Bergmann stellt fest, dass die Organisation sehr viele passive Rechnungsabgrenzungen vornimmt, beispielsweise für künftige Marketingaktivitäten und den Personalaufwand. Dadurch seien die tatsächlichen finanziellen Verhältnisse kaum erkennbar. Formal sei daran nichts zu beanstanden, da der Bund die Rechnungslegung nach Obligationenrecht (OR) vorschreibe. Bergmann ist jedoch der Überzeugung, dass eine Buchhaltung nach Ipsas – dem internationalen Standard für den öffentlichen Sektor – sinnvoller wäre. Das würde mehr Transparenz schaffen.
Schweiz Tourismus und auch das Seco als deren Aufsichtsbehörde sehen keinen Handlungsbedarf, weder bei der Buchhaltung noch bei der Strategie. Der Sprecher Raemy sagt, dass man als öffentlichrechtliche Körperschaft weder Gewinn noch Verlust erzielen solle. Die Kritik an den geringen Ergebnisschwankungen verstehe man deshalb als Kompliment für die präzise Arbeit der Finanzabteilung. Auch die Fokussierung auf die Nachfragelenkung wird nicht infrage gestellt. Der Bund und Schweiz Tourismus sind sich einig, dass diese in Zukunft noch viel wichtiger werden soll.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»